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Organspende
16.01.2020

Bundestag entscheidet: Niemand wird automatisch Organspender

Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen. 
Foto: Soeren Stache

Gesundheitsminister Jens Spahn kann sich bei der Organspende mit seiner radikalen Reform nicht durchsetzen. Ärzte sind entsetzt, Ethiker erleichtert.

Gehofft hatte er bis zum Schluss, auch wenn er um die Vorbehalte wusste. „Ich bin maßlos enttäuscht“, sagt Matthias Anthuber. Er ist Leiter des Transplantationszentrums der Uniklinik Augsburg und hatte sich für eine umfassende Neuregelung der Organspende stark gemacht. Die von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagene Widerspruchslösung, so die Hoffnung des Arztes, hätte viele Leben retten können. Doch der Bundestag stimmte in einer emotionalen Sitzung gegen die weitreichende Änderung.

Zu massiv erschienen vielen Abgeordneten die Eingriffe in die persönliche Freiheit. Denn jeder, der einer Organentnahme nicht ausdrücklich widersprochen hätte, wäre zum Spender geworden. Dagegen waren 379 Abgeordnete, 292 unterstützten den Vorschlag, 3 enthielten sich. Angenommen wurde stattdessen eine Reform, die vor allem auf Aufklärung setzt. Künftig sollen demnach alle Bürger mindestens alle zehn Jahre direkt auf das Thema Organspende angesprochen werden.

Kritik an Organspende-Regelung: „Muss ich bald sterben?“

Für Anthuber ist das zu wenig: „Wir Ärzte werden auch in den nächsten Jahren vor verzweifelten Menschen sitzen, die uns fragen: Wann bekomme ich eine Niere? Wann bekomme ich endlich ein Herz? Muss ich bald sterben?“ Auch mit der Widerspruchslösung hätte es keine Organ-Abgabepflicht gegeben, sondern lediglich eine Entscheidungspflicht.

Matthias Anthuber leitet das Transplantationszentrum an der Universitätsklinik Augsburg.
Foto: Bernhard Weizenegger

Doch genau das hatten viele Politiker befürchtet. Annalena Baerbock, Grünen-Chefin, sagte in der Debatte, abgestimmt werde auch über die Frage: „Wem gehört der Mensch? In unseren Augen gehört er nicht dem Staat, nicht der Gesellschaft, er gehört sich selbst.“ Sie wies Vorbehalte zurück, dass sich an der geringen Spendebereitschaft durch die nun beschlossenen Regelungen nichts ändern würde. Ärzte im Krankenhaus könnten sofort auf das Online-Register zugreifen. „Damit ändert sich an dem Hauptproblem, nämlich dass zu wenig gemeldet und transplantiert wird, wirklich in der Realität etwas“, sagte sie. Baerbock hatte den Vorstoß, für den gestern 432 Parlamentarier stimmten (200 Gegenstimmen) federführend ausgearbeitet.

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„Die Parlamentarier haben weise entschieden“, erklärte Claudia Wiesemann, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, gegenüber unserer Redaktion. „Die Widerspruchslösung wäre eine zu simple Lösung für eine menschlich herausfordernde Situation.“ Sie hätte die Erosion des Vertrauens in die Transplantationsmedizin vorangetrieben. Die Entscheidungslösung nehme das Recht der Bürger auf Selbstbestimmung ernst. „Sie wird auch den Empfängern von Organen die wichtige Sicherheit vermitteln: Dieses Organ wurde mir freiwillig geschenkt“, sagt Wiesemann. Das Problem des Organmangels müsse ohnehin dort bekämpft werden, wo es entsteht: bei der bisher noch mangelhaften Melde- und Entnahmebereitschaft der Krankenhäuser.

Organspende: So hat Kanzlerin Merkel abgestimmt

Vor den Abstimmungen hatten Redner über Fraktionsgrenzen hinweg eindringlich und oft mit Schilderungen persönlicher Schicksale für ihre Vorstöße geworben. Spahn mahnte: Patienten lebten teils seit Jahren in Krankenhauszimmern mit großen Maschinen, weil es keine Spenderorgane gebe. In keinem anderen Bereich werde solches Leid akzeptiert. „Wir wollen eine Kultur der Organspende.“ Karl Lauterbach (SPD), Mitinitiator der Widerspruchslösung, sagte: „Es ist unethisch, ein Organ nehmen zu wollen, aber nicht bereit zu sein, zumindest Nein zu sagen, wenn ich nicht bereit bin, zu spenden.“ Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stimmte für die Widerspruchslösung, sprach in der Debatte aber nicht.

Die Vorschläge zur Neuregelung der Organspende wurden – und werden weiterhin – kontrovers diskutiert. Zwei Gesundheitsexperten erklären ihre Argumente:

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