„Du gibst mir, und ich gebe dir“ lautet eine beliebte Arbeitsteilung zwischen spanischen Politikern und Wirtschaftsbossen. Gute „Amigos“ im Rathaus oder in der Regierung zu haben, ist für Unternehmer oft die beste Voraussetzung, um einen lukrativen öffentlichen Auftrag oder einen millionenschweren Immobiliendeal in die Tasche stecken zu können.
Spanien ist bis heute ein Schmiergeldparadies und gehört – zusammen mit Griechenland, Italien und Portugal – zu den korruptesten Ländern der Europäischen Union. Gerade ist wieder einmal ein prominenter spanischer Politiker über eine Bestechungsaffäre gestolpert: Francisco Camps, acht Jahre lang konservativer Regierungschef der spanischen Mittelmeer- und Urlaubsregion Valencia, musste seinen Hut nehmen.
Mit Designeranzügen für windige Geschäfte belohnt
Der 48-Jährige, der sich zuweilen wie ein (Provinz-)Fürst an der touristischen Costa-Blanca-Küste aufführte, der den Luxus liebte, stolperte über teure Designeranzüge, mit denen ihn ein windiger Unternehmer für politische Gefälligkeiten belohnt haben soll. Demnächst muss sich der smarte Camps, der sich zum Abschied gewohnt überheblich als „einen großartigen, ja den besten Ministerpräsidenten“ bezeichnete, vor Gericht verantworten. Auch wenn er sich theatralisch als „komplett unschuldig“ erklärte. Sich als Opfer einer dunklen Verschwörung, eines „brutalen Systems“ bezeichnete, hinter dem er die sozialistische Regierung Spaniens unter José Luis Zapatero und natürlich die spanische Justiz sieht.
Das alles wäre eigentlich kaum der Rede wert, weil Spaniens Medien fast täglich über Korruption und Vetternwirtschaft, die alle Parteien durchzieht, irgendwo im Königreich berichten. Und weil die Beschuldigten selten reuig sind, aber meist wüste Beschimpfungen und Empörendes von sich geben. Doch der Fall Camps schreckt die Bürger auf, weil er die Spitze eines Eisberges, Teil eines gigantischen Korruptionsskandals ist, der weitflächig die konservative Volkspartei zu unterwandern scheint. Jene christdemokratische Partei, die allen Umfragen zufolge und trotz lang gärender Schmiergeld-Affären die künftige Regierung Spaniens stellen könnte, welche möglicherweise schon im November gewählt werden wird. Den Ermittlungen zufolge soll der Unternehmer Francisco Correa ein gutes Jahrzehnt lang konservative Bürgermeister, Provinzpolitiker, Abgeordnete und hohe Parteifunktionäre mit großzügigen Geschenken gefüttert haben, um lukrative Aufträge zu ergattern.
Prall gefüllte Bargeldumschläge
Correa organisierte Veranstaltungen und Reisen für die Volkspartei sowie ihre Amtsträger, verdiente bei Baugeschäften und Grundstücksdeals mit. Im Gegenzug soll er seinen politischen Freunden teure Autos, Uhren, Safaris, Luxusreisen, Designerkleidung, Bordellbesuche oder auch prall gefüllte Geldumschläge geschenkt haben. Auf mehr als 10000 Seiten haben die Korruptionsfahnder alle schmutzigen Geschäfte dokumentiert.
Die Akten des Falles „Gürtel“, wie ihn die Ermittler tauften, lesen sich wie ein Mafiakrimi. Mehr als 70 Personen werden beschuldigt, etliche Köpfe rollten bereits in der konservativen Partei, darunter jener des früheren nationalen Schatzmeisters. „Sie werden nichts beweisen können, weil nichts dahintersteckt“, gibt sich Spaniens jüngstes Korruptionsopfer, Francisco Camps, siegessicher. Sein konservativer Parteichef Mariano Rajoy, der sich große Hoffnungen macht, bald Spaniens neuer Regierungschef zu werden, sieht das etwas anders: Er drängte, um seine Wahlchancen nicht zu schmälern, seinen früheren Vertrauten zum Rücktritt.