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Lifeline

25.06.2018

Kapitän aus Landsberg sitzt mit 234 Flüchtlingen vor Malta fest

Die „Lifeline“ mit 234 Flüchtlingen liegt vor Malta.
Bild: Mission Lifeline, afp

Das Rettungsschiff "Lifeline" darf aktuell nicht anlegen. Der Landsberger Kapitän Claus-Peter Reisch sitzt mit 234 Flüchtlingen an Bord im Mittelmeer fest.

Nach der "Aquarius" dümpelt wieder ein Flüchtlingsschiff im Mittelmeer, dem Italien, Malta und zuletzt auch Spanien die Anlandung verweigern. Es handelt sich um ein Schiff der Dresdner Hilfsorganisation Mission Lifeline. Kapitän ist Claus-Peter Reisch aus Landsberg am Lech. „Die Stimmung in der Crew ist gut und den Flüchtlingen geht es soweit auch gut. Aber wir können nicht ewig vor Malta auf und ab fahren“, sagt er in einem Telefongespräch mit unserer Redaktion.

Mit 18 Mann Besatzung und 234 vor Libyen geretteten Bootsflüchtlingen an Bord wartet Reisch 25 Seemeilen südwestlich des Inselstaates auf die Erlaubnis, einen Hafen ansteuern zu dürfen. In der Tagesschau war Reisch am Samstagabend mit einer kurzen Videobotschaft zu erleben: Er erinnerte daran, dass die Rettung von Menschen aus Seenot eine Pflicht sei. Die Personen wieder nach Libyen zu bringen, verstoße gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. „Ich bin zur Rettung verpflichtet und muss sie in einen sicheren Hafen bringen“, so der Skipper. Libyen mit seinen Lagern sei dies nicht.

Italiens Innenminister Salvini: Hilfsorganisationen sind "Vizeschlepper"

Der italienische Innenminister Matteo Salvini bezeichnete die Hilfsorganisationen laut dpa-Bericht als „Vize-Schlepper“, die Geld mit Migranten machen wollten. Migranten nannte er unlängst „Menschenfleisch“. Für Reisch sind die Vorwürfe, quasi als Schlepper zu fungieren, absurd. „Wir alle sind hier ehrenamtlich.“ Er habe einige tausend Euro in die Hilfsarbeit gesteckt, erzählt der Skipper, der auch schon für die Regensburger Organisation Sea-Eye als Seenotretter unterwegs war.

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Nach tagelangem Warten darf indes ein anderes Schiff mit geretteten Migranten an Bord in Italien anlegen, wie am späten Montagabend bekannt wurde. Der Bürgermeister der sizilianischen Stadt Pozzalla erklärte italienischen Nachrichtenagenturen, dass Innenminister Matteo Salvini die Hafeneinfahrt der dänischen "Alexander Maersk" erlaubt habe. "Wir werden diese Menschen mit der gleichen Menschlichkeit wie immer aufnehmen", sagte Roberto Ammatuna, "heute ist ein wichtiger Tag, weil es sich (...) gezeigt hat, dass die Solidarität immer noch ein verbreitetes Gefühl ist." Das Schiff der Reederei Maersk hatte in der Nacht zu Freitag 113 Migranten im Mittelmeer aufgenommen und die letzten Tage auf die Erlaubnis gewartet, anlegen zu dürfen.

Auch Spanien will "Lifeline" nicht

Für das Rettungsschiff "Lifeline" wird die Lage derweil immer bedenklicher. Auch Spanien erteilte der Dresdner Organisation Mission Lifeline am Montag eine Absage, in einen Hafen des Landes einzufahren. Zwar wolle das Land ein humanitäres Gesicht zeigen, wie es durch die Aufnahme der Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff "Aquarius" gezeigt habe, sagte der Minister für öffentliche Arbeiten, José Luis Ábalos, in einem Interview mit dem spanischen Radiosender "Cadena Ser". "Aber es ist eine andere Sache, jetzt zur maritimen Rettungsorganisation für ganz Europa zu werden", betonte der Politiker, der für die Häfen in Spanien verantwortlich ist.

Die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, hatte am Sonntag angeboten, als "sicherer Hafen" für Flüchtlinge zu dienen. "Ja, wir haben Häfen, Barcelona, Valencia, Palma. Aber Spanien kann diese Verantwortung nicht alleine übernehmen", sagte Ábalos dazu.

Deutsche Abgeordnete: Lage auf "Lifeline" spitzt sich zu

Unklarheit gibt es hinsichtlich der Beflaggung: Die „Lifeline“ läuft unter niederländischer Flagge, ist aber nicht im nationalen Schiffsregister eingetragen. Sie hat eine Registrierung des niederländischen Wassersportverbands. Und damit die Berechtigung, die Flagge zu führen, wie Axel Steier von Mission Lifeline in Dresden erläutert. „Ein Boot bis 500 Tonnen kann als Sportboot angemeldet werden.“ Steier sieht sich durch ein Rechtsgutachten der Uni Leinen bestätigt, es gibt aber auch andere Rechtsmeinungen.

Wenn es den Hilfsorganisationen unmöglich gemacht werde, im Mittelmeer zu agieren, so Reisch, bleibe das Problem der Flüchtlinge in Seenot ungelöst. Die freiwilligen Helfer seien mit ihren Booten, der Ausrüstung und der Crew am besten dafür ausgebildet, Menschen von Schlauchbooten zu retten, sagt er. Handelsschiffe mit ihren meterhohen Schiffwänden seien dagegen kaum zu erklimmen.

Säuglinge und Kleinkinder an Bord der "Lifeline"

Derzeit ist die Situation ruhig. Es gibt genügend Lebensmittel und eine Wasseraufbereitungsanlage. „Wir haben auch Glück mit dem Wetter, die See ist sehr ruhig.“ Doch Reisch fürchtet um die Gesundheit der ausgezehrten Flüchtlinge, wenn es stürmisch wird und die Menschen seekrank werden. „Wir haben hier vier Kleinkinder, davon zwei Säuglinge und 70 unbegleitete Minderjährige.“

Angekündigt haben sich am Sonntagabend drei Bundestagsabgeordnete der Grünen und der Linken, sowie zwei Euroabgeordnete. „Es muss eine Lösung geben“, sagt Reisch. Steier setzt darauf, dass sich doch noch ein Land bereit erklärt, die Flüchtlinge als humanitäres Kontingent aufzunehmen. (mit dpa)

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25.06.2018

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