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Rola El-Halabi im Interview: Die Frau, die in der Kabine niedergeschossen wurde

Rola El-Halabi im Interview

Die Frau, die in der Kabine niedergeschossen wurde

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    Ihre Schlaghand macht ihr noch Probleme. Aber Profiboxerin Rola El-Halabi arbeitet beharrlich an ihrer Fitness. Ende nächsten Jahres hofft die 26-Jährige auf ein Comeback.
    Ihre Schlaghand macht ihr noch Probleme. Aber Profiboxerin Rola El-Halabi arbeitet beharrlich an ihrer Fitness. Ende nächsten Jahres hofft die 26-Jährige auf ein Comeback. Foto: Horst Hörger

    Rola El-Halabi kann inzwischen wieder lächeln und manchmal sogar lachen. Die schrecklichen Ereignisse vom 1. April dieses Jahres haben das Verhalten der Boxerin nicht dauerhaft verändert. Eine hübsche, freundliche und selbstbewusste junge Frau nippt beim Besuch in unserer Redaktion an ihrem Mineralwasser und plaudert unbefangen über Gott und die Welt. Aber natürlich geht Rola El-Halabi auch auf die schlimme Geschichte ein, die sie schon so oft erzählen musste. Wie ihr Stiefvater unmittelbar vor einem Weltmeisterschaftskampf in Berlin-Karlshorst sie in ihrer Kabine mit Schüssen in Knie, Beine und die Schlaghand schwer verletzte. Spezialkräfte der Polizei nahmen Roy El-Halabi danach fest. Vor wenigen Wochen ist er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden.

    Knapp neun Monate nach der Tat sind die körperlichen Wunden einigermaßen verheilt. Rola El-Halabi geht regelmäßig joggen und schwimmen. „Die Beine sind schon wieder voll beweglich.“ Nur die mehrfach operierte rechte Hand macht noch Probleme, aber Mitte des kommenden Jahres hofft die Ulmer Boxerin, auch wieder mit voller Wucht auf einen Sandsack eindreschen zu können. „Aber abgeschlossen habe ich damit noch lange nicht“, sagt die 26-jährige Deutsch-Libanesin.

    "Ich mag nicht mit Journalisten reden, die ich am liebsten ohrfeigen würde."

    Der Anschlag hat Rola über Nacht populärer gemacht, als sie es als Sportlerin je hätte werden können. Es ist diese Mixtur aus Profisport, Familiendrama und Bluttat, die einen ungeheuren Medienrummel auslöste. „Man hätte mich nach der Tat davor schützen sollen“, sagt Rola heute. Stattdessen tauchten schon am Klinikbett in der Intensivstation die ersten Fotografen eines Boulevardblatts auf. Glücklich hingegen ist sie mit einem exklusiven Fernsehvertrag mit Stern TV, den sie selber ausgehandelt hat, sagt die Boxerin: "Das lief alles sehr fair ab." Weitere Anfragen habe sie daher abgelehnt.

    Rola El-Halabi

    Geboren 1985 in Beirut, Libanon

    Aufgewachsen in Ulm, wo sie als Neunjährige mit dem Kick- und Thaiboxen begann und 1996 in den Amateurboxsport einstieg. Sie wurde Vizeweltmeisterin im Kickboxen und mehrfache internationale deutsche Amateurboxmeisterin.

    Nach dem Abitur wechselte sie ins Profilager und bestritt elf Kämpfe mit elf Siegen. 2007 wurde sie Europameisterin im Leichtgewicht und 2009 Weltmeisterin.

    Von dem Anschlag ihres Stiefvaters und früheren Managers am 1. April 2011, der sie vor einem Titelkampf in Berlin niederschoss, erholt sie sich langsam.

    Weitere Anfragen hat sie in den folgenden Monaten abgelehnt, Interviewwünsche mit wenigen Ausnahmen ignoriert: „Ich mag nicht mit Journalisten reden, die ich am liebsten ohrfeigen würde.“ Rola hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. „Ich hatte wenig Kontakt zur Außenwelt und fühlte mich am wohlsten auf meinem kleinen Sofa“, bei dem Rottweiler-Welpen Bronko und ihrem Verlobten Kosta, mit dem sie seit Mai zusammenlebt. Die Beziehung der jungen Frau zu ihrem ersten Freund überhaupt war dem Stiefvater und langjährigen Manager der Boxerin ein Dorn im Auge. Roy El-Halabi, den Rolas Trainer Jürgen Grabosch als „kontrollsüchtigen Narziss“ beschriebenen hat, verlangte von Rola die Trennung von Kosta. Und er untermauerte diese Forderung mit Drohungen und Verleumdungen auch in der Öffentlichkeit.

    Rola El-Halabi erzählt von einem Anruf ihrer Oma aus dem Libanon. Die alte Dame wollte ihre Enkelin warnen. Roy El-Halabi war in die Heimat gereist, um sich bei der Familie die Erlaubnis zur Tötung seiner Stieftochter zu holen, die ihm natürlich verweigert wurde. „Seine größte Angst war, dass er mich verliert“, sagt Rola: „Als Sportlerin und als Tochter – an einen anderen Mann.“ Aber kein Mensch im Umfeld der Boxerin und am wenigsten sie selbst hat es für möglich gehalten, dass Roy El-Halabi seine Drohungen irgendwann wahr macht. Rola El-Halabi trat im Prozess in Berlin als Nebenklägerin gegen ihn auf. Jede Träne der Boxerin und jedes Küsschen von Kosta wurde vom Heer der Berichterstatter sorgfältig registriert. Während sie im Blickpunkt stand, zeigte sich ihr Stiefvater uneinsichtig und rechthaberisch: „Er hat nicht mal ansatzweise Reue gezeigt, er stellt sich selber als Opfer dar.“ Angst vor dem Tag seiner Entlassung? „Ich habe eigentlich keine Angst um mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er noch einmal zu so einer Tat fähig ist.“

    Rola El-Halabi sorgt sich vielmehr um die Menschen, die ihr nahestehen. Um Kosta, um ihre von Roy El-Halabi getrennt lebende Mutter. „Aber vielleicht begreift er ja in der Haft endlich, was er mir, meinem kleinen Bruder, sich selber und uns allen angetan hat.“

    Es hat lange gedauert, bis Rola selber begriffen hat, was in jener Nacht geschah und bis sie eine Vorstellung davon hatte, wie es nun weitergehen könnte. „In der Klinik hatte ich mit meiner Karriere schon abgeschlossen.“ Aber inzwischen will Rola wieder boxen. „Schon als kleines Mädchen habe ich immer davon geträumt, auf dem Höhepunkt meiner Karriere abzutreten. Ich will einfach selber festlegen, wann ich aufhöre, und ich erlaube meinem Stiefvater nicht, mir diese Entscheidung abzunehmen.“

    "Vielleicht begreift er ja in der Haft, was er mir, meinem kleinen Bruder, sich selber und uns allen angetan hat."

    Der Weg zurück an die internationale Spitze ist nach so vielen Monaten lang und steinig, aber Rola wird sich wieder beim Muskeltraining und in unzähligen Sparringsrunden quälen. „Das ist eine Sache, die ich machen muss. Für mich. Damit ich einen Schlussstrich ziehen kann.“ Die Boxerin hat sich immer nicht nur im Ring als Einzelkämpferin verstanden und sie wird ihre Karriere künftig erst recht selber in die Hand nehmen. Eine Lehre aus dem Anschlag von Berlin-Karlshorst und der anschließenden Vereinnahmung durch den Boulevard: „Damals hat nur Kosta versucht, mich zu schützen. Ich weiß jetzt, dass ich mein Leben selber in die Hand nehmen muss.“

    Im kommenden Frühjahr erwartet Rola El-Halabi den endgültigen ärztlichen Segen für eine Fortsetzung ihrer Karriere. Ab Juni will sie dann wieder voll ins Training einsteigen und Ende des kommenden Jahres ist ihr Comeback geplant.

    Der Verband WBA (World Boxing Association) führt sie derzeit als Leichtgewichts-Weltmeisterin im Ruhestand, die auch nach langer Pause im allerersten Kampf ihren Gürtel verteidigen darf. Die internationale Boxszene sehnt Rolas Rückkehr in den Ring jedenfalls herbei. Das Comeback der vom Stiefvater niedergeschossenen Frau lässt sich eben prima vermarkten und es liegen die verrücktesten Angebote vor. So könnte sie im kommenden Jahr in Paraguay boxen. „Das wurde mir schon angeboten, als ich noch nicht mal in einen Handschuh kam.“

    Las Vegas reißt sich um Rola und die Scheichs in den Vereinigten Arabischen Emiraten haben ebenfalls Interesse bekundet und ein Fußballstadion als Schauplatz vorgeschlagen. Aber für die Ulmerin kommt nur ein Kampf in ihrer Heimat infrage. In der neuen Ratiopharm-Arena, die nach Rolas Überzeugung innerhalb kürzester Zeit ausverkauft wäre. „Die lukrativeren Kämpfe irgendwo auf der Welt könnte ich auch hinterher noch machen.“ Aber ob es nach dem Comeback überhaupt weitergeht, das weiß Rola selber noch nicht. „Es ist durchaus möglich, dass ich noch im Ring sage: Jungs und Mädels, das war’s. Es kann aber auch sein, dass ich wieder ganz viel Spaß habe und noch zwei bis drei Jahre weitermachen will.“

    Darauf hoffen die vielen Fans, die Rola in ihrer langen Leidenszeit unterstützt haben. Die Boxerin schafft es zwar nicht, auf all die Grüße und guten Wünsche zu reagieren, die sie in sozialen Netzwerken erreichen. Aber wer ihr eine Karte oder gar Blumen ins Krankenhaus geschickt hat, bei dem hat sich Rola mit einer Weihnachtskarte bedankt. In Ulm, aber auch in Stuttgart oder sogar in Köln wird sie von fremden Menschen auf der Straße angesprochen, und Rola reagiert immer freundlich, nie genervt. „Der Zuspruch der Leute baut mich auf.“ Nur einen Satz, den mag sie nicht mehr so gern: „Sie sind doch die Frau, die in der Kabine niedergeschossen wurde.“ Was Rola viel lieber hören würde: „Sie sind doch die Boxerin, die bald wieder um die Weltmeisterschaft kämpft.“

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