London Als London vor sechs Jahren den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekommen hat, war die Skepsis mindestens so groß wie die Freude. Würde man die Welt inmitten des größten Schandflecks Großbritanniens beherbergen müssen, lautete die bange Frage. Kritiker waren sich einig: Die Insel ist Weltmeister im Improvisieren, der komplexe Umbau einer halben Großstadt jedoch sei eine Hürde, an der man nur scheitern kann. Kröten und Wassermolche, einzige Anwohner des darbenden Niemandslandes in Ostlondon, drohten das Projekt weiter zu verzögern.
Heute ragt die rasante Architektur der Sportstätten trotz aller Unkenrufe in den grauen Dezemberhimmel: Das geschwungene Flügeldach der Schwimmhalle dominiert den Blick auf den Park. Gleich daneben erheben sich über der Industriehalde die Silhouetten von Stadion, Velodrom und der Hand- und Basketballarenen. Sitzplätze, Spielfelder und Ticketschranken – alles ist bereits an seinem Platz und wird getestet. Londons größtes Einkaufszentrum mit 250 Geschäften direkt am Olympia-S-Bahnhof Stratford ist dieses Jahr eröffnet worden. Selbst die umgesiedelten Wassermolche, so versichern Umweltschützer, fühlen sich in ihrem neuen Domizil wohl.
Bäume werden erst „fünf vor zwölf“ gepflanzt
Das Einzige, das dem entgifteten, aufbereiteten Brachland zur Eröffnungsfeier am 27. Juli 2012 noch fehlt, ist das Grün. Doch die Organisatoren haben aus der Windsor-Hochzeit im Mai gelernt. Tausende Tulpen waren wegen des unerwartet guten Wetters schon vor dem großen Tag verblüht. In die 42 Hektar große Landschaft werden deshalb Blumen, Bäume und Sträucher nach offiziellen Angaben erst um „fünf vor zwölf“ gepflanzt. So lange bleibt aber wohl auch bei den Briten die Vorfreude aus. Denn die Spielstätten mögen stehen, olympische Euphorie hingegen will nicht so recht einziehen. Kein Wunder, dass der Funke nicht überspringt. Von den Boomzeiten, in denen London sich um den Zuschlag für die Spiele 2012 beworben hat, ist in diesen Tagen nichts mehr zu spüren.
Die Einheimischen gingen in der Ticket-Lotterie meist leer aus
Die Arbeitslosigkeit in Großbritannien befindet sich auf dem höchsten Stand seit 17 Jahren und klettert weiter; in allen Bereichen werden staatliche Zuschüsse gekürzt, um den maroden Haushalt zu sanieren. Die zwölf Milliarden Euro, die die Regierung in den olympischen Wettkampf investiert, sind daher vielen Briten ein Dorn im Auge.
Und wirklich genießen können ohnehin nur ganz wenige Londoner die Spiele: Die meisten Großstädter sind in der Ticket-Lotterie leer ausgegangen, werden aber dennoch unter dem drohenden Verkehrskollaps im Sommer zu leiden haben.
Sicherheit ist die zweite große Sorge. Statt der ursprünglich geplanten 7000 Soldaten haben die Organisatoren nun angekündigt, an den 17 Wettkampftagen doppelt so viele Streitkräfte einzusetzen. Ein Großteil von ihnen soll die Polizei bei ihren Aufgaben unterstützen, die schon im Sommer ausgerechnet in der Nähe des Olympia-Geländes bei Aufständen plündernder Jugendlicher an ihre Grenzen geraten war.
Optimismus verbreiten nur die älteren Briten. Sie erinnern an 1948, als das Königreich die letzten Spiele ausgerichtet hat – in der Nachkriegsnot, bei Essens- und Spritknappheit. Es war ein großer Erfolg: Mehr Sportler als je zuvor beteiligten sich an den Spielen. Und am Ende soll vom Budget sogar noch etwas in der Kasse geblieben sein.