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Interview

31.03.2019

Sarah Wiener: "Ich habe einfach einen anderen Blick auf Dinge"

Die deutsch-österreichische Unternehmerin Sarah Wiener engagiert sich für den Klimaschutz, gesunde Ernährung und eine nachhaltige Landwirtschaft.
Bild: Britta Pedersen, dpa

Exklusiv TV-Köchin Sarah Wiener kandidiert für Österreichs Grüne bei der Europawahl. Ein Gespräch über Rechtspopulisten, Ernährung und Bienen.

Frau Wiener, Sie führen ein Catering-Unternehmen, ein Restaurant und eine Holzofenbäckerei in Demeterqualität. Warum wollen Sie jetzt in die Politik?

Sarah Wiener: Für mich ist das kein großer Wechsel. Ich setze mich aus Eigenantrieb schon lange für eine Ernährungswende, für bessere Lebensmittel und eine nachhaltige Landwirtschaft ein. Als mich vor Kurzem die österreichischen Grünen gefragt haben, ob ich für sie im EU-Parlament kandidieren möchte, war für mich schnell klar, dass ich Ja sage. Ich bin überzeugt, die Zivilgesellschaft sollte sich politisch mehr engagieren und sich nicht nur von Berufspolitikern regieren lassen.

Dabei ist Europa doch gerade von so vielen Sorgen und Problemen geplagt. Verunsichert Sie das?

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Wiener: Im Gegenteil. Das bestärkt mich in meinen Überzeugungen. Viele Menschen machen sich genauso wie ich Sorgen über den Rechtsruck in unserer Gesellschaft und den Verfall demokratischer Werte wie Menschenrechte und Meinungsfreiheit. In der nächsten Legislaturperiode soll es doppelt so viele Rechtspopulisten geben wie bisher. Sie haben auf ihrer Agenda stehen, das europäische Miteinander zu zerstören. Sie schüren die Ängste der Menschen. Dazu braucht es dringend ein Gegengewicht. Das kann nur aus der Gesellschaft kommen, von uns selbst.

Was wollen Sie ändern, falls Sie ins EU-Parlament gewählt werden?

Wiener: In der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie läuft vieles falsch. Das, was uns heute auf dem Teller serviert wird, wird von wenigen global agierenden Monopolisten produziert. Diese Konzerne haben nicht unsere Gesundheit oder Nachhaltigkeit im Sinn, sondern es geht ihnen nur um Gewinnmaximierung. Die Menschheit kämpft mit massiven Existenzproblemen in Form der Klimakatastrophe und der Vernichtung von Biodiversität. Wir sind Teil der Natur und sollten die Natur schützen, weil wir sonst mit ihr untergehen werden. Das empört mich. Ohne gesunde Böden, Essen, reines Wasser und ohne ein verträgliches Klima, werden wir nichts sein.

Wie waren die Reaktionen aus Ihrem Umfeld, als bekannt wurde, dass Sie für das Europaparlament kandidieren?

Wiener: Nach einem verdutzten kurzen Innehalten war das für meine Familie und Bekannten ein logischer Schritt. Viele haben gesagt „Endlich!“. Andere sorgen sich dagegen, dass ich als kleines Wildkraut und Quereinsteigerin in der Politikmaschinerie beschädigt und aufgerieben werden könnte.

Man hat ja den Eindruck, der Ton in der Politik ist in den vergangenen Jahren immer rauer geworden. Schreckt Sie das nicht ab?

Wiener: Es schreckt mich schon ab, weil ich glaube, dass Politiker mit diesem Verhalten den Menschen ein schlechtes Vorbild sind. Man sieht das ja überall, besonders in den sozialen Netzwerken. Manche Menschen versuchen, demokratische Werte zu zerstören und einzelne Personen zu beschimpfen. Da würde ich mir schon wünschen, dass wir als Mehrheit aufstehen und sagen „So nicht, Freundchen!“ Doch wenn es nur darum geht, im Wahlkampf den politischen Gegner in drei Sätzen niederzubrüllen oder ihm Vorwürfe an den Kopf zu knallen, wird das keine Probleme lösen.

Die Frauenquote im Europaparlament liegt bei ungefähr 36 Prozent. Frauen wird immer wieder der Vorwurf gemacht, sie seien zu zurückhaltend. Wie sehen Sie das?

Wiener: Frauen versuchen in der Regel, anders zu kommunizieren. Sie haben außerdem keine Alpha-Männchen-Probleme. Frauen sind eher um einen Konsens bemüht, um die tatsächliche Lösung von Problemen. Sie kümmern sich nicht nur um ihren eigenen Machterhalt.

Sind Sie also für eine Frauenquote?

Wiener: Natürlich bin ich für eine Frauenquote. Ich denke, ein höherer Frauenanteil, würde der gesamten Politik guttun. Doch wir brauchen Gesetze, die ganz klar regeln, dass Frauen die Hälfte der Politiker stellen müssen. Wir sind ja immerhin auch die Hälfte der Menschheit. Nur durch Selbstverpflichtung ist noch nie etwas passiert. Ein gleicher Frauenanteil kommt nur unter Druck oder mit patenten Regeln oder Gesetzen zustande.

Sie sind es als Köchin gewohnt, sich in einer Männerwelt zu bewegen. Wird Ihnen das in der Politik helfen?

Wiener: Mir hilft eher, dass ich zum Glück weiß, wer ich bin, und dass meine Überzeugungen mich ein Leben lang angetrieben haben und ich standhaft zu ihnen stehe. Als Quereinsteigerin, die ich schon immer war, konnte ich immer anders, kreativ und offen denken. Ich habe einfach einen anderen Blick auf Dinge. Ich bringe Diversität unter die Politikerinnen.

Hat sich etwas geändert im Umgang der Geschlechter durch Debatten wie #MeToo?

Wiener: Ich weiß es nicht, das ist eine schwierige Frage. Leben wir in einer männlichen, weißen Welt, die die Wirtschaft und Politik dominiert und Gesetze macht? Ja! Gibt es jemanden, dem nicht die gleichen Chancen eingeräumt werden? Ja! Es sind nicht nur die Armen, die indigenen Völker, sondern es ist auch die Frau, die immer schlechter wegkommt. So ist es einfach, das sieht man überall: am Gender Gap, in der Werbung, an den CEOs. Gehen Sie zum Beispiel zu irgendeinem Unternehmertag. Schauen Sie in den Saal. Und wer sitzt da? Nur Männer in dunkelblauen Anzügen. Und dazwischen fünf einzelne Frauen.

Woher kommt Ihr Ehrgeiz, Ihre Motivation, immer neue Projekte anzugehen?

Wiener: Ich frage mich, was gibt mir Sinn in meinem Leben. Ich fühle mich in dieser Welt verwurzelt und deshalb will ich etwas für diese Welt tun. Das muss jetzt nicht die große Politik sein. Das kann auch eine Lesestunde bei der blinden Nachbarin oder das Spielen mit den Kindern einer alleinerziehenden Mutter sein, die überarbeitet ist.

Auf der Leipziger Buchmesse haben Sie Ihr neues Buch vorgestellt. Schaut man sich die Bestseller-Listen an, boomen viele Bücher zum Thema Ernährung und Diäten. Haben die Menschen das Gefühl verloren, wie man sich richtig ernährt?

Wiener: Ernährung hat sich mittlerweile zu einer Ersatzreligion entwickelt und zu einem Mittel, um sich von anderen abzugrenzen. Heutzutage kann man sich nicht mehr durch ein Statussymbol definieren, wie vor 30 Jahren mit einem fetten Auto.

Warum brauchen die Menschen dann so viele Ratgeber?

Wiener: Wir leben heute in einer Gesellschaft mit einem Überfluss an Essen. Die Nahrungsmittelindustrie will uns immer mehr Kalorien in den Hals stopfen, um immer mehr Gewinn zu machen. Wir essen zum großen Teil nicht natürlich und haben den Bezug zu den Lebensmitteln verloren.

Der Trend geht für viele Menschen zum Verzichten, Veganismus wird immer beliebter. Wie stehen Sie zu veganer Ernährung?

Wiener: Es gibt so viele Ernährungsmethoden. Jeder soll so essen, wie er möchte, wenn er denkt, dass es ihm guttut. Wenn Menschen versuchen, durch ihr Essverhalten, die Welt besser zu machen, dann begrüße ich das erst mal. Ernährung ist aber ein sehr komplexes Thema, und wenn wir die Welt besser machen wollen, dann sollten wir als Gesellschaft auch über Ernährung reden. Das allein wird aber nicht reichen.

Im Jahr 2004 waren Sie in der ARD-Fernsehserie „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ zu sehen, wie sie selber Hühner schlachten. Meinen Sie, die Menschen würden bewusster Fleisch essen, wenn sie ihre Tiere eigenhändigtöten müssten?

Wiener: Ich denke schon. Bis vor ein paar Jahrzehnten war das ja ganz normal, dass Menschen ihre Hühner selbst geschlachtet haben. Daran merkt man auch, wie pervers unser Nahrungsmittelsystem heute ist.

Was meinen Sie mit pervers?

Wiener: Das Fleisch darf nicht mehr als Tier erkennbar sein. Das ist sonst ekelig. Wir können es nicht ertragen, wenn man ein Auge, eine Sehne oder eine Kralle sieht. Doch eigentlich kann man erst am ganzen Tier die Frische und Qualität erkennen. Nur dann sieht man, wie gut oder schlecht es ihm vor der Schlachtung ging und ob es gut gehalten wurde. Das ist doch eine moralische Frage. Wenn ich ein Tier essen will, sollte ich mir auch die Hände dafür blutig machen können? Ja, aber hallo!

Sind wir zu empfindlich geworden?

Wiener: Ich bin überzeugt: Wenn der Hunger groß genug ist, würde jeder ein Huhn eigenhändig schlachten. Wir leben in einer dekadenten Luxusgesellschaft, die gar nicht wirklich weiß, was Hunger ist. Wir importieren uns die ganze Welt und erfinden Produkte, die meine Großmutter gar nicht als essbar erkannt hätte. Der Süden hungert zudem für unseren Überfluss.

Wie kann die Politik dazu beitragen, die Ernährungsgewohnheiten der Menschen positiv zu beeinflussen?

Wiener: Sie sollte ermöglichen, dass wir alle nachhaltig, vielfältig und frisch essen können. Die Zukunft muss ökologisch sein, sonst werden wir keine haben. Unser Agrarsystem subventioniert vor allem die, die viel haben. Egal ob sie unsere Böden versauen, Tierleid verursachen und dem Klimaschutz nicht dienlich sind. Das ist doch ein Irrsinn und gehört geändert. Wir sind Teil der Natur und sollten daher natürlich essen. Je unverarbeiteter Nahrungsmittel sind, desto besser sind sie für unseren Organismus und unseren Stoffwechsel. Doch an den nicht-verarbeiteten Nahrungsmittel lässt sich nun mal am wenigsten verdienen.

Die Deutschen und vor allem die Jugendlichen setzen sich wieder mehr für Klimaschutz ein. Zum Beispiel mit dem Artenschutz-Volksbegehren in Bayern und bei den Fridays-For-Future-Protesten. Was glauben Sie, woher kommt dieses plötzliche Interesse?

Wiener: Wir wissen heute mehr, als wir vor 20 Jahren wussten. Die Folgen des Klimawandels werden die jungen Leute härter und länger treffen als die Alten. Deswegen finde ich es wichtig, dass sich Jugendliche in die Politik einmischen. Die alten Säcke von Politikern und Patriarchen sind in einer ganz anderen Welt groß geworden mit ganz anderen Problemen. In den 60er-Jahren musste die Politik noch dafür sorgen, dass die Leute genügend Kalorien zu sich nehmen. Da waren Pestizide ein Wundermittel.

Also eine ganz andere Lebenswirklichkeit?

Wiener: Ja, absolut! In meiner Kindheit hat sich keiner über Umweltverschmutzung, Ressourcen, Müll, Klima oder über Insekten Gedanken gemacht. Da gab es noch nicht einmal Bio. Die moderne Landwirtschaft hat über Nacht alles geändert. Und alle waren begeistert: Jetzt konnten wir uns die Wampen vollschlagen und mussten nicht mehr hungern.

Doch das war ein Irrglaube.

Wiener: Diese moderne Landwirtschaft hat einen hohen Preis. Nämlich für Natur und unsere Gesundheit. Alles wurde immer effizienter, die Menschen haben Hochleistungstiere gezüchtet, die im Kindesalter geschlachtet werden. Grauenhaft. Bis der Hormonfleischskandal in den 70er-Jahren bekannt wurde, wusste kein Mensch, dass es so etwas wie Massentierhaltung gibt, wo Tiere mit Antibiotika gefüttert werden und in Käfigen gehalten werden, alles wegen Geldgier.

Gibt es überhaupt noch einen Ausweg?

Wiener: Die Agrar- und die Nahrungsmittelindustrie sind zu mächtig geworden. Wir können Monsanto zum Beispiel gar nicht wirklich angreifen, weil der Konzern die Saatgutherstellung so weit dominiert, dass es einzelne Länder in Hungersnöte stürzen würden, wenn diese Großkonzerne von heute auf morgen verschwinden würden.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Wiener: Dezentrale, nachhaltige und regionale Landwirtschaft, die den Nachbarn fördert. Und wir müssen Lebensmittel wieder mehr wertschätzen, indem sie ordentlich und transparent vor Ort produziert werden. Dafür müssen wir einen fairen Preis zahlen, den solche Lebensmittel eben kosten. Konzerne und transnationale Privatunternehmen müssen endlich Steuern zahlen und entmachtet werden.

Sie haben das Artenschutz-Volksbegehren in Bayern unterstützt und sind selbst Imkerin. Welche Beobachtungen haben Sie in Bezug auf die Artenvielfalt gemacht?

Wiener: Auch meine Bienenvölker sterben, selbst wenn sie genug zu essen haben. Die Biene ist krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Was die jungen Leute aber heute gar nicht mehr kennen: Als ich klein war, bin ich durch Wiesen gegangen mit Hunderten verschiedener Blumen und Blüten, bei jedem einzelnen Schritt sind Dutzende Heuschrecken und Libellen hochgesprungen und geflattert. Überall lag ein Duft in der Luft, den ich in den letzten 30 Jahren nie wieder gerochen habe. Wer das nicht erlebt hat, der kennt diese Vielfalt nicht und kann sie auch nicht verteidigen. Aber Vielfalt ist das, was uns resistent für die Anforderungen der Zukunft machen wird. Vielfalt ist Schönheit.

Zur Person: Sarah Wiener, 56, ist Köchin und Unternehmerin. Sie kandidiert auf dem zweiten Listenplatz für die österreichischen Grünen für die Europawahl im Mai.

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