Schwer zu sagen, ob der 78-jährige Angeklagte tatsächlich daran glaubte, in zweiter Instanz freigesprochen zu werden. Jetzt jedenfalls ist es für die Angehörigen der Opfer und die ganze Welt endgültig Gewissheit: Ratko Mladic ist ein Kriegsverbrecher, mitschuldig an einem Völkermord. Die Quittung: lebenslange Haft. Zu Beginn der Urteilsverkündung schnitt Mladic im dunklen Anzug und blauen Schlips noch Grimassen im Gerichtssaal. Doch während der Verlesung des Urteils blieb er meist unbewegt und schüttelte nur ab und zu den Kopf. Ex-General Mladic, genannt „Schlächter vom Balkan“, war erst 2011, also 16 Jahre nach Ende des Krieges, gefasst und dem Tribunal übergeben worden..
Der Urteilsspruch des Kriegsverbrechertribunals für Jugoslawien gegen den früheren Kommandeur der serbischen Truppen im blutigen Krieg nach dem Zerfall Jugoslawiens ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Mladic wurde für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord verurteilt. Die Schuld von Mladic sei zweifelsfrei erwiesen, urteilten die Richter am Dienstag. Das UN-Tribunal bestätigte damit das Urteil der ersten Instanz von 2017.
Die Verbrechen von 1995 markieren das Ende einer Illusion in Europa
Die Verbrechen von 1995, an denen Mladic und der im März 2019 ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilte politische Führer der Serben, Radovan Karadzic, großen Anteil haben, markierten das Ende einer Illusion in Europa. Das Massaker mit rund 8300 Opfern im ehemaligen Kurbad Srebrenica gilt als größtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Blutbad versetzte dem Glauben, dass sich solche Kriegsverbrechen nach dem Ende des Kalten Krieges in Europa nicht mehr wiederholen könnten, einen Todesstoß.
Wie konnte es so weit kommen? Der Untergang Jugoslawiens löste eine Lawine aus Hass aus. Es wurden alte Rechnungen und neue aufgemacht. Serben und Kroaten, aber auch Slowenen, Bosnier, Mazedonier und Kosovaren wollten sich einen möglichst großen Anteil an der Konkursmasse des untergegangenen Vielvölkerstaats sichern. Ab 1992 auch mit Waffengewalt. Mit zum Teil zügelloser Brutalität geführte Kriege erschütterten den Balkan. Zehntausende starben. Doch was im Juli 1995 geschah, stellt alles in den Schatten. Unter Missachtung des UN-Schutzstatus für Srebrenica im Osten Bosnien-Herzegowinas begannen heftige Kämpfe um die überfüllte Stadt, in der rund 50.000 Menschen – Einwohner, Flüchtlinge sowie Milizen – unter desaströsen Verhältnissen ausharrten.
Bosnische Milizen in Srebrenica versuchten die serbischen Angreifer mit Artilleriefeuer aus der Stadt heraus zu stoppen. Als ob sie darauf nur gewartet hätten, übten Mladic und Karadzic Vergeltung – auf besonders perfide Weise. Während europäische Vermittler und Emissäre der USA und Russland über einen Friedensvertrag verhandelten, sahen die bosnischen Serben in dem Konflikt um Srebrenica die Chance, einen serbischen Staat in Bosnien zu installieren. Die Muslime, die dort lebten, waren diesem Plan im Wege. Um den 9. Juli herum brachten die Serben die Stadt unter ihre Kontrolle. Niederländische Blauhelmtruppen, die in der Region stationiert waren, stoppten die Angreifer nicht. Sie beriefen sich später darauf, dass ihnen die bei der Nato angeforderte Luftunterstützung verweigert worden sei.
Ratko Mladic beruhigte die Muslime noch - später begannen die Liquidationen
So nahm die Katastrophe ihren Lauf. Rund 23.000 Bosniern, überwiegend Muslime, gelang es, in den benachbarten Ort Potocari zu fliehen – eine tödliche Sackgasse. Ermittlungen ergaben, dass Mladic am Abend des 11. Juli den Befehl gab, männliche Bosnier jeden Alters zu ermorden. Der Kommandeur, der die Pläne kannte, wiegte die Flüchtlinge zuvor noch in Sicherheit: „Habt keine Angst, keiner wird euch was tun.“ Die grausame Realität war, dass in den Tagen danach eine Welle systematischer Liquidationen einsetzte.
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