Beim Treffen zwischen US-Präsident Barack Obama und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am Montag in Washington geht es um nichts weniger als die Quadratur des Kreises. Im Streit um das befürchtete iranische Atomprogramm will Netanjahu seinen Gastgeber auf eine glaubhafte Angriffsdrohung festnageln, sollte der Iran bestimmte "rote Linien" überschreiten. Das berichtete die israelische Zeitung "Haaretz". Obama aber könne im Wahlkampf keinen Krieg gebrauchen, schrieb die US-Zeitung "The Daily Beast". Offiziell halten sich alle Beteiligten bedeckt. Ein Sprecher Netanjahus sagte nur: "kein Kommentar".
Netanjahu bei Obama
Wie der Konflikt um Irans Atomprogramm 2011 eskalierte
Viele Länder vermuten, dass der Iran heimlich an Atomwaffen baut. Teheran bestreitet das und pocht auf sein Recht auf Kernenergie. Im Januar 2011 scheitern die Gespräche über Irans Atomprogramm. Zum Jahresende spitzt sich der Konflikt zu:
8. November: Der Iran hat laut einem Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA vermutlich an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet. Teheran weist das zurück. Mehrere Länder fordern, die Sanktionen gegen den Iran zu verschärfen - darunter auch Deutschland.
18. November: Der IAEA-Gouverneursrat setzt Teheran eine letzte Frist bis Ende März 2012, alle Fragen im Atomstreit zu beantworten. Der Iran antwortet mit der Ankündigung eines Luftabwehrmanövers.
21. November: Großbritannien bricht sämtliche Verbindungen zu iranischen Banken ab. Diese spielten eine zentrale Rolle für die Finanzierung des Atomprogramms, heißt es.
28. November: Die Bundesregierung setzt sich für einen Stopp aller Ölimporte aus dem Iran in die EU ein. Ein solches Embargo könnte nach Angaben von Diplomaten schon Anfang 2012 in Kraft treten.
29. November: Aus Protest gegen britische Sanktionen und den Tod eines Atomwissenschaftlers stürmen iranische Studenten das Gelände der britischen Botschaft in Teheran.
30. November: Großbritannien weist sämtliche Diplomaten und Mitarbeiter der iranischen Botschaft in London aus. Im Gegenzug verweist der Iran britische Diplomaten des Landes und warnt den Westen vor einem Militärschlag. Deutschland und die Niederlande rufen ihre Botschafter aus Teheran zurück.
1. Dezember: Angebliche Pläne des Irans für Anschläge auf US- Streitkräfte in Deutschland sorgen für Wirbel. Sie haben aber offenbar keine Grundlage. Die 27 EU-Außenminister beschließen, ein Verbot von Öleinfuhren aus dem Iran vorzubereiten. Das Finanzsystem des Landes soll vom Westen abgeschnitten werden.
2. Dezember: Trotz Bedenken des Weißen Hauses stimmt der US-Senat für neue Sanktionen gegen die Teheraner Zentralbank. Unternehmen oder Geldhäusern, die mit der iranischen Notenbank zusammenarbeiten, soll der Zugang zum US-Markt verwehrt werden.
14. Dezember: Die iranische Regierung dementiert Berichte, sie wolle bei Manövern die Straße von Hormus für Öltransporte sperren. Das war zuvor von iranischen Abgeordneten angekündigt worden.
24. Dezember: Der Iran beginnt Seemanöver im Persischen Golf. Das Außenministerium erklärt, im Kriegsfalle könne die Straße von Hormus gesperrt werden.
27. Dezember: Vizepräsident Mohammed Reza Rahimi erweitert die Blockadedrohung auf den Fall neuer Sanktionen: «Wenn sie (der Westen) Sanktionen gegen iranisches Öl verhängen, wird kein Tropfen Öl mehr durch die Straße von Hormus gelassen.» Die USA wiederholen daraufhin ihre Drohung mit neuen Sanktionen im Atomstreit mit Teheran.
28. Dezember: Die US-Marine betont ihre «robuste Präsenz» im Persischen Golf und erklärt die Freiheit der Meere für unerlässlich.
30. Dezember: Der Iran kündigt den Test von «Langstreckenraketen» an. Es geht um Mittelstreckenraketen bis 2000 Kilometer Reichweite, die alle US-Militäreinrichtungen am Golf erreichen können. Die USA geben die geplante Lieferung von Abfangraketen an die Vereinigten Arabischen Emirate bekannt. Zuvor hatten die USA schon Saudi-Arabien die Lieferung von 84 Kampfflugzeugen des Typs F-15 zugesagt.
31. Dezember: Der Iran erklärt sein Interesse an einer Wiederaufnahme der Atomgespräche. Die EU reagiert zurückhalten. US-Präsident Obama unterzeichnet unter Protest den Militärhaushalt, der Sanktionen gegen die iranische Zentralbank vorsieht, die die iranischen Ölgeschäfte lahmlegen sollen.
Netanjahu und sein Verteidigungsminister Ehud Barak haben keine Zweifel daran gelassen, dass es ihrer Meinung nach für ein militärisches Vorgehen schon bald zu spät sein könnte. Die Iraner verlegen ihre Atomanlagen in Bunker tief unter der Erde und könnten entscheidende Fortschritte bei der Herstellung waffenfähigen Urans machen.
Das auf 90 Prozent angereicherte Uran ist nach israelischer Lesart der letzte Baustein, der den Iranern für eine Atombombe noch fehlt. Notfalls werde Israel allein und wegen seiner schwächeren Bomben auch früher als den USA lieb ist losschlagen, lautet die über die Medien transportierte Warnung. Und Jerusalem würde die USA nicht einmal vorab warnen. Ein Schreckensszenario für den Wahlkämpfer Obama.
Krise im Iran bedroht Obamas Wiederwahl
Das ist Barack Obama
Barack Hussein Obama Junior wurde am 4. August 1961 in Honolulu (Hawaii) geboren.
Die Mutter war eine Anthropologin aus den USA, Obamas Vater, der die Familie wenig später verließ, war Kenianer.
Von 1967-1970 lebte Obama in Jakarta (Indonesien), bevor die Familie wieder nach Hawaii zurückkehrte.
Obama studierte in New York Politikwissenschaften und wenig später an der renomierten Harvard University Jura. Er beendete sein Studium als Juris Doctor.
In Harvard lernte er 1988 auch Michelle Robinson kennen, die ebenfalls Jura studierte. 1992 heiratet das Paar und bekommt zwei Töchter.
In Chicago schlug Obama 1992 schließlich eine politische Laufbahn ein. Er unterstützte Bill Clinton bei seinem Wahlkampf um die US-Präsidentschaft.
Am 20. Januar 2009 wurde er zum 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.
Am 17. Januar 2009 wurde er als erster dunkelhäutiger Präsident Amerikas in sein Amt eingeführt.
Im selben Jahr noch wurde ihm der Friedensnobelpreis für seinen Einsatz zur Stärkung der internationalen Diplomatie verliehen.
Seitdem hatte Obama Schwierigkeiten, den enorm hohen Erwartungen standzuhalten. Die Wirtschaftskrise setzte seiner Regierung, die ohnehin leere Kassen übernommen hatte, schwer zugesetzt.
Dennoch wurde Obama im November 2012 wiedergewählt. In einem Kopf-an-Kopf-Rennen setzte er sich gegen seinen Konkurrenten Mitt Romney durch.
Das Weiße Haus steht vor dem Problem, dass es Israel eventuell nur dann von einem militärischen Alleingang abhalten kann, wenn es seinerseits den militärischen Druck auf Teheran erhöht. Alle Optionen einschließlich der militärischen lägen auf dem Tisch, wiederholen Vertreter der US-Regierung zwar immer wieder. Doch dann kommt das große Aber: "Wir sollten uns auf die wirtschaftlichen Sanktionen konzentrieren, bei denen wir die Welt hinter uns haben", zitierte die "Jerusalem Post" US-Außenministerin Hillary Clinton. Und die Risiken eines Angriffs seien auch zu hoch.
Je länger der Iran jedoch behauptet, sein Atomprogramm diene nur friedlichen Zwecken, und dennoch der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA den Zugang zu Teilen dieses Programms verweigert, desto nervöser werden die Israelis. Netanjahu zog kurz vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar eine klare Verbindungslinie zwischen dem Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg und der Krise mit dem Iran: "Wenn unsere Existenz bedroht wird, dürfen wir unser Schicksal nicht in die Hände anderer legen."
US-Regierung hat Angst vor Flächenbrand
Die US-Regierung befürchtet, ein israelischer Angriff könnte die ganze Region in Brand setzen, die Weltwirtschaft durch explodierende Ölpreise auf Talfahrt schicken und damit Obamas Wahlkampf völlig durcheinander bringen. Die Israelis halten der US-Regierung vor, dass sie ihre militärische Drohung mit dem Plädoyer für Sanktionen und ihren Zweifeln am Erfolg eines Angriffs entwerte, schrieb die "Jerusalem Post". Teheran nehme die Warnung deshalb nicht ernst. Und die Israelis wohl auch nicht.
Kurz vor Natanjahus Besuch verschärfte jedoch auch Washington den Ton. Die Pläne für einen Militärschlag seien fertig, sagte der US-Luftwaffenchef, General Norton Schwartz. Die Planungen bezögen sich auf das Auftanken israelischer Kampfjets in der Luft sowie auf Angriffe auf die Säulen des klerikalen Systems im Iran, die Revolutionsgarden und das Militär sowie das Ministerium für die Geheimdienste, gab die Zeitung ungenannte Vertreter des Pentagon wieder. Die "Washington Post" berichtete zudem, das US-Militär sei zuversichtlich, dass selbst die iranischen Bunker in Fordo mit den neuesten Bomben zu zerstören seien.
Netanjahu setzt auf das Militär
"Was wir brauchen, ist eine glasklare Zusicherung der Amerikaner, dass Washington im Gegenzug zu israelischer Zurückhaltung (...) einen nuklearen Iran verhindert, solange das noch möglich ist", schrieb der frühere israelische General Amos Jadlin in der "New York Times". Er war einer der israelischen Piloten, die 1981 den irakischen Atomreaktor in Osirak zerbombten. dpa/AZ