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Leitartikel von Markus Günther: Der Sarrazin-Komplex

Leitartikel von Markus Günther

Der Sarrazin-Komplex

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    Dr. Markus Günther, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen.
    Dr. Markus Günther, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen. Foto: Ulrich Wagner

    Wenn Thilo Sarrazin in den Sendungen und Magazinen zum Jahresende als ein Kapitel unter vielen vorkommt, irgendwo zwischen Käßmann-Rücktritt und Kachelmann-Prozess, dann wird seine Bedeutung weit unterschätzt. Käßmanns Rücktritt ist eine Fußnote der Geschichte, Kachelmanns Prozess ist noch nicht einmal das; die Sarrazin-Debatte aber ist eine Zäsur.

    Denn nie zuvor haben sich in einer einzigen Debatte so viele fundamentale Fragen der deutschen Gegenwart zu einem Komplex verbunden: Kinderlosigkeit und demografische Wende, der Aufstieg des Islam in Deutschland und die Probleme der Integration, die Frage nach der deutschen Identität - all das ist Teil dieser Debatte.

    Und durch die Art, wie diese Debatte geführt worden ist, kommt noch eine andere, vielleicht sogar noch wichtigere Dimension hinzu: die Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit, nach dem, was man in diesem Land sagen und nicht sagen darf, und die Frage nach unserer Streit- und Debattenkultur.

    Sarrazin hat die politische Klasse vorgeführt als Gruppe bornierter Gesinnungswächter, die mit anderen Meinungen nicht umzugehen wissen. Die Kanzlerin hat den Ton vorgegeben: Nein, lesen werde sie das Machwerk nicht, das sei auch gar nicht nötig. Damit hat Angela Merkel nicht nur sich selbst blamiert; sie hat auch das gängige Vorurteil bestätigt, dass die Regierenden nicht einmal bereit sind, den Regierten zuzuhören. Jetzt erst recht, haben inzwischen 1,2 Millionen Menschen in Deutschland gesagt und das Buch trotzdem gekauft.

    Die Zahl zeigt, wie weit sich die herrschende Klasse vom Volk entfernt hat, und dieser Zustand wäre mit Politikverdrossenheit nur mangelhaft umschrieben, denn längst kommt Medienverdrossenheit hinzu. Auch Zeitungen und Sender, meinen viele, haben sich den Gesetzen einer verklemmten politischen Korrektheit unterworfen. Der Spiegel nannte Sarrazin gleich den "Spalter der Nation", die taz nannte ihn einen "rassistischen Brandstifter" und die Frankfurter Rundschau schrieb, der Mann sei "verrückt geworden".

    Warum diese Maßlosigkeit in einer - zugegeben - schwierigen, aber auch notwendigen Auseinandersetzung über die Zukunft dieses Landes? Warum dieses totale Verteufeln eines Autors, der einen streitbaren Standpunkt vertritt? Der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi hat von einer "Kultur der Gesinnungsverdächtigung" gesprochen. Zu Recht. Denn tatsächlich gibt es in Deutschland ein Klima der Verdächtigungen, wo dem Andersdenkenden nicht nur widersprochen wird, wo der Andersdenkende vielmehr unter einen ehrabschneidenden Verdacht gestellt wird: Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie - nicht nur Walsers "Auschwitz-Keule" wird benutzt, um Debatten zu beenden und Widersacher zum Schweigen zu bringen. Das ist schlimm.

    Freiheit, dabei bleibt's, ist die Freiheit der Andersdenkenden. Man könnte auch sagen: Meinungsfreiheit tut weh, ja, sie muss sogar wehtun. Erst der Schmerz ist die Vergewisserung, dass tatsächlich Meinungsfreiheit herrscht. Das wohlige Gefühl dagegen, im Meinungsstrom der Mitte zu schwimmen, ist kein Beleg für Pluralismus, sondern oft nur die Selbstbestätigung derer, die es sich im Fluss der Mehrheitsmeinung gemütlich gemacht haben.

    Das alles heißt nicht, dass man Sarrazin nicht auch widersprechen darf. Man muss ihm widersprechen. Denn er hat die präzisen Befunde demografischen Wandels und gescheiterter Integration mit kruden genetischen Erklärungen vermischt und einen Ton gesetzt, der die Debatte in die falsche Richtung lenkt. Sarrazin fragt zu sehr nach der Herkunft der Menschen und ihren genetischen Voraussetzungen; man muss aber stärker nach den kulturellen Möglichkeiten von Bildung, Integration und deutscher Selbstbehauptung fragen.

    Sarrazin in diesem Sinne energisch zu widersprechen, hat aber nichts mit Ignoranz und Gesinnungsdiktat zu tun. Es ist ein großer Unterschied, ob man sich mit ihm kritisch auseinandersetzt oder ihn mundtot machen will.

    Hat Sarrazin der Debatte gutgetan? Ja - wenn nicht als Ergebnis die Angst vor der offenen Auseinandersetzung zurückbleibt. Der Sarrazin-Komplex, das wäre dann nämlich nicht nur die vielschichtige Debatte, es wäre auch die psychologische Verfassung einer Gesellschaft, in der man sich nicht traut, seine Meinung zu sagen.

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