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Kuh Yvonne: Ein Sommertheater, ein tierisches

Kuh Yvonne

Ein Sommertheater, ein tierisches

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    Prachtbulle Ernst soll Kuh Yvonne anlocken,
    Prachtbulle Ernst soll Kuh Yvonne anlocken, Foto: dpa

    Jetzt, in diesem Moment, würde man gern Gedanken lesen können. Die Gedanken von Ernst, dem kurzbeinigen Zuchtbullen im Ruhestand, der gerade zwei Stunden weit im Tieranhänger von Deggendorf nach Zangberg gekarrt worden ist. Irgendwelche Hände haben ihm dann ein paar schrumpelige Karotten und alte Semmeln unter die Nase gehalten, damit er brav aus dem Transporter steigt und auf die Weide trottet. Auf der ist schon alles für ihn hergerichtet. Ein rotes Zeltdach ist aufgebaut, darunter ist frisches Stroh ausgestreut. Am Salzstein kann Ernst dort lecken, Heu und Äpfel naschen, Wasser saufen. Jetzt macht er sich erst einmal über den Haufen frisches Gras her, den man zurechtgelegt hat. Ab und zu aber dreht er den Kopf zur Seite, ganz so, als ob er ihn grinsend schütteln wollte. Kauend beobachtet er das Schauspiel, das hinterm Hof des Bauern Karl aufgeführt wird.

    Ernst, der 1000 Kilo schwere Prachtbulle mit dem dunkel-lockigen Fell, ist der heutige Hauptdarsteller des großen Sommertheaters, das seit drei Wochen in dem 1100-Seelen-Nest Zangberg im nördlichen Landkreis Mühldorf am Inn gegeben wird. Zangberg, elf Vereine, zwei Gasthäuser, ist oberbayerische Idylle pur: An den Balkonen hängen Geranienkästen, das Feuerwehrhaus ist eins der größten Gebäude im Ort und der Schützenverein hat am Donnerstagabend Schießtraining. In dieser Vorzeige-Kulisse spielt das Rührstück von Yvonne, der freiheitsliebenden Kuh, die ein Reh sein will – und die sich deshalb in den Wald hoch über dem Isental abgesetzt hat.

    Ein riesiges, völlig verrücktes Spektakel

    In den Nebenrollen: ihre Schwester Waltraud, Kälbchen Waldi, Dackel Mirko, ein paar Jäger, ein paar Bauern, die böse Polizei, das strenge Landratsamt und die guten Menschen vom Gnadenhof Gut Aiderbichl, die sich aufgemacht haben, die wilde Yvonne öffentlichkeitswirksam zu retten. Und die aus diesem Stoff, medienerfahren wie sie sind, ein riesiges, ein völlig verrücktes Spektakel inszenieren.

    Drei Dutzend Journalisten warten auf Ernst wie auf Godot und laden sich in der Zwischenzeit ein muhendes Kuh-App auf ihr Handy, das ein Kollege entdeckt hat. Kamerateams sämtlicher deutscher Sender lauern auf den Tiertransporter aus Deggendorf wie auf die Ankunft eines Megastars, Fotografen aus Österreich sind da, selbst eine Journalistin aus Berlin wird über die Reise von Retter Ernst berichten.

    „Ein Wahnsinn“, sagt Opa Günter, der an diesem Vormittag seinen neuen Enkel Florian im Kinderwagen spazieren schiebt. „Die spinnen, die Tierschützer – alles wegen einer einzigen blöden Kuh!“ Dieser Meinung sind viele in Zangberg. Im benachbarten Ampfing auch, wo die Verkäuferin in der Bäckerei Kunden davor warnt, dass vor der Tür „das Fernsehen“ nach der Kuh fragt.

    Seit zwei Wochen sucht Hans Wintersteller, Salzburger Gutsverwalter von Aiderbichl und Einsatzleiter der Operation, Yvonne. „Ich träume jede Nacht davon, dass ich sie mit dem Lasso einfange“, sagt der 54-Jährige. Und dass er ihr schon einmal 15 Sekunden lang in ihre schönen braunen Kulleraugen schauen konnte. Vor ein paar Tagen hat er ein Phantombild von Yvonnes Hintern gemacht, auf das er sehr stolz ist – per Handy aus dem Auto heraus. Seine größte Sorge: dass die Polizei das scheue Rind, das er „für die intelligenteste Kuh der Welt hält“, einfach abschießt. Denn die Polizisten haben „extra große Waffen“ im Auto, will Wintersteller gehört haben.

    Kuh Yvonne ist der Star des Monats

    An dieser Stelle noch einmal die Vorgeschichte: Am 24. Mai ist die ehemalige Milchkuh Yvonne, die aus Kärnten nach Aschau am Inn verkauft worden war, zusammen mit ihrer Schwester Waltraud ausgebüxt. Gemästet und geschlachtet sollten die beiden werden. Ein typisches Kuh-Schicksal. Doch dann machten sie sich durch den 4000-Volt-Zaun davon. Waltraud kehrte am nächsten Tag zum Bauern zurück, Yvonne blieb flüchtig. Sie wanderte 14 Kilometer weit nach Zangberg. Seither ist sie der Star des Sommers – eine Sympathieträgerin, die das Zeug zur bayerischen Volksheldin hat. Sie ist ein Bazi, eine wagemutige Rebellin, die ihre Häscher an der Nase herumführt. „Sie ist so liebenswert, weil sie die Freiheit liebt und ihre Unabhängigkeit“, sagt Sieglinde Einmayr aus dem nahen Neumarkt-St. Veit. „Und weil sie so schlau ist.“ Die Geschichte erinnert Sieglinde Einmayr ein bisschen an die des Problem-Bären Bruno, der am Schluss abgeschossen werden musste. „So darf Yvonne nicht enden.“ Doch Bruno hat – im Gegensatz zu Yvonne – manch blutigen Ausflug in einen Schafstall unternommen.

    Eigentlich müsste die Zahnarztgattin Einmayr an diesem Nachmittag die Praxisbesprechung des nächsten Tages vorbereiten. Stattdessen gibt sie Interviews. Sie erzählt von den langen Tagen, die sie zusammen mit den Aiderbichlern den Wald auf der Suche nach Yvonne durchstreift hat. Von der Liebesfalle, die man Yvonne jetzt mit Ernst und viel trockenem Stroh eingerichtet hat. Und davon, dass sie gelernt hat: Tierschützer essen Käsesemmeln statt Wurstsemmeln.

    Kuh Yvonne lebt direkt neben der Weide, auf die man Ernst gebracht hat, versteckt in dem 25 Hektar großen Waldstück am Dorfrand, das Taubenthal heißt und besonders viel Dickicht haben soll. Das sagt zumindest Wintersteller, wenn er zu erklären versucht, warum so ein Mords-Rindvieh trotz des ganzen Aufwands nicht gefangen werden kann. Mit Quads haben die Tierschützer das Gebiet durchkämmt, per Pferd und mit Suchtrupps – auch wenn oft mehr Journalisten im Wald waren als Helfer. Spurensuch-Dackel Mirko hat nur die Fährte eines Rehs aufgespürt, die Schweizer Tierkommunikatorin Franziska will per Telepathie Kontakt zu Yvonne gesucht haben und Wintersteller per Futterfalle. Nichts. Yvonnes Schwester Waltraud hat man angeliefert und das Kalb Waldi. Diese beiden hat sie mehrmals auf der Weide besucht, um dann wieder in der dunklen Nacht zu verschwinden. Obwohl ihr alle den Tierhimmel auf Erden versprechen – einen Platz auf dem Gnadenhof in Deggendorf nämlich –, zieht der Kuh-Star das einsame Waldleben vor.

    George Cloney unter den Zuchtbullen

    Jetzt also Ernst. Ruhig und seriös sei der, „und er gilt als sehr schön aus Sicht der Kühe“, sagt Britta Freitag vom Gut Aiderbichl. Das Rinder-Mannsbild, das sie allen Ernstes als „George Cloney unter den Zuchtbullen“ bezeichnet, soll also Yvonne, die sie – genauso ernst – „eine Botschafterin ihrer Rasse“ nennt, aus dem Dickicht locken. Und damit aus der Schusslinie des Landratsamtes Mühldorf, das eine Abschussgenehmigung für Yvonne erteilt hat, nachdem die Kuh einmal über die ST 2354 spaziert war – direkt vor einem Polizeiauto. „Ein Verkehrsrisiko“, hieß es dann. „Eine Frechheit“, sagt Wintersteller. Denn: „Yvonne weiß genau, dass Autos gefährlich sind und sie denen aus dem Weg gehen muss.“ Trotzdem hat er einen Zaun aus Nylongewebe gezogen entlang der Straße, trotzdem hat das Amt Schilder aufstellen lassen, die die Geschwindigkeit auf 30 Stundenkilometer begrenzen sollen.

    Dem Bullen Ernst eilt der Ruf voraus, trotz seiner ganzen Männlichkeit und dem verwegenen Nasenring ein lammfrommer Stier zu sein. „Mit dem könnte man sogar durch die Münchner Fußgängerzone laufen“, sagt Britta Freitag. „Der tut auch den vielen Journalisten nichts, der ist Rummel gewöhnt“, sagt Hans Wintersteller. Und Ernst mümmelt weiter am Grashaufen.

    In feinen Leder-Slippern ist Michael Aufhauser, der Chef des Unternehmens Gut Aiderbichl, der inzwischen 20 Höfe in mehreren Ländern betreibt, über die Weide gelaufen und hat Ernst ein paar Mal über den Kopf gestreichelt. Jetzt erzählt er in jede Kamera, dass die Jagd nach Yvonne „ganz sicher sanft ausgehen wird“. Weil „wir uns mit Ernst alles zunutze machen, was die Natur in Yvonne angelegt hat“. Was er damit meint? „Wenn der Wind sich dreht“, formuliert Aufhauser seinen Traum, „wird Yvonne Ernst riechen.“ Aha. „Alle drei Wochen wird eine Kuh stierig“, erklärt Aufhauser weiter, „da kann sie gar nicht mehr entscheiden, was sie tut.“ Ihren Trieben soll sie dann folgen und dem Wunsch nach Nachwuchs, betont Aufhausen. „Sie wird ganz brav werden und zu ihrem männlichen Artgenossen kommen, weil sie dann alles hat, was sie braucht.“ Aha.

    So einfach geht das also. Hans Wintersteller und seine Kollegen werden dann beim Bauern Karl auf dem Balkon sitzen und dem Paar zuschauen. Tag und Nacht wollen sie auf der Lauer liegen – so lange, bis Yvonne freiwillig bei Ernst auf der Weide bleibt. Doch das kann dauern. Denn Ernst, der viel gepriesene Prachtbulle, wird ihr wohl nicht viel Freude bereiten. Er ist nämlich in Wirklichkeit ein Ochse – ein kastrierter Stier also, erzählt sein Vorbesitzer Christian Kögl. Er hat mit ihm eine Galloway-Zucht betrieben.

    Bis Ernst ausrangiert werden musste.

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