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Medizin
12.11.2009

Depressionen: So treiben sie tausende Menschen in den Tod

«Warum gerade Robert?» - Enkes Tod schockt Fans
Foto: DPA

Robert Enke, Hannelore Kohl, Adolf Merckle sind nur die prominentesten Opfer: Jedes Jahr begehen tausende Menschen Selbstmord - wegen Depressionen. Von Sibylle Hübner-Schroll

Robert Enke, Hannelore Kohl, Adolf Merckle sind nur die prominentestenOpfer: Jedes Jahr begehen tausende Menschen Selbstmord - wegenDepressionen.

Was in einem Menschen wirklich vorgeht, wenn er den letzten Schritt tut, können Außenstehende kaum nachvollziehen. Was hat schlussendlich den Ausschlag gegeben, welche Faktoren mussten zusammenkommen, um das berühmte Fass zum Überlaufen zu bringen? Wenn bekannte Menschen ihrem Leben selbst ein Ende setzen, dringt das Thema Depression verstärkt an die Öffentlichkeit.

Beispiele prominenter Persönlichkeiten, die Suizid verüben, gibt es immer wieder. Anfang dieses Jahres etwa war es Adolf Merckle, der schwäbische Unternehmer, der sich vom Zug überrollen ließ - nachdem sein Firmenimperium in große Schwierigkeiten geraten war. Vor acht Jahren war es Hannelore Kohl, die Ehefrau des früheren Bundeskanzlers, die wegen einer chronischen Krankheit den Freitod wählte.

Fakt ist: Jahr für Jahr nehmen sich in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mehr als 10 000 Menschen das Leben. Das sind deutlich mehr Todesfälle als im Straßenverkehr. Und: 40 bis 70 Prozent all dieser Selbstmorde sind auf Depressionen zurückzuführen - wie jetzt auch im Fall von Torwart Robert Enke. Insgesamt sterben etwa 15 Prozent aller schwer depressiven Menschen durch Suizid, so das "Kompetenznetz Depression", in dem sich Experten und Institutionen aus der gesamten Bundesrepublik zusammengeschlossen haben. Zudem begehe schätzungsweise die Hälfte der depressiv Erkrankten im Laufe ihres Lebens einen Selbstmordversuch. Angesichts von rund vier Millionen Depressionskranken in Deutschland eine wahrlich gewaltige Zahl.

Die Menge an Faktoren, die an der Entstehung einer Depression beteiligt sein können, ist dabei schier unübersehbar. Der Verlust des Arbeitsplatzes, die Trauer um eine wichtige Bezugsperson oder auch chronische Überlastung beispielsweise können eine Rolle spielen, ebenso die Jahreszeit oder Konflikte mit dem Partner. Sogar Ereignisse, die an sich erfreulich sind - wie etwa eine bestandene Prüfung -, lassen manchen in Depressionen versinken. Jeden kann es treffen, niemand ist davor gefeit. Und das quer durch alle Altersgruppen - wenngleich Depressionen im Alter häufiger sind.

Eine "Krankheit der -losigkeiten" wird die Depression von manchen Ärzten auch genannt: Man wird freud-los, lust-los, appetit-los, schwung-los. Das Leben erscheint trist und grau, nicht nur mal für einen Tag zwischendurch, wie das jeder aus dem eigenen Leben kennt. Typisch auch: Der Leidensdruck ist ausgesprochen hoch, für die Betroffenen ist die Depression nicht selten subjektiv viel belastender als eine körperliche Krankheit. "Bei einer körperlichen Krankheit weiß ich, woran ich bin, aber die Depression kann ich selbst nicht richtig einschätzen - das berichten sehr viele Patienten", sagt Professor Max Schmauß, Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Augsburg.

Das Leben jedenfalls gerät durch eine Depression komplett aus den Fugen. Den Hobbys, die früher einmal Freude machten, stehen Betroffene plötzlich gleichgültig gegenüber; Freunde, mit denen man sich früher gerne traf, interessieren mit einem Mal nicht mehr. Der Schlafrhythmus ist massiv gestört, Konzentrationsstörungen, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle oder auch Angst und pessimistische Gedanken werden zu einer regelrechten Qual. Jede noch so kleine Entscheidung erfordert große Kraft.

Dauert der Zustand der Niedergeschlagenheit länger als zwei Wochen, kann von einer Depression gesprochen werden. Nicht nur für die Kranken selbst, auch für die Angehörigen ist diese Diagnose schlimm. Für sie ist die Gefahr groß, sich aufzuopfern und schließlich selbst depressiv zu werden. Mit einer "gesunden Mischung aus Verständnis und Förderung", so Schmauß, sollten sie ihrem Partner beziehungsweise Familienmitglied zur Seite stehen, sich um möglichst viel Normalität bemühen - aber einfach ist das nicht.

Doch die Chancen, das Tal der Tränen irgendwann als froher Mensch wieder zu verlassen, stehen bei Depressionen durchaus gut. Experten setzen auf eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie, hinzu kommen Maßnahmen wie Bewegungs- und Lichttherapie oder auch Schlafentzug für eine Nacht. "Wenn man konsequent behandelt, liegt die Wahrscheinlichkeit, wieder gesund zu werden, bei mindestens 90 Prozent", sagt Schmauß. Auch wenn der eine oder andere Geduld aufbringen muss. Denn für Depressionen gilt dasselbe wie überall in der Medizin: Beim einen geht die Heilung schneller voran, beim anderen dauert sie länger. Sibylle Hübner-Schroll

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