1. Startseite
  2. Politik
  3. Satiriker Semsrott: "Bin fasziniert von der Kommunikationsleistung der CDU"

Interview

24.05.2019

Satiriker Semsrott: "Bin fasziniert von der Kommunikationsleistung der CDU"

Nico Semsrott ist ein vor allem unter jungen Menschen bekannter Kabarettist und Politiker. Hier ist er bei einer Preisverleihung 2014 zu sehen.
Bild: Daniel Karmann, dpa (Archiv)

Exklusiv Die CDU und soziale Medien - in jüngster Zeit keine Liebesbeziehung. Nach dem Video des Youtubers "Rezo" sorgt Politiker und Kabarettist Nico Semsrott für Aufregung.

Die CDU hat im April dafür gekämpft, das Urheberrecht in der Europäischen Union zu reformieren - und verstößt nun selbst dagegen. Das hat der Politiker und Satiriker Nico Semsrott mit simpler Recherche herausgefunden: Er besuchte den Youtube-Kanal der CDU und fand dort zahlreiche Mitschnitte aus dem Programm der öffentlich-rechtlichen TV-Sender.

In mehreren Twitter-Posts veröffentlichte er am Donnerstag dieses Tatsache und sorgte so dafür, dass die CDU das Material der Öffentlich-Rechtlichen von ihrem Youtube-Kanal nehmen musste.

Semsrott selbst kandidiert für die Partei "Die Partei" auf Listenplatz 2 für die Europawahl. Er ist Kabarettist, Satiriker und Slam-Poet. Im Interview erklärt er die Hintergründe. Achtung, das Gespräch könnte eine Prise Humor enthalten.

Wie kam es dazu, dass Sie die Videos auf dem Youtube-Kanal der CDU fanden? Checken Sie regelmäßig die Medien-Kanäle anderer Parteien?

Nico Semsrott: Ich bin grundsätzlich fasziniert von der Kommunikationsleistung der CDU. Es ist wie ein Unfall, man muss hingucken. Deren Youtube-Kanal gehört dazu.

Wird man als Satiriker nicht irgendwann müde von all den Steilvorlagen, die einem die CDU bietet?

Semsrott: Ja. Und arbeitslos. Das ist eigentlich die größere Gefahr. Die Politiker nehmen uns Satirikern die Arbeitsplätze weg. Deswegen gehe ich als Satiriker aus reiner Notwehr in die Politik.

Entwickelt man vielleicht sogar Mitleid mit der Partei?

Semsrott: Phasenweise ja. Neulich, als Daimler angekündigt hat, der CDU keine Spenden zukommen zu lassen, fand ich das unfair. Da arbeitet als CDU man jahrzehntelang zuverlässig für das Unternehmen und dann bleibt die Bezahlung aus! Für die PR-Abteilung habe ich aber kein Mitleid. Wenn sich die CDU auf allen Ebenen gegen die Moderne wehrt, ist das eben ihre Entscheidung.

Haben Sie mit solchen Reaktionen in den sozialen Medien gerechnet? Am 24. Mai hatten Sie 3500 Retweets auf Ihre investigative Veröffentlichung.

Semsrott: Nein. Ist ja auch völlig übertrieben. Die Union sollte aufgrund ihrer desaströsen Menschenrechtspolitik, ignoranter Klimapolitik oder der Zusammenarbeit mit Orbàn in der Kritik stehen. Die Urheberrechtsverletzungen einer selbst ernannten Urheberrechtspartei sind im Vergleich Lappalien.

Haben die Verantwortlichen von CDU oder den Öffentlich-Rechtlichen mit Ihnen gesprochen, ehe die Inhalte von dem Kanal genommen wurden?

Semsrott: Nein. Die gesamte Kommunikation, die stattgefunden hat, ist online einsehbar. Es war genau ein Tweet von der ARD.

Hätten Sie gedacht, dass Sender und Partei so schnell reagieren würden?

Semsrott: Ich hatte mit keiner Reaktion gerechnet und wollte einfach nur meine Follower unterhalten. Vermutlich lerne ich das jetzt schon für die große Politik. Einfach mal ausprobieren, irgendwann passiert schon was.

Müssen sich nun auch andere Parteien vor Enthüllungen fürchten?

Semsrott: Unbedingt. Ich werde von meinem Bett aus googlend alles in meiner Macht stehende tun, um die Konkurrenz zu stürzen.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

27.05.2019

Faktencheck! Nur mal so ein Beispiel herausgegriffen:
Merkel und Ihre CDU hatten auf ihren Bildungsgipfeln 2008/9 eine Anhebung der jährlichen Forschungs- und Bildungsausgaben für Bund und Länder auf 10%, davon 7% für Bildung, des Bruttosozialproduktes versprochen. Tatsächlich stagnieren die Ausgaben derweil bei deutlich unter 5%, (4,2% in 2017). Da fehlen also allein für die Bildung rd. 60 Mrd. EUR pro Jahr! Damit zählt Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa. Insofern muss man sich nicht über den Bildungsstand in Deutschland wundern! Die CDU beeilt sich jetzt auf die Kritik des YouTubers Rezo hin diese - von Merkel selbst präferierte - Kennzahl als „trügerisch“ abzuwerten und zieht in ihrer Rechtfertigung einfach mal so eine andere Kennzahl aus dem Ärmel - Bildungsausgaben pro Schüler/Student - und meint, damit ihr Unvermögen „heilen“ zu können! Tatsächlich streut Sie so wieder einmal den Bürgern nur Sand in die Augen!

Wann haben die Medien zum letzten Mal über diesen Bildungs-Skandal berichtet? Stattdessen beeilen sich insbesondere die CDU/„C“SU sowie die meisten Medien bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit das sog. 2%-Ziel zwecks militärischer Aufrüstung einzufordern. Für mich sieht das bei CDU-Leuten wie von der Leyen, Röttgen, Merkel etc. bzw. bei Medienvertetern wie Josef Joffe von der ZEIT und viele gleichgesinnte „Transatlantiker“ wie vorauseilender Gehorsam ggü. dem verrücktesten US-Präsidenten aller Zeiten aus.

Rezo hat also die Union bei ihrem Bildungsversagen sogar noch mit Samthandschuhen angefasst!

Und noch etwas! Wenn Merkel zu einem Gipfel einlädt, ist Gefahr in Verzug!
Beispiele: Bildungsgipfel 2008/9, Autogipfel 2017/8, Wohngipfel 2018, ...

Permalink
27.05.2019

Rezo führt mit seinem intelligenten, leidenschaftlichen, faktenorietierten und kritischen YouTube-Special „Die Zerstörung der CDU“ nicht nur die CDU vor, die sich hilflos, unfähig, altbacken - also herablassend und mit pauschalen Parolen - wehrt, er entzaubert auch die Medien, insbesondere auch die, die sich gerne als überregionale, überparteiliche Leitmedien gerieren.
Man mag nicht alle Schlussfolgerungen von Rezo teilen, aber dem auf seine Weise transparent gemachten Gesamttrend tut das keinen Abbruch. Rezo’s Beitrag macht klar, was wir bei diesen Medien zunehmend so schmerzlich vermissen: nicht Lautsprecher der Regierungen, Parteizentralen und deren Presseabteilungen zu sein und zunehmend unkritisch deren Stellungnahmen zu verstärken, anstatt diese mit Fakten zu konfrontieren, an ihren selbst gesteckten Zielen zu messen, Bullshit als Bullshit und Lügen als Lügen bzw. Halbwahrheiten zu entlarven. Ihren Höhepunkt hat diese Art der - alternativlosen? - Berichterstattung in der sog. hymnischen Kanzlerberichterstattung erreicht.
Dies haben wohl auch die Medien erkannt, weshalb sie sich jetzt - wie z.B. besonders einseitig die ZEIT - ebenfalls hilflos und in „altbewährter“ Manier wehren: zunächst einmal mit einem Rundumschlag und pauschalen Parolen wie „Wutbeitrag“, „Apokalyptik“ etc. den ganzen YouTube-Beitrag zu entwerten. Dann sich auf einzelne Detailargumente zu stürzen wie z.B. beim Thema Wirtschaft und sich dabei nicht zu entblöden, die Mär von „uns ging es noch nie so gut“ auf Basis von „Durchschnittsbetrachtungen“ wieder und wieder zu präsentieren, die z.B. ausblendet, dass 42% der Haushalte in den letzten 20 Jahren keinen Anteil an den Einkommenssteigerungen verzeichnen durften. Die restlichen Kritikpunkte sind so hanebüchen, dass ich mir eine Entgegnung erspare. Der FAZ fiel nicht mehr ein, als Rezo‘s Beitrag als „skrupellose Hetzkampagne“ zu diskreditieren! Diskreditiert haben sich stattdessen wieder einmal die Breit-FAZ-News! SPRINGER’s WELT unterstellt Rezo, nur andere „blamieren“, „fertigmachen“, „zerstören“, „indoktrinieren“ zu wollen. FOCUS-Bart-News spricht gar von Rezo‘s „in ungebührlichem Ton vorgetragenes Machwerk“ und schwadroniert über „Radikalinskis“ und „Pöbelrabatt“.
So werden die Medien ihr verlorenes Terrain nicht zurückgewinnen! Deren Auflagen werden zurecht weiter zurückgehen, wenn sie weiterhin bei der Suche um die richtigen Antworten auf Rezo so umher irrlichtern. Immerhin zeigt der Artikel, dass die Medien offensichtlich die Brisanz dieses neuen Formats erkannt haben.
Noch ein kurzer Seitenhieb auf die in den Fernsehanstalten beliebten Talkshow-Formate à la „Hart, aber fair“, die gerne mit manipulativen Einspielern, schein-objektiver Moderation und Diskussions-Teilnehmern unterschiedlicher Interessengruppen Faktenwissen vortäuschen, tatsächlich aber meist nur interessenorientierte Meinungen zum Besten geben, mehr oder weniger unterstützt durch ein fragwürdiges Klatsch-Publikum. Im Vergleich zu Rezos YouTube-Aufschlag kann man diese erstarrten Fernsehformate ruhig in die Tonne treten.

Der erwähnte ZEIT-Artikel von Lisa Nienhaus ist auch mit „5 vor 8“ überschrieben. Tatsächlich ist es - auch für die Medien - längst „5 vor 12“!
https://youtu.be/JNjh46zpQFA

Übrigens lädt die CDU Rezo nach einigem bezeichnenden Irrlichtern zu einem Gespräch an einem Tisch ein - womöglich in einem Hinterzimmer? Willkommen im 20. Jahrhundert!

Permalink
25.05.2019

Jetzt kriegens die "Schwarzen" aber knüppeldick. Redlich verdient.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren