Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

Olympia 72: Attentat auf die Seele

Olympia 72

Attentat auf die Seele

  • |
  • |
  • |
    Dan Alon, Zelig Shtorch, Henry Hershkovitz, Avraham Melamed, Gad Tsabary und Shaul Paul Ladany (von links), Überlebende der israelischen Olympiadelegation von 1972, besuchen das Olympiastadion in München.
    Dan Alon, Zelig Shtorch, Henry Hershkovitz, Avraham Melamed, Gad Tsabary und Shaul Paul Ladany (von links), Überlebende der israelischen Olympiadelegation von 1972, besuchen das Olympiastadion in München. Foto: dpa

    Er hätte ihn töten können. Zelig Shtorch hatte seine Kleinkaliber-Waffe in der Hand. Zitterte hinter dem Vorhang und überlegte. Gedanken, die ihn heute, 40 Jahre später, immer noch verfolgen. Hätte er den Terroristen erschießen sollen? Sogar müssen? Er tat es nicht. Wenige Stunden später hatten 17 Menschen ihr Leben verloren.

    Shtorch hatte Glück, als acht palästinensische Attentäter 1972 in das olympische Dorf in München eindrangen mit dem Ziel, über 200 Palästinenser sowie die RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof freizupressen. Shtorch entkam unerkannt. Aber was bedeutet Glück, wenn elf Mannschaftskameraden im Kugelhagel sterben? Wenn man sich in der Heimat rechtfertigen muss, nicht eingegriffen zu haben. Wenn man sich glücklich fühlen muss, nur Nebendarsteller eines Attentats gewesen zu sein?

    Shtorch war als Sportschütze Teilnehmer bei den Olympischen Spielen. Den heiteren Spielen, wie man sie zunächst nannte. Bevor der Morgen des elften Tages anbrach. Der Schütze nahm seine Waffe zum Putzen mit in die Unterkunft. „Ich wusste nicht, dass das verboten war.“ Kontrollen gab es nicht. Jetzt, nach fast 40 Jahren, kehrt er mit sechs weiteren israelischen Sportlern in die Conollystraße 31 zurück. Ins Athletendorf. Dorthin, wo die Olympischen Spiele ihre Unschuld verloren. Im Mittelpunkt einer Dokumentation für den Pay-TV-Sender The Biography Channel („Der elfte Tag“, Sendetermin: 7. Juli) sollen die Überlebenden stehen. Sieben Sportler, die teilweise zum ersten Mal an den Wendepunkt ihrer Biografie zurückkehren.

    Sie mussten sich in der Heimat rechtfertigen

    „Es sind gemischte Gefühle, viele Emotionen kommen hoch“, sagt Avram Melamed. Er war bei den Spielen als Trainer einer israelischen Schwimmerin dabei. Auch er musste sich in der Heimat dafür rechtfertigen, dass er das Unglück nicht verhindern konnte. „Ich fühle mich nicht schuldig. Ich denke nicht, dass wir das verhindern konnten.“

    Der 5. September 1972 also. Unter der Führung eines Mannes, der sich „Issa“ nennt, überfallen acht Männer der Terrororganisation „Schwarzer September“ die Israelis. Sie nehmen zwölf Mitglieder der israelischen Delegation als Geiseln. Lediglich Gad Tsabary gelingt die Flucht. Um 4.30 Uhr wird er von einer Explosion wach, 20 Minuten später hört er Stimmen und steht auf. Er trägt nur eine Unterhose und läuft den Terroristen in die Arme. Er flüchtet über eine Treppe ins Kellergeschoss. Läuft zickzack, um kein leichtes Ziel für die Kugeln der Terroristen abzugeben. Der Ringer springt über einen Zaun und klingelt an der erstbesten Türe. „Die haben mich erst einmal für einen Verrückten gehalten.“ Ein 1,65 Meter kleiner, fast nackter Mann, der kein Deutsch spricht und auf Englisch von Terroristen radebricht. Trotzdem wird die Polizei gerufen. Der verängstigte Sportler muss fünf Stunden warten, bis ihm ein Beamter ein Hemd gibt.

    Der Ringer, der Schwimmtrainer, der Schütze. Sportler, die keine Anekdoten von Wettkämpfen erzählen. Stattdessen, wie es sich anfühlt, in den Lauf einer Waffe zu blicken. Die ihre Karriere nicht aus Altersgründen beenden, sondern wegen der traumatischen Ereignisse. Die sich nicht mehr mit der eigenen Leistung beschäftigen, sondern mit der Politik des eigenen Landes.

    Nachsicht mit der deutschen Sicherheitspolitik

    Der israelische Geheimdienst Mossad richtet nach dem Attentat eine Sondereinheit ein. In den kommenden Jahren werden über 20 Personen, die in Verbindung mit der tödlichen Geiselnahme stehen sollen, liquidiert. „Ich bin froh, dass sie die Blumen von unten riechen“, sagt Shaul Paul Ladany. Er war als Geher bei den Spielen gemeldet. Dabei gehe es ihm weniger um Vergeltung als um Prävention. „Unsere Feinde sollen wissen, was passiert, wenn sie uns angreifen.“

    So radikal sie die Hinrichtung der palästinensischen Hintermänner bejahen, so nachsichtig gehen sie mit der deutschen Sicherheitspolitik 1972 ins Gericht. Die gesamte Befreiungsaktion sei schlichtweg dilettantisch gewesen, klar. Allerdings: Dass man sich damals frei im olympischen Dorf bewegen konnte, fand Gefallen. „Es herrschte eine tolle Stimmung. Ich mochte die Menschen und das Leben hier“, erinnert sich Dan Alon, damals Fechter. Der Geist des Terrorismus sei es, zu verunsichern, zu verängstigen. Daher sei es die einzig richtige Entscheidung gewesen, die Olympischen Spiele nicht abzubrechen. „Sonst hätte der Terror gewonnen“, so Alon. Seine sportlichen Ambitionen zerbrechen am Anschlag. Er beendet seine Karriere nach dem 5. September 1972. 40 Jahre später ist er zum ersten Mal wieder in München.

    Shtorch hingegen kommt regelmäßig. Seit 1996 ist er Reiseleiter für Touristengruppen. Der Mann, der einen Terroristen hätte erschießen können, kommt drei Mal im Jahr hierher. Seine Gruppen führt er immer in die Conollystraße 31. Und erzählt dort seine Geschichte.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden