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Interview
12.03.2012

Experte: Wassermangel kann Revolutionen auslösen

Dürre in China.

Der Druck auf die Ressource Wasser steigt weltweit. Ein Wissenschaftler sagt im Interview, was dies für die Gesellschaft und die Politik bedeutet.

Im Vorfeld des Weltwasserforums in Marseille hat die zuständige UN-Organisation Unesco einen umfassenden, 700-seitigen Bericht zum Zustand der weltweiten Wasserressourcen veröffentlicht. Haupt-Autor des Reports ist der kanadische Biochemiker Richard Connor. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa sieht er durch den gesellschaftlichen und politischen Wandel starken Druck auf die Ressource Wasser.

Wachsender Bevölkerungsdruck, Klimawandel, Wasserverschmutzung durch Industrie und Landwirtschaft: Geht uns bald das Wasser aus?

Connor: Wir haben im Prinzip die gleiche Menge Wasser wie seit ewigen Zeiten. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied. Die Menge des angezapften Grundwasser hat sich in den vergangenen 50 Jahren verdreifacht. Dieses Grundwasser ist der Teil, der nicht erneuert wird. Es fließt Richtung Ozean und fehlt im verfügbaren Bestand.

Was hat sich seit dem vergangenen Weltwasserforum geändert?

Connor: In den vergangenen drei Jahren hat es mit Blick auf den globalen Wasserzyklus kaum Veränderungen gegeben. Was sich beschleunigt hat, ist der politische und soziale Wandel, das hat direkte Auswirkungen aufs Wasser und seine Nutzung. Ein Beispiel: 2010 gab es eine Dürre in Nordeuropa und Asien. Deshalb hatte die russische Regierung ein Exportverbot für Getreide verfügt. Daraus resultierte mehrere Monate später eine Verdoppelung des Weltmarktpreises. Einige Beobachter meinen sogar, dass dieser Anstieg der Getreidepreise einer der Auslöser für den Arabischen Frühling war. Es zeigt, wie die Dinge direkt mit Wasser verbunden sind.

Ist damit das Risiko von Kriegen um das Wasser gestiegen?

Connor: Nein, wir sprechen auch nicht von Wasserkriegs-Risiken. Viele Länder teilen zunehmend ihr Wasser. Wasser-Kooperation hat Vorteile für alle Beteiligten. Nehmen Sie etwa fünf Anrainer-Länder eines Flusssystems. Die könnten alle jeweils ihren eigenen Damm bauen und etwas Strom produzieren, oder aber einen leistungsstärkeren großen gemeinsam bauen und den so gewonnenen Strom dann teilen. Das bringt die Länder wirtschaftlich näher; das Gleiche könnten die auch bei der Nahrungssicherheit beschließen. So läuft das heute.

Welche Regionen sind zur Zeit besonders gefährdet?

Connor: Es hängt davon ab, welches Risiko gemeint ist. Es geht oft um die Verbindung zwischen Geld und Wasser. Es gibt Gegenden mit absoluter Wasserknappheit - nehmen Sie den Nahen Osten, den Südwesten der USA, den Jemen oder Afghanistan - die haben einfach nicht genug Wasser. Dann gibt es aber andere Regionen, die Wasser haben, wo es aber kein Geld gibt, es zu nutzen. Schwarzafrika nutzt nur drei bis vier Prozent seines Potenzials für Wasserenergie, während Europa oder Nordamerika mehr als 60 Prozent nutzen.

Wie sehen Sie den zunehmenden Erwerb von Agrarflächen durch Länder wie China oder Saudi-Arabien in Afrika?

Connor: Das ist ein relativ neues Thema. Da es um bilaterale Beziehungen geht, will ich mich als Autor des Weltwasserberichts nicht äußern. Als Privatperson würde ich sagen: Es ist für die Wohlhabenden ohne Wasserressourcen eine Möglichkeit, Wirtschaftswachstum in eine Gegend mit Ressourcen zu bringen, die sie nicht entwickeln kann. Es ist die Frage, wie man die Vorteile aufteilt. Den Erwerb riesiger Landflächen kann man in den meisten Fällen auch als Wassererwerb sehen, denn man erwirbt das Land ja, um dort etwas anzupflanzen, und dafür braucht man Wasser. Auch wenn es nicht explizit gesagt wird: Implizit muss definitiv Wasser mit dem erworbenen Land kommen, um es auch zu nutzen.

Hilfsorganisationen haben den letzten Weltwasserbericht als Ansammlung von Allgemeinplätzen kritisiert. Was sagen Sie dazu?

Connor: Die diversen Autoren des Reports sind der Ansicht, dass Hilfsorganisationen nicht immer sehr realistisch sind und oft auch ihre eigenen Motive haben. Was einige Hilfsorganisation eventuell langweilig nennen mögen, nenne ich Neutralität. Ich habe auch meine Probleme mit einigen Hilfsorganisationen. Ich denke, viele würden es besser finden, wenn wir ihre Sichtweisen stärker berücksichtigen würden. Aber das ist nicht unser Mandat. dpa/AZ

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