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Welt-Alphabetisierungstag: Das Abc des Alltags

Welt-Alphabetisierungstag

Das Abc des Alltags

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    Ein Analphabet schreibt Sätze zur Übung in ein Schulheft (Archivfoto)
    Ein Analphabet schreibt Sätze zur Übung in ein Schulheft (Archivfoto) Foto: dpa

    Lesen und Schreiben gehören zu den normalsten Dingen im Leben - denken wir immer. Dabei gibt es auch in Deutschland Millionen, die damit Probleme haben. Menschen wie ihnen ist der Welt-Alphabetisierungstag am Mittwoch gewidmet, Menschen wie Erwin Henning.

    Er wird sich durchkämpfen durch diesen Artikel. Wort um Wort, Zeile für Zeile. Manche Sätze wird er zweimal lesen müssen, dreimal oder viermal. Doch am Ende wird er sagen: "Ich hab's geschafft." Erwin Henning sagt diesen Satz oft.

    Irgendwie hat er es immer geschafft. Er hat Ausreden erfunden und sich kleingemacht. "Ich hab mich durchgewurschtelt und durchgeschwindelt", sagt der ältere Herr. "Mein ganzes Leben lang." Nicht einmal eine Handvoll Menschen ist hinter sein Geheimnis gekommen. Erwin Henning ist Analphabet.

    Eigentlich müsste man sagen: funktionaler Analphabet. So nennt man Menschen, die Wörter kennen, aber schlechter lesen und schreiben als ein Drittklässler. Erwin Henning wollte lange nicht, dass andere davon erfahren. Zu groß ist die Scham, dass ihn jemand für dumm halten könnte, weil er nicht fehlerfrei schreiben kann. Oder für faul, weil er es nie richtig gelernt hat.

    Sie erfinden Ausreden und kommen durch, irgendwie

    Henning hat gezögert, sich auf ein Gespräch einzulassen. Er wollte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. "Dann wissen es alle", hat er gesagt. Doch er will das Schweigen beenden. Zu viele, denen es geht wie ihm, schweigen. Vier Millionen Deutsche, so schätzt man, sind funktionale Analphabeten. Sie erfinden Ausreden und kommen durch, irgendwie. Er sagt Ja zu dem Treffen. Er entschließt sich, seinen richtigen Namen zu nennen und will erklären, wie man es bewerkstelligt, ein Leben fast ohne Schrift.

    Ausführlich beschreibt er den Weg zum Treffpunkt. Erst durch diesen Ort, dann durch jenen, beim Kreisel die zweite Ausfahrt, an der Tankstelle vorbei, nach dem Zementwerk rechts und beim Supermarkt würde er warten. Jeder andere hätte die Straße genannt, Erwin Henning nicht. Er orientiert sich an Dingen, nicht an Wörtern.

    Er sieht nicht aus wie 75. Seine Hände sind kräftig und die Arme gebräunt. Lachfalten spielen um seine Augen. Jetzt fährt er. Erwin Henning steigt in sein Auto, es geht los Richtung Ulm. Autofahren klappt problemlos. "Ortsnamen hab ich irgendwie immer lesen können", sagt er und deutet mit einem Kopfnicken auf die gelben Schilder neben der Straße. "Karlsruhe, Stuttgart, alles kein Problem."

    Er merkt sich, wie die Wörter aussehen. Wie er seinen Führerschein bestanden hat, weiß er nicht mehr. An das schwierige Wort "Abblendlicht" erinnert er sich hingegen noch genau. "Manche Dinge habe ich gut lesen können, anderes habe ich mir einfach nur gemerkt." Er wundert sich heute noch darüber, dass er die Theorieprüfung irgendwie geschafft hat.

    Das Ziel ist erreicht. Ein Parkplatz an einem Einkaufszentrum. Von dort aus geht es zu einer Bäckerei. Er liebt es, dort zu sitzen und die Menschen zu beobachten. Bei einer Tasse Kaffee lässt sich erahnen, warum einer, der die Schule besucht hat, dennoch nicht lesen und schreiben kann. 1935 wird Erwin Henning bei Dessau geboren. Als er vier ist, stirbt seine Mutter. Der Vater heiratet erneut und stirbt, als Erwin sieben ist.

    Seine Stiefmutter schlägt und terrorisiert ihn. Kaum kommt er von der Schule heim, muss er auf dem Hof mithelfen. Bei Hausaufgaben bekommt er keine Unterstützung, irgendwann macht er sie nicht mehr. Der Lehrer beachtet ihn kaum. Heute fragt sich Erwin Henning, warum die Erwachsenen nicht mehr Druck gemacht haben.

    Als er elf ist, holt ihn sein Onkel zu sich nach Hause. Auch dort ist Schule kein Thema. "Ich kam nach Hause, warf meinen Ranzen in die Ecke, und dann ging es zum Ausmisten in den Schweinestall oder zum Putzen in die Küche." Auch als er später auf dem Bau arbeitet, muss er abends im Betrieb helfen. Mit 21 beschließen er und sein bester Freund, die DDR zu verlassen. "Mein Kamerad hat nie erfahren, dass ich nicht lesen und schreiben kann."

    Auch vor vielen anderen hält er es geheim. Vor den Arbeitskollegen in einer Ulmer Brauerei, zum Beispiel. Täglich muss er in eine Liste eintragen, was er gearbeitet hat. Auf dem Schwarzen Brett daneben steht die Einteilung für die ganze Woche. Buchstabe für Buchstabe: Jeden Tag malt Erwin Henning kurz vor Feierabend das entsprechende Wort vom Plan ab - "Staplerfahrer" oder "Abfüllung". Fast vierzig Jahre lang. Keiner merkt es.

    Als die Firma umstrukturiert wird, soll Erwin Henning Pförtner werden. Sein erster Gedanke: "Das ist die Hölle." Die Chefs machen Druck. Sie wollen wissen, warum er sich sträubt. Schließlich gibt er zu, Probleme mit dem Lesen und Schreiben zu haben. Die Vorgesetzten bleiben gelassen und teilen ihm andere Aufgaben zu. Doch die Scham vor ihnen wird Erwin Henning nicht mehr los.

    Immer hat er das Gefühl, der Einzige zu sein, dem es so geht. Ein Leben ohne Lesen und Schreiben scheint es hier nicht zu geben. Aber noch heute gehen mindestens fünf Prozent der Deutschen schlechter mit der Schrift um als ein Drittklässler - obwohl sie in der Schule waren. Ihr Leben danach gleicht einem Versteckspiel. Nur, dass die Angst, entdeckt zu werden, viel größer ist als in Kindertagen.

    Auch Henning hat sich immer versteckt. Er hat Ausreden erfunden oder zu stottern begonnen, sodass die Menschen ihm geholfen haben. Nie hat er geheiratet. Immer wieder hat er kurz davor einen Rückzieher gemacht. "Ich habe mich geschämt", sagt er. Seiner Lebensgefährtin hat er vor gut 20 Jahren von seinem Geheimnis erzählt. "Sie hat mich zwei Jahre gekannt und nichts geahnt. Ich weiß gar nicht, wie ich den Mut hatte, es ihr zu beichten."

    Jahre nach seiner Flucht aus der DDR bekommt Henning Post von seinem Bruder. Zurückschreiben kann er nicht. Er traut sich nicht, jemanden um Hilfe zu bitten, und lässt den Brief unbeantwortet. Es ist die letzte Nachricht des Bruders. Erwin Henning hat nichts mehr von ihm gehört. Er weiß nicht mal, ob er noch lebt. "Wahrscheinlich bin ich selbst schuld, dass ich meinen Bruder nie wieder gesehen habe."

    Heute scheint der Mann mit sich im Reinen zu sein. Er lacht oft, verbringt viel Zeit im Garten und kommt unter Leute. "Ich hab's geschafft", sagt er. "Früher bin ich viel unsicherer gewesen, bin immer kleiner geworden, wenn es ums Schreiben ging." Einen Beruf hätte er gerne erlernt. Aber die Angst zu versagen war größer.

    Weltmeister im Geheimhalten

    Heute, glaubt er, kommt man ohne Lesen und Schreiben kaum noch durch. Ein Experte widerspricht: "Funktionale Analphabeten sind Weltmeister im Geheimhalten", sagt Andreas Brinkmann vom Bundesverband Alphabetisierung. "Sie sind verdammt gut darin, ihre Schwächen zu überspielen."

    Sie könnten sich Dinge erstklassig merken, hätten ein fotografisches Gedächtnis. Sie könnten sich sehr gut Hilfe holen und Ausreden erfinden wie die vergessene Brille oder die verletzte Hand. Oder im Restaurant Dinge bestellen, die sie kennen - oder dasselbe wie derjenige vor ihnen.

    Erst wenn das eigene Kind in die Schule kommt, wenn sie befördert werden oder wenn der Partner weitere Hilfe verweigert, würden Analphabeten einen Kurs besuchen. 20.000 Menschen seien derzeit angemeldet, sagt Brinkmann - nur 0,5 Prozent der Betroffenen.

    In der Volkshochschule hat er viele kommen und gehen sehen

    Erwin Henning lernt seit zehn Jahren an der Volkshochschule in Ulm. Sein erster Besuch hat ihn viel Überwindung gekostet. Seitdem hat er viele kommen und gehen sehen. "Mindestens 40 Leute, die es nötig gehabt hätten, sind weggeblieben", sagt er. "Auch wenn ich oft nahe dran bin aufzugeben: Mir tät's weh, wenn ich aufhören müsste."

    Henning übt täglich. Er liebt Märchen und Gedichte. Hat er sie einmal gehört, kann er sie auswendig. Formulare bereiten ihm hingegen immer noch Probleme. "Und Zeitung lesen ist auch schwierig", sagt er. "In den Artikeln sind so viel schwierige Worte." Jeden Abend schreibt er Tagebuch. "Da sind wahnsinnig viele Fehler drin. Entweder lass ich Buchstaben aus oder einer ist falsch oder einer zu viel."

    In seinen Notizen sind D und T vertauscht. Auch mit G und K hat er so seine Probleme, sagt er und kneift die Augen zusammen. Dann wirft er den Blick auf eine Werbetafel in der Bäckerei. "Wenn ich langsam lese, geht es." Er konzentriert sich. "15 Prozent Rabatt auf Apfelrollen", steht da. Henning liest laut: "15 Prozent Rabatt auf Apfelstrudel."

    Später geht es wieder raus aufs Land. Erwin Henning zeigt seinen Schrebergarten. Hier verbringt er viel Zeit. Hier gibt es keine Formulare oder Werbetafeln. Hier pflegt er seine Gladiolen oder hängt Knoblauch zum Trocknen auf. Die Zeitung verwendet er nur, um Blumen darin einzuwickeln. Eigentlich könne er ja ein Buch schreiben über sein Leben, sagt er plötzlich - "wenn ich schreiben könnte". Dann lacht er. "Vielleicht nehm' ich es ja auf Kassette auf."

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