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Coronavirus

25.03.2020

In den Slums Südafrikas wächst die Angst vor dem Virus

Der Busfahrer Chleo Cummings aus Kapstadt versucht, sich mit einer Schutzmaske gegen Fischgestank vor dem Coronavirus zu schützen.
Bild: Christian Putsch

Das Coronavirus löst in den Armenvierteln, die ohne effektives Gesundheitssystem auskommen müssen, große Ängste aus. Dort leben die Menschen dicht an dicht.

Ein Freund hat ihm eine Maske aus einer Fischfabrik geschenkt. Sie schützt dort in erster Linie vor dem Gestank, gegen Covid-19 kann sie wohl nicht viel ausrichten. Aber das Gerät umschließt das ganze Gesicht, man fühlt sich hinter ihr ein wenig sicherer, und deshalb trägt sie der Busfahrer Chleo Cummings. Jeden Tag während der Arbeit, von 5 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Der 30-Jährige sitzt in seinem Kleinbus am Rande des Imizamo-Yethu-Townships im Kapstadter Vorort Hout Bay und wartet darauf, dass sich das Fahrzeug füllt. Erst wenn die maximale Zahl der 15 Passagiere erreicht ist, fährt er los. „Natürlich habe ich Angst“, sagt Cummings, „wenn mich das Virus erwischt, würde ich vielleicht meine Mutter anstecken und in Gefahr bringen.“

Am Mittwoch wies die nationale Dachorganisation Santaco alle Fahrer des Landes an, ihre Fahrzeuge und Haltestellen täglich zu desinfizieren. Doch es fehlt vielerorts an Reinigungsmitteln. Und die Leute sitzen weiter dicht an dicht gedrängt. Cummings weist jedenfalls niemanden ab. Wer hustet, wird ans offene Fenster gesetzt. Sein Kollege, der den Fahrpreis in bar einsammelt, hat Handschuhe besorgt.

Die Maßnahmen gegen das Coronavirus ähneln denen in Europa

Am vergangenen Sonntag verkündete Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa ähnliche Maßnahmen im Kampf gegen das Virus, wie sie in Europa längst üblich sind: Schulschließungen, Einreiseverbote für Bürger aus Risikoländern, keine Veranstaltungen mit mehr als 100 Menschen, möglichst viel sozialer Abstand.

In den Slums Südafrikas wächst die Angst vor dem Virus

Besorgt hatte Cummings über Instagram und Fernsehen verfolgt, dass es sich bei den Infizierten nicht mehr überwiegend um wohlhabende Weiße handelte, die aus Risikogebieten zurückkamen. Die Behörden melden auch vermehrt lokale Übertragungen. Damit droht das Schreckensszenario, vor dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Monaten warnt: In strukturschwachen Ländern werden bei einer größeren Verbreitung von Covid-19 die Gesundheitssysteme weit schneller kollabieren als in Europa. Besonders in dicht besiedelten Armenvierteln wären die Folgen kaum abzusehen. Afrika müsse „dringend aufwachen“, warnte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus: „Der beste Ratschlag an Afrika ist, sich auf das Schlimmste vorzubereiten und heute damit anzufangen.“

Nach vermehrten Tests steigen die Fallzahlen rasant an 

In den vergangenen Wochen wurden die Testmöglichkeiten in allen Ländern Afrikas massiv erweitert. Bislang kam der Kontinent vergleichsweise glimpflich davon: Es gab bislang erst knapp 1100 bestätigte Fälle (Stand 21. März), doch die Zahl hat sich innerhalb der vergangenen Woche nach vermehrten Tests versiebenfacht. Drei Viertel der Nationen sind betroffen, mindestens 16 Menschen starben. Die Diskrepanz zu den tatsächlichen Fallzahlen dürfte angesichts der nicht ausreichenden Testmöglichkeiten allerdings noch größer sein als in Europa.

In Südafrika beobachtet der deutsche Wissenschaftler Wolfgang Preiser die Ausbreitung des Virus in strukturschwachen Wohngebieten mit großer Sorge. Er leitet die Abteilung für Medizinische Virologie an der Universität Stellenbosch. Preiser geht davon aus, dass sich die Krankheit in Afrika derzeit von einer Infektion der international reisenden Mittelschicht zur ärmeren Bevölkerung verlagert, die keinerlei Isolationsmöglichkeiten hat. „Das wird passieren. Und wie sollen sich ab einem gewissen Punkt dieser Krise Infizierte oder gar Kontaktpersonen isolieren, die mit zehn anderen in einer Blechhütte leben und sich mit hunderten Nachbarn Wasserhahn und Toiletten teilen“, fragt Preiser.

Immerhin hat Südafrikas Gesundheitssystem Fortschritte gemacht

Zwar sei Südafrika besser gerüstet, als es in Europa wahrgenommen werde – in den vergangenen Jahren habe das Gesundheitssystem bei der Bekämpfung der HIV-Epidemie erhebliche Fortschritte gemacht. Zudem sei es mehrfach gelungen, Infektionsausbrüche wie das Krim-Kongo Hämorrhagische Fieber oder Rifttal-Fieber früh und effektiv einzudämmen. Von diesen Erfahrungen werde das Land zumindest in den frühen Stadien der Covid-19-Krise profitieren.

Angesichts von nur 3000 geeigneten Intensivbetten in den Krankenhäusern wird hier die Überlastungsgrenze allerdings rasch erreicht werden. Die meisten anderen afrikanischen Länder haben nur einen Bruchteil dieser Kapazitäten. Durch die weltweite Ausbreitung ist auch die Hoffnung auf ausreichende ausländische Unterstützung begrenzt.

Die stagnierende Wirtschaft lässt wenig Spielraum

Der Virologe gibt zu bedenken, dass die seit Jahren stagnierende Wirtschaft wenig Puffer hat, trotz des Versprechens der Regierung, Hilfsprogramme auf den Weg zu bringen. Und auch andere Faktoren seien noch nicht absehbar, sagt Preiser. „Für viele Kinder ist die Zeit in der Schule die einzige des Tages, während der sie vor Kriminalität und Verkehrsunfällen in Sicherheit sind – und die einzige Möglichkeit, eine reguläre Mahlzeit zu bekommen“, sagt der Virologe, „die Folgen der Schulschließungen sind hier also deutlich vielschichtiger als in Deutschland.“

Wie gravierend die ökonomischen Effekte in den Armenvierteln sind, das zeichnet sich in Imizamo Yethu mit seinen rund 30.000 Bewohnern ab. Fahrer Cummings hat innerhalb weniger Tage die Hälfte seiner Kundschaft verloren, schließlich fällt der Schulverkehr weg. Dazu schließt ein Gasthaus nach dem anderen. Die Mittelschichtsfamilien haben ihren Haushaltshilfen freigegeben, immerhin oft bei voller Bezahlung. Zumindest vorerst.

Nur wenige kennen den Township so gut wie Thobeka Mdlalo. Die 41-Jähige ist eine der zahlreichen kreativen Überlebenskünstlerinnen. Ein wenig verdient sie mit selbst genähter Mode, gelegentlich hilft sie einem Gemeindearbeiter, manchmal führt sie auch Touristen durch den Township. Sonst sind es rund 30 am Tag, am Mittwoch waren es zwei, die ihren Rückflug nach Europa nicht umbuchen konnten: „Sie werden normalerweise sehr herzlich empfangen, jetzt gehen alle auf Abstand. Einige Bewohner haben sogar das T-Shirt über den Mund gezogen.“

Die Gräben in der Gesellschaft könnten sich weiter vertiefen

Hier in Hout Bay zeigen sich die Parallelwelten in Südafrika mit seinen enormen Einkommensunterschieden besonders ausgeprägt. Und dieser Graben könnte durch die Covid-19-Krise vertieft werden. In den vergangenen Tagen gab es einen Ansturm auf die Supermärkte, Desinfektionsmittel, Klopapier und Nudeln waren ausverkauft. Hamsterkäufe kann sich in den Townships aber kaum jemand leisten.

„Die meisten müssen bis zum Ende des Monats warten, bis sie ihr Gehalt oder Sozialhilfe ausgezahlt bekommen“, sagt Mdlalo. Die Regale können, mit Ausnahme der Desinfektionsmittel, derzeit fast täglich aufgefüllt werden. Das dürfe sich bis zu den Auszahlungstagen nicht ändern, sonst werde die Verunsicherung in Imizamo Yethu weiter zunehmen, sagt Mdlalo.

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