Für die einen sind es Schundromane, für andere die erfolgreichste Science-Fiction-Serie aller Zeiten: Heute erscheint das 2500. Perry Rhodan-Heft. Sascha Borowskioutet sich als Fan.
Es muss 1983 gewesen sein, als ich ihm das erste Mal begegnete. Es war morgens an einer Bushaltestelle auf dem Weg zur Schule, als ein flüchtiger Bekannter ein silber schimmerndes Buch aus dem Schulranzen zog und sich sofort in die Seiten vergrub. "Kennst du Perry Rhodan gar nicht?", fragte er mich später im Bus, als er meinen neugierigen Blick bemerkte. "Wenn ich fertig bin, kann ichs dir ja mal leihen."
Und damit war's geschehen. Die Sucht begann.
Ich bin, wenn man es so sagen kann, ein Späteinsteiger ins "Perryversum". Denn 1983 gab es die Heftserie Perry Rhodan schon 22 Jahre lang. Woche für Woche erscheint seit dem 8. September 1961 ein Heft mit dünnem Papier und buntem Einband. Groschenromane, wie man abfällig sagt. Zumindest, wenn man es nicht besser weiß. Welcher Außenstehende ahnt schon, dass in diesen Heften mit seinen gezeichneten Raumfahrern und Extraterrestriern auf dem Einband ein ganzes Universum steckt, eine Philosophie, eine weltweite Community.
Der Mann, der an der Spitze der Menschheit den Weltraum erforscht und erobert, fasziniert Millionen Fans in der ganzen Welt. Das liegt vor allem an der Geschichte selbst, die da erzählt wird. Perry Rhodan startet im - damals in der Zukunft liegenden - Jahr 1971 als Astronaut mit dem Raumschiff Stardust auf den Mond, wo er auf ein fremdes Volk, die Arkoniden stößt. Rhodan und seinem Freund Reginald Bull gelingt es, die Menschheit zu einigen und von der Technik des fremden Volkes zu profitieren.
Mit Hilfe der Superintelligenz "Es", die ihm die Unsterblichkeit verleiht, stößt Rhodan an der Spitze der Menschheit in den folgenden Jahrhunderten immer weiter ins All vor, lernen fremde Völker kennen, übermächtige Intelligenzen, muss sich gegen Eroberer wehren und bringt Erde und Mond im Zweifelsfall auch mal über ein schwarzes Loch in Sicherheit vor bösen Feinden.
Bei seinen Abenteuern helfen Rhodan eine gewaltige Technik - und viele Freunde und Weggefährten. Im Laufe der Jahrzehnte haben die verschiedenen Rhodan-Autoren eine ganze Armada von spannenden wie ausgeklügelten Charakteren entwickelt. Das beginnt beim brummigen und bisweilen tolpatschigen Reginald Bull und geht über den berühmten Mausbiber Gucky, den unsterblichen Arkoniden Atlan und das Mutantencorps bis hin zu den skurrilsten Völkern und die Superintelligenzen.
Perry Rhodan - von dem viele immer noch glauben, das sei der Name des Serien-Autors - ist aber weitaus mehr als eine spannende Science-Fiction-Geschichte. Er ist Zeitgeist in Reinform. Ob es der Glaube an die Allmacht der Technik ist, der die ersten Hefte der Serie vorantreibt, ob es die Suche nach Frieden und Ausgleich ist, der die Romanfiguren Anfang der 80ger Jahre auszeichnet - immer spiegelt sich in den Geschichten auch die Strömung der jeweiligen Zeit wider.
Über 1,5 Milliarden Perry Rhodan-Hefte in sechs Auflagen hat die Verlagsgruppe Pabel-Moewig in Rastatt bis heute abgesetzt. Dazu gibt es die Serie als Hardcover-Bücher im Aluminium-Einband - die berühmten "Silber-Bände" -, als Taschenbücher und als Hörspiele. Es gibt Rhodan-Plüschtiere und Raumschiff-Bausätze, Poster, eine Rhodan-Wikipedia (Perrypedia), Comics, Filme und Computerspiele. Es gibt eine internationale Community, die über Rhodan im Internet diskutiert, die Serie immer wieder hinterfragt, mit den Autoren vorantreibt - und sich regelmäßig auf großen Veranstaltungen trifft. Perry Rhodan ist die größte und langlebigste Science-Fiction-Serie der Welt - und stammt aus Deutschland.
Die Gründerväter der Serie Karl-Herbert Scheer und Clark Darlton alias Walter Ernsting sind zwar längst gestorben. Auch die meisten anderen Autoren der ersten Jahrzehnte - von William Voltz über Kurt Brand bis hin zu Thomas Ziegler leben nicht mehr. Ihr unsterblicher Held aber ist weiter aktiv. Woche für Woche. Die Serie wird von immer "neuen" Autoren fortgeführt und fortgeschrieben. Seit 48 Jahren.
Am Freitag erscheint das Heft 2500 der Perry-Rhodan-Serie. Es wird wieder von über 135.000 Menschen gekauft werden. Wie jede Woche. Von mir nicht. Als "Späteinsteiger" bekomme ich vier Mal im Jahr einen Silberband ins Haus geschickt - ein Buch, in dem fünf bis elf Heftromane der Perry Rhodan-Serie zusammengefasst werden. Seit 26 Jahren geht das so. Als Perry Rhodan-Buchabonnent lebe aktuell im Rhodan-Jahr 3586. Ich suche derzeit an Bord des Super-Raumschiffs Basis PAN-TAU-RA und begegnete unlängst dem Roboter Laire. In Heften ausgedrückt lese ich die Serienteile 900 bis 900.
Bis ich in der Gegenwart bin, habe ich noch viel zu tun - im Perryversum.
Trotzdem heute schon: Alles Gute Perry!