Walter Sittler hat es sich in der Bar des Hotels am Schlossgarten gemütlich gemacht. Der Schauspieler ist das bekannteste Gesicht des Protests gegen das Jahrhundertprojekt Stuttgart 21. Der Widerstand gegen Stuttgart 21 ist für ihn mehr als ein politisches Statement eines Künstlers. Verbindlich im Ton, aber hart in der Sache erklärt er, warum die Bahn gut daran täte, sich die Argumente der Protestierenden ernsthaft anzuhören.
Wann haben Sie sich zum Protest gegen Stuttgart 21 entschieden?
Sittler: Ich habe das von Anfang an mitbekommen. Als die Geschichte mit dem Transrapid in München kein Happy End fand, war ich mir sicher, dass es mit Stuttgart 21 ebenso kommen wird. Später gesellte ich mich zu den Montagsdemonstrationen. Schließlich fragte man mich, ob ich auf den Demos reden würde. Das tat ich. Und wieder und wieder.
Und wieso sind Sie gegen Stuttgart 21?
Sittler: Weil von Beginn an absehbar war, dass Stuttgart 21 nicht das bringt, was es bringen soll.
Inwiefern? Wie argumentieren Sie gegen den Neubau?
Sittler: Um beim Einfachen anzufangen. An der Beschleunigung der Fahrt nach München habe ich im Grunde gar nichts auszusetzen. Obwohl man das auch mit anderen Mitteln als der Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm machen könnte.
Was heißt mit anderen Mitteln?
Sittler: Die Frage ist doch, ob die teure Neutrassierung nötig ist. Wir sind früher auch schon in zwei Stunden nach München gefahren. Das geht nur jetzt nicht mehr, weil die Strecke nicht erneuert worden ist. Allein durch eine Sanierung ließe sich viel Zeit sparen. Darauf will ich mich aber nicht festlegen. Denn ich habe nichts dagegen, dass die Münchner, Augsburger und Ulmer schneller nach Stuttgart kommen. Der Tiefbahnhof ist Ihnen aber ein Dorn im Auge. Sittler: Was den betrifft, habe ich als Bahnfahrer schon lange das Gefühl, er nützt weder in Sachen Bequemlichkeit noch in Sachen Anschlussmöglichkeiten etwas. Zwar fahren die Züge schneller durch, aber durch die verkürzten Umsteigezeiten entsteht Chaos auf den Bahnsteigen. Man kann die Menschen, die da mit Koffern, Wägelchen oder Kindern unterwegs sind, nicht beliebig beschleunigen. Das ist eine Art von Just-in-time-Mentalität, die mir nicht gefällt. Die Menschen werden dabei zu Werkstücken reduziert. Ihre Wünsche und berechtigten Bedürfnisse wurden nicht ausreichend berücksichtigt.
Warum sollte die Bahn die Wünsche ihrer Kunden nicht berücksichtigen?
Sittler: Weil es da auch um viel Geld und die Interessen der Immobilienleute geht. Die Bahn als Bauherr verdient daran, sie kriegt zehn bis 20 Prozent der Bausumme. Muss man mehr dazu sagen? Nach all dem, was ich weiß, kann so ein Tiefbahnhof nicht so effektiv sein wie ein renovierter Kopfbahnhof. Der Schaden, der in der Stadt durch den Neubau angerichtet wird, wiegt den Nutzen nicht auf.
Warum ist der Unmut erst nach dem Baubeginn so groß?
Sittler: Es wurde immer behauptet, es hätte eine Beteiligung der Bürger gegeben. Das stimmt aber nur bedingt. Denn Bedingung war immer, dass der Kopfbahnhof wegfällt. Alles andere war ausgeschlossen. Ich halte es eher für ein Diktat, wenn man sich nur an der Entscheidung beteiligen kann, welche Blumen auf dem Gleisvorfeld gepflanzt werden.
Warum wurde aber der Protest nicht schon früher lauter?
Sittler: Früher war die Lage schwer zu durchschauen. Ich hörte damals, genügend Leute hätten 60 Alternativen geprüft. Damit gab ich mich zufrieden. Doch die Alternative, den Erhalt des Kopfbahnhofs, die Erneuerung des Gleisvorfelds und einen Anschluss an die Neubaustrecke, gehörte nie dazu.
Aber macht es Sinn, im heutigen Planungs- und Baustadium das Projekt noch zu stoppen?
Sittler: Ja klar. Zwar wurde auch von Frau Merkel kürzlich gesagt, dass es sich um ein europäisches Projekt handle, das auch fristgerecht eingehalten werden müsse. Doch ich sage: Der Tiefbahnhof ist kein europäisches Projekt. Es handelt sich dabei um ein relativ bedeutungsloses regionales Prestigeobjekt. Das Geld, das aus Europa kommt, ist für die Gleise. Wo die verlegt werden, das ist ein anderes Problem. Diese Schwindelei, das Projekt von oben mit der EU zu verknüpfen, ist sozusagen der letzte Tropfen gewesen, warum das Fass hier überläuft. Und es hat sicherlich auch mit dem Staat, mit der schwarz-gelben Regierung zu tun, die dem Bürger das Gefühl vermittelt, er nehme keine zentrale Rolle in ihrer Aufmerksamkeit ein. Da wird erst beruhigt und dann macht man das Gegenteil.
Aber wird nicht der Südwesten vom Bahnverkehr weitgehend abgehängt, wenn das Projekt platzt?
Sittler: Das wird immer gesagt. Aber wir werden jetzt nicht abgehängt, auch in der Bauzeit des Tiefbahnhofs nicht. Wenn man gar nichts macht, werden die Züge eben auf der alten Strecke weiterfahren. Die müsste man halt renovieren. Da könnte man auch 20 Minuten Zeitersparnis reinholen. Dazu wären dann in Stuttgart neue Streckenvarianten notwendig, um den Verkehr gut bewältigen zu können.
Dafür gibt es aber noch nicht einmal ein Planfeststellungsverfahren ...
Sittler: Das stimmt. Aber auch für fünf Bereiche der Neubaustrecke gibt es noch keine Planfeststellung. Das sind doch immer nur vorgeschobene Scheinargumente. Klar würde die Realisierung einer neuen Variante eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. Doch der Bau würde viel schneller vonstattengehen als bei Stuttgart 21. Man bräuchte bei einer Variante statt 60 Kilometer nur zwölf Kilometer Tunnel. Am Ende geht doch darum: Was bringt uns am meisten und was können wir finanziell leisten?
Um wie viel wäre einer Ihrer Vorschläge günstiger?
Sittler: Das weiß ich nicht genau. Darauf möchte ich mich nicht festlegen. Aber es könnte jedenfalls auf den Tiefbahnhof verzichtet werden, man müsste keine Bäume fällen.
Was sagt die Bahn dazu?
Sittler: Geht nicht, mach ma' nicht.
Könnte der Bau des Tiefbahnhofes an Problemen wie der schwierigen Grundwassersituation scheitern?
Sittler: Das glaube ich nicht. Das ist zwar eine wahnsinnige Aufgabe. Aber die können das bauen. Es ist die Frage, ob man das auch soll. So muss beispielsweise der Nesenbach verlegt werden. Das heißt, er muss zunächst unterirdisch unter dem Projekt hindurchgeführt und auf der anderen Seite wieder nach oben gepumpt werden. Und zwar nicht einmal, sondern für immer, immer, immer. Außerdem muss die Grundwasserlage so gestaltet werden, dass die Bäume im Rest-Schlosspark nicht verdursten. Ja, wie machen die das? Sie sagen, sie werden das Wasser dorthin pressen. Das hat noch keiner versucht. Wir sind hier ein bisschen Spielwiese für Ingenieure und Techniker. Manchmal muss man das riskieren. Wegen des Tiefbahnhofes aber nicht.
Sie denken also, dass die Kosten für das Projekt weiter steigen werden?
Sittler: Das ist bei jedem Großprojekt so. Das ist kein Stuttgarter Phänomen. Die Bürger wissen das, und sie wissen, dass jedes Projekt teurer wird. Deswegen sollte man heute über die voraussichtlichen Endkosten sprechen und nicht über die gewünschten Anfangskosten.
Jetzt sind 4,1 für den Bahnhof und 2,9 Milliarden Euro für die Schnellfahrtrasse angesetzt.
Sittler: Das wird garantiert nicht reichen. Darum müsste man das Alternativkonzept zumindest in Erwägung ziehen. Was kostet es? Wie wäre es machbar? Und das sollten die Verantwortlichen nicht Leuten überlassen, die es in ihrer Freizeit auf eigene Kosten zu leisten versuchen. Kosten von 100 000 Euro für ein Gutachten können bei dem Gesamtvolumen nicht das Problem sein. Die Politik muss die Alternativen prüfen.
Aber die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern sind verhärtet ...
Sittler: Leider.
Ziehen Sie eine Kompromisslinie.
Sittler: Also. Was die Gebäude betrifft, wird es keinen Kompromiss geben. Entweder man baut oder man baut nicht. Ich denke, die beste Lösung wäre: Man stoppt vorerst den Bau, prüft das Alternativkonzept ergebnisoffen. Dann muss man entweder die Bürger entscheiden lassen - was ich für das Beste hielte. Oder aber die politisch Verantwortlichen setzen sich hin und sagen, nach Abwägung aller Möglichkeiten sind wir der Meinung, dass ... Aber wahrscheinlich ist die Situation so verfahren, dass man die Bürger entscheiden lassen muss.
Und wenn sich die Mehrheit für Stuttgart 21 entscheidet?
Sittler: Ich für meine Person hielte mich an das Ergebnis, egal wie es aussieht. Ich beiß' mir auf die Zähne und dann ist es das halt. Das gehört dazu, wenn es demokratisch zugeht.
Sie spielen gerade Theater ...
Sittler: "Gut gegen Nordwind" heißt das Stück. Sehr anstrengend, sehr schön, nach einem E-Mail-Roman.
Es gibt Leute, die fordern, Sittler muss Oberbürgermeister in Stuttgart werden. Was sagen Sie denen?
Sittler: Ich bin kein Politiker, sondern Schauspieler. Ich mische mich gerne ein, aber ich werde keinen politischen Posten antreten, egal, welcher das auch sein könnte. Interview: Josef Karg