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Porträt
24.11.2016

Martin Schulz ist der Anti-Steinmeier

Martin Schulz kehrt zurück nach Deutschland.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Martin Schulz ist der Anti-Steinmeier. Wird er trotzdem dessen Nachfolger als Außenminister? Oder gar noch mehr? Über eine Biografie, wie es sie nicht noch einmal gibt.

Wahlkampf kann er. Martin Schulz war der Erste, der dem abstrakten Europa ein Gesicht gegeben hat – nämlich sein eigenes. Schulz hier, Schulz dort, flächendeckend plakatiert, nie um einen pointierten Kommentar verlegen, in allen Ländern und auf allen Kanälen: Dass die SPD bei der letzten Europawahl 6,5 Prozent dazu gewonnen hat, verdankt sie in erster Linie dem gelernten Buchhändler, ehemaligen Alkoholiker und Schulabbrecher Schulz. Nun sucht der 60-Jährige eine neue Herausforderung – in Berlin.

Über seine konkreten Ambitionen spricht Schulz zwar noch nicht, als er am Donnerstag in Brüssel seinen Wechsel in die Bundespolitik verkündet. In der SPD allerdings wird im Prinzip nur noch eine Frage diskutiert: Wird er nur der Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt – oder in Personalunion auch Angela Merkels Herausforderer?

Eigentlich soll das Thema Kanzlerkandidatur erst Ende Januar auf einer Vorstandsklausur im Brandenburgischen besprochen und entschieden werden. Ein Mann mit Einfluss in der SPD aber rechnet nun mit einer deutlich früheren Entscheidung. Mit der Ansage von Schulz am Donnerstag, sagt er, „ist Druck in den Kessel gekommen.“

Martin Schulz und Sigmar Gabriel verstehen sich bestens

Innerhalb wie außerhalb der Sozialdemokratie hat Schulz nicht nur die besseren Umfragewerte als Parteichef Sigmar Gabriel, mit dem er sich übrigens bestens versteht – er ist auch der ehrgeizigere der beiden. „Schulz betreibt Politik wie ein Besessener“, hat die Hannoversche Allgemeine einmal über ihn geschrieben.

Während Gabriel darauf achtet, dass er wenigstens einmal in der Woche dazu kommt, seine kleine Tochter selbst aus dem Kindergarten abzuholen, stichelte die Ehefrau von Martin Schulz nach ihrem 30. Hochzeitstag, die Zahl stimme so eigentlich nicht, schließlich habe sie ihren Mann in diesen 30 Jahren höchstens 20 Jahre gesehen...

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Einen wie ihn gibt es kein zweites Mal in der deutschen Politik. Aufgewachsen in Würselen, einer Kleinstadt am Niederrhein, macht der junge Schulz so ziemlich alles falsch, was ein Mann mit politischen Ambitionen nur falsch machen kann. Er geht vorzeitig vom Gymnasium ab, um mehr Zeit für den Sport zu haben. Als sein Traum vom Profifußball nach der westdeutschen Vizemeisterschaft für Rhenania Würselen an einem gerissenen Meniskus zerbricht, beginnt er zu trinken, denkt an Selbstmord, kämpft sich dann aber mit einem kleinen Buchladen, den er und seine Schwester betreiben, wieder aus dieser Lebenskrise heraus.

Martin Schulz war der jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens

Mit 31 Jahren wird der Sohn eines Polizeibeamten Bürgermeister seiner Heimatstadt, damals der jüngste überhaupt in Nordrhein-Westfalen. Die Große Koalition, an der die SPD heute so leidet, ist für ihn zu Hause in Würselen gelebter Alltag: Vater Schulz stammt aus einer sozialdemokratisch geprägten Bergarbeiterfamilie, die Mutter gehört zu den Gründungsmitgliedern des CDU-Ortsvereins.

Heute ist ihr Sohn Martin einer der bekanntesten Politiker der Republik. Auch ohne Abitur und Studium spricht er fließend Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Niederländisch, er hat den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegengenommen und mit einer sehr speziellen Mischung aus Beharrlichkeit und Penetranz dafür gesorgt, dass er als Präsident des Europaparlamentes kein besserer Frühstücksdirektor mehr ist, sondern ein Mann mit Macht, der bei allen wichtigen Gipfeln mit am Tisch sitzt. Auch in Berlin, verspricht er, werde er seiner alten Liebe treu bleiben. „Die europäische Einigung ist in meinen Augen das größte Zivilisationsprojekt der vergangenen Jahrhunderte.“

Seine Sprüche können Martin Schulz gefährlich werden

International erfahren, durchsetzungsfähig: Natürlich traut Martin Schulz sich das Amt des Außenministers zu – und womöglich noch mehr. Seine lockeren Sprüche allerdings können ihm in einer solchen Position auch schnell gefährlich werden. Die Kollegen und Mitarbeiter halb im Scherz, halb genervt als „Eierköppe“, als „Pfeifenheinis“ oder „Armleuchter“ zu bezeichnen, wie er es gerne tut – das kann Schulz sich als erster Diplomat seines Landes nicht mehr erlauben.

Sein Verhältnis zu Steinmeier, heißt es, sei auch deswegen nicht das Beste: zu unterschiedlich die Temperamente, zu staatstragend der eine, zu emotional der andere. Eines allerdings kann Schulz in jedem Fall besser als Genosse Steinmeier: Wahlkampf.

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