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Coronavirus

16.04.2020

Nachverfolgen statt Kontaktverbot: Das steckt hinter Corona-Apps

Wer hat sich wann wo aufgehalten. Das zu wissen, könnte helfen, die Verbreitung des Coronavirus einzuschränken.
Bild: Charlie Riedel, AP, dpa

Plus Südkorea macht es vor und auch in der deutschen Politik wird es diskutiert: Handy-Apps im Kampf gegen das Coronavirus. Doch wie funktionieren diese eigentlich?

Wann kann das normale Leben langsam wieder beginnen? Eine Frage, nach deren Antwort sich momentan alle sehnen. Klar ist aber: Die Corona-Pandemie ist noch lange nicht ausgestanden. Um das öffentliche Leben dennoch schrittweise wieder hochfahren zu können, wird derzeit viel über sogenannte Corona-Apps diskutiert - also Handyprogramme, die überwachen sollen, wer mit wem wie lange Kontakt hatte. In Südkorea und Singapur hatte das relativ erfolgreich funktioniert. In Deutschland regen sich bei vielen Menschen Datenschutzbedenken. Genau an diesem Punkt setzt ein europäisches Projekt an, das recht vielversprechend klingt.

Aber gehen wir einen Schritt zurück. Warum ist es überhaupt so wichtig, zu wissen, wer sich wann wo aufgehalten hat? Hinter der Debatte um Corona-Apps steckt folgender Gedanke: Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, ist es wichtig, zu wissen, mit wem ein Infizierter Kontakt hatte. Momentan versuchen die Gesundheitsämter das herauszufinden. Sie befragen infizierte Patienten und informieren deren Kontaktpersonen. Solange es nur wenige Infizierte gibt, funktioniert diese Vorgehensweise verhältnismäßig gut. Das hat sich etwa gezeigt, als es im Landkreis Landsberg die ersten Corona-Fälle gab. Dort konnte der Ausbruch zunächst gestoppt werden.

Je mehr Infizierte es gibt, desto schwerer ist es, Kontaktpersonen zu ermitteln

Doch je mehr Menschen angesteckt sind, desto schwieriger wird die Nachverfolgung und desto länger dauert sie. Dazu kommt: Die Nachverfolgung ist lückenhaft. Jeder wird vermutlich nur die Kontaktpersonen nennen, die er kennt. Was ist aber mit dem unbekannten Hintermann im Bus oder der Supermarkt-Kassiererin? Mit Hilfe der Technik könnte das einfacher werden, auch diese Personen zu identifizieren.

Nachverfolgen statt Kontaktverbot: Das steckt hinter Corona-Apps

Um Handynutzer zu orten - also festzustellen, wer wann wo war - gibt es mehrere Methoden. Zum einen GPS. Die meisten Smartphones haben GPS-Empfänger eingebaut. Diese Empfänger senden Signale an Satelliten und können dann über die Zeit, die das Signal zu den Satelliten und zurück benötigt, bestimmen, wo auf der Welt sie sich befinden. Zunächst einmal weiß dann aber nur der Empfänger, wo er ist. Der Standort wird also nicht automatisch geteilt. Nach diesem Prinzip funktionieren viele Navigationsgeräte. Nutzer können ihren Standort aber mitteilen - das funktioniert schon heute in Messenger-Apps wie etwa Whatsapp. Werden die Standortdaten in Echtzeit übertragen, spricht man von Tracking.

Corona-Apps so funktioniert die Ortung über Funkzellen

Eine andere Möglichkeit, um herauszufinden wer sich wo aufhält, ist die Funkzellenortung. Schon relativ zu Beginn der Corona-Pandemie brachte Gesundheitsminister Jens Spahn diese Methode zur Eindämmung des Virus ins Gespräch. Er erntete für den Vorschlag allerdings viel Kritik und ruderte rasch zurück.

Wird ein Standort über die Funkzellen, bestimmt, spricht man von Paging. Diese Art der Standortermittlung ist wichtig, damit das Telefonnetz funktioniert. Um etwa Anrufe zu übertragen, müssen die Funkmasten wissen, welcher Nutzer in welcher Funkzelle registriert ist. Um den Standort eines Handynutzers allerdings genauer zu bestimmen, sind die Daten von mehreren Funkzellen nötig. Legt man sie übereinander, nennt sich das Triangulation. Anders als das Paging funktioniert sie zwar nicht automatisch, dafür aber relativ exakt. Mit Hilfe von Triangulation kann der Standort eines Handys auf bis zu zehn Meter genau bestimmt werden.

Die Initative Pepp-PT verspricht Tracing mit Datenschutz

Nun gibt es aber mehrere Knackpunkte: Zum einen ist eine Genauigkeit von zehn Metern etwas vage, wenn schon ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern ausreicht, um eine Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus maßgeblich zu verringern. Zum anderen können die Methoden zum Beispiel nicht unterschieden, ob sich jemand auf der Straße oder im zweiten Stock eines Hauses aufhält. Deshalb kommt nun eine dritte Methode ins Spiel - die momentan auch sehr aussichtsreich erscheint.

Ins Leben gerufen wurde sie von der Initiative Pepp-PT. Die etwas sperrige Abkürzung steht für den noch sehr viel sperrigeren Namen: Pan-European Privacy Preserving Proximity Tracing. Das Projekt, in dem 130 Wissenschaftler und Experten aus ganz Europa zusammenarbeiten, verspricht, Kontakte nachzuverfolgen und dabei den Datenschutz zu gewährleisten. Kein Nutzer soll identifizierbar sein. Auch soll der Standort des einzelnen Nutzers nicht in Echtzeit übermittelt werden - also getrackt - sondern nur im Nachhinein nachverfolgt werden können, mit wem ein Mensch Kontakt hatte. Dann spricht man von Tracing.

Die beteiligten Experten haben folgendes System entwickelt, das über Bluetooth funktioniert: Hält sich Person A für länger als 15 Minuten in einem geringeren Abstand als zwei Metern bei Person B auf, und B hat die Anwendung ebenfalls auf ihrem Handy installiert, tauschen die beiden Programme einen anonymisierten Code aus. Jeder Handynutzer speichert diese Kontaktdaten für 21 Tage auf seinem Handy, ohne zu wissen, wer sich hinter dem Code verbirgt. Wird A innerhalb dieser 21 Tage positiv auf das Coronavirus getestet, kann sie an alle Personen in ihrem Kontaktverzeichnis einen Hinweis verschicken - und zwar unabhängig davon, ob sich A und B wirklich kennen oder nur zusammen im Bus saßen. Das System soll auch erkennen können, ob eine Wand oder Glasscheibe zwischen A und B verläuft.

Wann kommt die Corona-App? Die Technologie ist fertig

Auf diese Weise wissen alle möglichen Kontaktpersonen von A dann, dass sie sich innerhalb der vergangenen 21 Tage für mehr als eine Viertelstunde in der Nähe einer Person aufgehalten haben, die nun positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Sie wissen aber nicht, wo das war, wann das war und um wen es sich dabei handelt. Der Datenschutz wäre gewährleistet, weil die Infizierten nicht erkennbar wären - die Kontaktdaten liegen zudem nicht auf Servern, sondern sind nur lokal auf den Geräten der Nutzer gespeichert. Außerdem werden sie nach Ablauf einer gewissen Frist automatisch gelöscht.


Das alles klingt weniger nach Überwachungsstaat als die Ortung einzelner Nutzer über Funkzellen oder GPS. Deshalb scheint diese Technologie auch die bevorzugte Methode des Gesundheitsministeriums zu sein. Auch mehrere andere europäische Regierungen - etwa in Italien, Dänemark, Frankreich- haben schon Interesse bekundet. Der Vorteil: Die Initiative entwickelt nur die Technologie. Diese wiederum kann jedes Land in eigene nationale Handy-Apps einbauen. Die verschiedenen Apps wären miteinander kompatibel - und würden somit auch die Möglichkeit bieten, die Grenzen wieder zu öffnen.

Die Methode ist so gut wie fertig entwickelt und wird gerade noch einmal vom Bundesamt für Sicherheit, aber auch vom Chaos Computer Club auf ihre Sicherheit überprüft. Der nächste Schritt wäre also, in Deutschland eine App zu veröffentlichen, die mit der Technik arbeitet. Daran wird momentan gearbeitet. Wann diese App allerdings marktreif ist, ist nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums noch unklar. Sicher ist aber, dass, wenn die App denn kommt, mindestens 60 Prozent der Bevölkerung sie auch auf ihr Smartphone laden müssen - sonst sind die Datensätze zu klein, um eine Schutzwirkung zu erzählen.

Verfolgen Sie alle Entwicklungen rund um die Corona-Pandemie auf unserem Live-Blog.

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