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Flüchtlinge
09.08.2018

Warum Afrika die Menschen davonlaufen

Ein Mann aus Afrika hofft in Europa eine Heimat zu finden. Er kam mit einem Boot übers Mittelmeer nach Spanien.
Foto: Javier Ferbo, dpa (Archiv)

Krieg, Hunger, Diktatoren: Was treibt die Menschen aus Nigeria, Somalia, Eritrea und Gambia in die Flucht? Eine Analyse.

Es sind Worte, die mehr nach Hoffnung als nach Prognose klingen. „Ich bin mir sicher“, sagte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) vor wenigen Tagen in einem Interview, „Afrikas Jugend will und wird sich nicht auf die Flucht begeben und in der Heimat bleiben, wenn es Arbeit und Zukunftsperspektiven gibt.“ Bislang machen Schutzsuchende aus Afrika in Deutschland nur einen vergleichsweise kleinen Anteil aller Flüchtlinge aus. Im ersten Halbjahr 2018 waren die Hauptherkunftsländer Nigeria (6648), Eritrea (3931) und Somalia (3374). Zum Vergleich: Aus Syrien und dem Irak kamen in der gleichen Zeit 26.095 beziehungsweise 9725 Menschen.

Doch weil nirgends sonst auf der Welt so viele Menschen auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Unfreiheit sind wie auf dem afrikanischen Kontinent, wächst die Sorge, dass die Zahl der Flüchtlinge aus Afrika steigen wird. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die im Auftrag des Bundes die deutsche Entwicklungshilfe umsetzt, hat ihren Schwerpunkt klar auf Afrika konzentriert. In Spanien kommen schon jetzt vor allem Menschen aus Afrika an. In Deutschland sind es vor allem ostafrikanische Länder, die die Statistiken anführen. Ein Überblick über die Lage in den wichtigsten afrikanischen Herkunftsstaaten.

Nach Deutschland kommen vor allem Menschen aus Nigeria

Die meisten Flüchtlinge, die aus Afrika nach Deutschland kommen, stammen aus Nigeria –und es werden mehr. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs die Zahl der Asylanträge um mehr als 53 Prozent. Allerdings sind die Chancen auf Anerkennung für Nigerianer in Deutschland überschaubar: Die sogenannte Schutzquote liegt bei 15,9 Prozent – bei Syrern liegt sie bei 77,9 Prozent. Von den 6648 Nigerianern, die im ersten Halbjahr nach Deutschland flohen, werden nur 1333 nicht abgeschoben, sogar nur 28 werden als Asylberechtigte anerkannt.

Dabei ist der bevölkerungsreichste Staat mit etwa 185 Millionen Einwohnern eines der vielen afrikanischen Sorgenkinder: Bei Anschlägen der Terrormiliz Boko Haram sind im Nordosten des Landes und in angrenzenden Gebieten seit 2009 mindestens 20.000 Menschen ums Leben gekommen. Militärisch hat Nigeria die Terroristen zwar zurückgedrängt. Doch sie führen immer noch Anschläge aus. Mehr als zwei Millionen Nigerianer sind vor der Gewalt geflohen, die meisten allerdings in die Nachbarländer. Flüchtlinge, die es nach Europa zieht, fliehen vor allem vor der scheinbar aussichtslosen politischen und wirtschaftlichen Lage.

Im Nordosten waren im vergangenen Jahr den Vereinten Nationen zufolge fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, rund zwei Millionen von ihnen gelten bereits als mangelernährt. Zwar hat sich das Land seit dem Ende der Militärherrschaft 1999 stabilisiert, doch weder Reformen noch die Bekämpfung der Korruption kommen voran. Eine schleppende Verwaltung lähmt das Land – und verschlingt Unsummen. Sinkende Öleinnahmen belasten die Wirtschaft schwer. Die Landwirtschaft ist noch nicht einmal in der Lage, die eigene Bevölkerung zu ernähren, es braucht Importe aus dem Ausland.

Eine Terrorgruppe vertreibt die Menschen aus Somalia

Afrikas ewiger „failed state“ (gescheiterter Staat) kommt wegen andauernder Konflikte und Hungerkrisen nicht zur Ruhe. Seit Jahren kämpft die Terrorgruppe Al-Shabaab um die Vorherrschaft in dem Land am Horn von Afrika. Trotz einer zum Großteil von der EU finanzierten und rund 20.000 Mann starken Friedenstruppe der Afrikanischen Union sind Frieden und Stabilität nicht in Sicht. Seit 1991 steckt Somalia in einem Kreislauf aus Gewalt, Flucht und Hunger. Nach der Hungersnot 2011 mit mehr als 250.000 Toten konnte im vergangenen Jahr durch große Anstrengung noch eine erneute Hungersnot verhindert werden.

Doch schlimme Dürren werden immer öfter wiederkehren, fürchten Experten. In diesem Jahr allein werden voraussichtlich eine Million Kinder mangelernährt sein – 232000 davon lebensbedrohlich. Dagegen soll ein Projekt von Welternährungsprogramm und Unicef helfen, das mit 50 Millionen Euro für drei Jahre von der Bundesregierung finanziert wird. Doch wegen des Al-Shabaab-Terrors können humanitäre Helfer einige Teile des Landes gar nicht erreichen.

So sind derzeit zwei Millionen Somalier innerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht. Zudem sind fast 900.000 somalische Flüchtlinge in andere Länder der Region geflohen, tausende kamen über das Mittelmeer nach Europa. In Deutschland stellten im ersten Halbjahr 2018 3374 Somalier einen Erstantrag auf Asyl, die Schutzquote ist vergleichsweise hoch: 2256 Somalier durften bleiben.

Die Bürger von Eritrea dürfen seit 1993 nicht wählen

Eritrea gilt als Krisenland, entsprechend groß sind die Chancen auf Asyl in Deutschland. Das Regime in Eritrea unterdrückt systematisch die Freiheitsrechte seiner Bürger: Seit 1993 gab es keine Wahlen, freie Meinungsäußerung wird beschnitten, es gibt auch keine freie Presse oder eine nennenswerte politische Opposition. Einer der Hauptgründe, der junge Menschen in die Flucht treibt, ist der zeitlich oft unbegrenzte Wehrdienst. Menschenrechtsgruppen sehen darin eine moderne Form der Sklaverei. Deserteure werden verhaftet, eingesperrt und riskieren Folter und Tod.

Eritrea gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Es nimmt unter 188 Staaten den 179. Platz im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen ein. Die Militarisierung scheint der Regierung wichtiger als die Entwicklung. Das Auswärtige Amt schreibt: „Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung steht seit vielen Jahren unter Waffen oder muss im Anschluss an den Wehrdienst eine nationale Dienstpflicht (,national service‘) ableisten, sodass sie für eine produktive Tätigkeit nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.“

Zahlreiche Regimekritiker wurden ohne rechtsstaatliches Verfahren verhaftet und sind seit Jahren ohne jeden Kontakt zur Außenwelt an geheimen Orten inhaftiert. Von den 3931 Asylerstanträgen wurde in 3604 Fällen zumindest vorübergehender Schutz gewährt.

Gambia: Ein kleiner Staat mit großen Problemen

Der kleine westafrikanische Staat Gambia gehört den Vereinten Nationen zufolge zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Präsident Yahya Jammeh regierte das fast völlig vom Senegal umgebene Land 22 Jahre lang mit harter Hand, schuf ein Klima der Angst. Neuer Präsident wurde im vergangenen Jahr Adama Barrow, die Hoffnung wächst.

Aus der früheren britischen Kolonie mit knapp zwei Millionen Einwohnern fliehen trotzdem weiter jedes Jahr tausende Menschen ins Ausland. Im ersten Halbjahr stellten in Deutschland 927 Gambier einen Asylantrag. Allerdings ist die Anerkennungsquote gering, sie liegt deutlich unter 10 Prozent, die meisten warten auf ihre Abschiebung. Gambias Wirtschaft ist vor allem von der Landwirtschaft bestimmt.

Das wichtigste Exportprodukt des Landes sind Erdnüsse, die im gambischen Klima gut gedeihen. Eine wichtige Rolle spielt auch der Tourismus. Die Strände Gambias ziehen viele Touristen an, auch aus Europa. Von Anschlägen ist das Land bislang verschont geblieben.

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