Angela Merkel hat viel dazu gelernt in den vergangenen vier Jahren. Die britische Reporterin zum Beispiel, die sie gerade gefragt hat, wie sehr eigentlich ihr Privatleben unter ihrem politischen Amt leide, hätte sie früher noch unwirsch abgefertigt. Heute lehnt sie sich lächelnd zurück und sagt: "Mal 'ne Stunde länger schlafen, wäre kein Fehler."
Auch im Supermarkt hat sie als Bundeskanzlerin nicht zwangsläufig einen Amtsbonus. Wenn sie dort nach einer Dose Artischocken suche, schmunzelt Angela Merkel, müsse sie immer damit rechnen, dass eine hilfsbereite Verkäuferin das kaum glauben mag: "Was, Sie kaufen Artischocken aus Büchsen? Hier ist die Frische-Abteilung!"
Berlin, Bundespressekonferenz: Neun Tage vor der Wahl stellt sich eine aufgeräumte Regierungschefin den Hauptstadtjournalisten. Dass die Union in den Umfragen auf der Stelle tritt und die SPD leicht aufholt, scheint sie nicht nervös zu machen. Vor vier Jahren, erinnert sie sich, seien die Zahlen weniger ermutigend gewesen. Und überhaupt: Hat sie sich damals nicht vorgenommen, der ganzen Demoskopie mit gesundem Misstrauen zu begegnen?
Noch reicht es in den Umfragen knapp für den angestrebten Pakt mit der FDP - alles andere blendet die Kanzlerin aus. Den Verdacht, ihr sei die Große Koalition mit Frank-Walter Steinmeier als loyalem Außenminister und Peer Steinbrück als Finanzminister insgeheim gar die liebere Variante, weist sie als "gewagte Hypothese" zurück. Auch an Rücktritt, versichert sie, denke sie nicht, falls am Ende keine schwarz-gelbe Mehrheit geben sollte: "Der Fall wird nicht eintreten."
Mit dem Gipfel der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, zu dem sie in der kommenden Woche noch in die USA fliegt, hält sie sich ebenfalls nicht lange auf. Schärfere Regeln für Hedgefonds? Strengere Eigenkapitalvorschriften für Banken? Gesetzliche Obergrenzen für Managergehälter? Alles wichtig, keine Frage- am Ende aber landet die Wahlkämpferin Merkel stets bei den innenpolitischen Themen. Niedrigere Steuern, mehr Arbeitsplätze, stabile Verhältnisse: Diese "wachstumsorientierte Politik", findet sie, ist mit der Liberalen "besser und entschiedener" zu machen als mit den Sozialdemokraten.
Dennoch soll so kurz vor der Wahl ja niemand auf den Gedanken kommen, die FDP könne ihr mit radikalen Forderungen wie der nach der Auflösung der Bundesagentur für Arbeit oder mit tiefen Einschnitten beim Kündigungsschutz kommen. Auch ein konservativ-liberales Bündnis, verspricht die Kanzlerin, werde den von ihr eingeschlagenen "Weg der Mitte" fortsetzen.
Da hält sie es ganz mit Gerhard Schröder, der die Grünen einst mit der Bemerkung schwer verärgert hatte, in einer Koalition müsse klar sein, wer der Koch sei und wer der Kellner. In der Union, sagt die Kanzlerin, stehe das C schließlich nicht nur für Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit, sondern auch für Arbeitnehmerinteressen. Das heißt: Sie ist die Köchin - und nicht die Kellnerin.
Dass die Botschaft bei ihrem Wunschpartner angekommen ist, zeigt die Reaktion von Guido Westerwelle, der wenig später etwas bemüht heitere Miene zum unfreundlichen Spiel macht: "Angela Merkel", frotzelt er, "war schon bei uns zu Hause essen und sie weiß, dass auch ich sehr gut kochen kann..."
(Rudi Wais)