Sie haben, nach eigenem Bekunden, bei der Bundesversammlung am 30. Juni 2010 für Christian Wulff als Bundespräsident gestimmt. Sind Sie persönlich enttäuscht?
Waigel: Es stimmt, ich habe für ihn gestimmt. Allerdings habe ich damals schon etwas anderes erwartet. Der Rücktritt war nach der Aufnahme von Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft unumgänglich.
Sie sind Anti-Korruptions-Beauftragter bei Siemens, braucht nicht auch die Politik einen neuen Verhaltenskodex?
Waigel: Nein. Moral ist zeitlos. Es gibt keine neue und keine alte Moral. Ich habe ein kleines Büchlein des früheren polnischen Außenministers Wladyslaw Bartoszewski mit dem Titel „Es lohnt sich, anständig zu sein“. Das ist ein guter Satz. Es ist gerade für Politiker wichtig, Distanz zu den Dingen zu wahren. Um das zu erreichen, ist eine Familie, die sich nicht scheut, einem offen die Meinung zu sagen, ganz wichtig – auch wenn das manchmal unangenehm ist. Gleiches gilt für den Freundeskreis. Das ist der beste Schutz davor, abzuheben. Ich erinnere mich auch gut daran, was der langjährige bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann zu mir sagte, als ich als junger Referent zu ihm kam: „Waigel, man muss immer wissen, wo man herkommt, und auf dem Boden bleiben.“
Bundeskanzlerin Merkel hat erklärt, dass sie einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin im Konsens mit der Opposition finden wolle. Hat sie recht?
Waigel: Es ist jetzt in der Tat an der Zeit, das über die Parteigrenzen hinweg zu besprechen. Das bedeutet aber nicht, dass es ein Unglück wäre, wenn am Ende dann doch zwei Kandidaten zur Wahl stehen. Interview: Simon Kaminski