Eigentlich findet Brigitte M., dass es mittlerweile wieder bergauf geht bei ihr. Die 60-Jährige sitzt mit einem Kaffee in der Hand beim Mittwochstisch des Sozialdienstes Katholischer Frauen, einem Angebot für Frauen, die von Altersarmut betroffen sind. „Ich habe mich daran gewöhnt und irgendwann legt man die Empfindlichkeit ab.“ Heute schämt sie sich nicht mehr dafür, zu den verschiedenen karitativen Einrichtungen in München zu gehen, die günstige Mahlzeiten oder kostenlose Haarschnitte anbieten.
Dass sie einmal darauf angewiesen sein würde, war nicht absehbar. Jahrelang arbeitete sie in einer Versicherung – bis es irgendwann nicht mehr ging. Vor fünf Jahren wurde sie berufsunfähig, verlor ihre Wohnung, lebte zwischenzeitlich in einer Wohnungslosenunterkunft. „Damals bin ich wirklich in ein tiefes Loch gefallen“, erzählt sie rückblickend. Ihre Rente heute? Ungefähr 1200 Euro und damit unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze.
Frauen haben ein höheres Risiko für Altersarmut
Brigitte M. ist kein Einzelfall. 2024 waren in Deutschland 19,4 Prozent, also fast jeder Fünfte, der über 65-Jährigen von Armut bedroht. Ältere Menschen sind damit stärker armutsgefährdet als der Durchschnitt der Bevölkerung, wo der Wert bei 15,5 Prozent lag. Das zeigen die Ergebnisse der europäischen Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC), die von allen EU-Ländern erhoben wird. Die Zahlen bilden damit ebenso die Hauptdatenquelle für die Messung von Armutsgefährdung und Lebensbedingungen in Deutschland. Allerdings bezieht sich die Statistik auf das Einkommen, Vermögen wird dabei nicht berücksichtigt.
Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens erhält. Diese Grenze lag im vergangenen Jahr bei 1381 Euro. Frauen sind stärker davon bedroht, unter der Armutsgefährdungsgrenze zu leben. Im Alter nimmt dieser Unterschied zu; in der Altersgruppe 65plus sind 21,4 Prozent der Frauen armutsgefährdet und 17 Prozent der Männer. Im vergangenen Jahr bezogen jedoch nur circa drei Prozent der Rentnerinnen und Rentner tatsächlich Grundsicherungsleistungen, wobei die Zahl seit Jahren ansteigt und Sozialverbände eine Dunkelziffer vermuten. Manche Betroffenen sind überfordert mit dem Papierkram oder schämen sich dafür, auf Unterstützung angewiesen zu sein.
„Das höhere Armutsrisiko von Frauen ist Ausdruck der Geschlechterungleichheiten im Erwerbsverlauf“, erklärt Julia Simonson, kommissarische Leiterin des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger Geld, sie unterbrechen ihre Arbeit häufiger, weil sie noch immer hauptsächlich für die Kindererziehung zuständig sind, und arbeiten auch deshalb häufiger in Teilzeit. „Ihre Rentenanwartschaften sind dann geringer und sie können weniger gut privat vorsorgen“, sagt Simonson. Und anders als in jüngeren Jahren, kommen armutsgefährdete Menschen im Alter kaum mehr aus dieser Situation heraus, erklärt die Soziologin. Ein zusätzliches Risiko für Altersarmut sei das zunehmende Risiko der Pflegebedürftigkeit im Alter.
Die Bundesregierung ist sich bisher bei der Reform der Rente nicht einig
Die Rente und ihre dringend benötigte Reform sind eines der beherrschenden Themen der schwarz-roten Koalition. Zuletzt sorgte ein Papier des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) über einen sogenannten „Boomer-Soli“ für Diskussionen. Die Idee: Menschen mit hohen Alterseinkünften aus der Generation der Baby-Boomer unterstützen durch extra Abgaben ihre von Altersarmut bedrohten Altersgenossen, die nun ebenfalls in Rente gehen. Im Gegensatz zu anderen Vorschlägen der Umverteilung betrifft der „Boomer-Soli“ nicht nur die Einkünfte aus der gesetzlichen Rente, sondern beispielsweise auch aus Versorgungswerken, privater Altersvorsorge oder Vermietung. „Es wäre nicht fair, die anstehenden Lasten des demografischen Wandels vor allem den jüngeren Generationen aufzubürden. Ein Boomer-Soli kann helfen, für Ausgleich zu sorgen“, sagt DIW-Steuerexperte Stefan Bach.
Der „Boomer-Soli“ könnte das Risiko für Altersarmut senken
Kritik gab es unter anderem von der Mittelstandsbeauftragten der Bundesregierung, Gitta Connemann (CDU). Sie sagte den Sendern RTL/ntv: „Man raubt den Menschen Verlässlichkeit. Jemand, der in die Rente eintritt, der sein Portfolio berechnet hat, (…) dem kann ich nicht so mal über Nacht sagen, ich nehme dir davon zehn Prozent weg.“ Das DIW gibt an, dass die vermögendsten 20 Prozent mit dem „Boomer-Soli“ ein um drei bis vier Prozent geringeres Nettoeinkommen hätten. Im Gegenzug würden die Renteneinnahmen der ärmsten 20 Prozent um zehn bis elf Prozent steigen. Laut den Berechnungen des DIW würde die Armutsrisikoquote von 18 auf 14 Prozent sinken.
Das würde Frauen wie Brigitte M. zugutekommen. Aber um der geschlechtsspezifischen Altersarmut vorzubeugen, braucht es laut der Soziologin Simonson auch Maßnahmen, die die Erwerbssituation von Frauen verbessern. Sie fordert eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, beispielsweise durch den Ausbau der Kita-Betreuung und indem die Väter stärker in die Verantwortung genommen werden.
Altersarmut wirkt sich auf den Alltag und das soziale Umfeld aus
Mit der plötzlichen Armut geht für viele Frauen eine Veränderung des Alltags und des sozialen Umfelds einher. „Teilweise habe ich verschwiegen, dass ich zu diesen Einrichtungen gehe“, sagt Brigitte M. Gemeinsame Unternehmungen mit Menschen, die viel mehr Geld zur Verfügung haben, seien schwierig. Das ist laut Soziologin Simonson ein weitverbreitetes Problem: „Armut schränkt die Handlungsmöglichkeiten sehr stark ein. Es findet gleichzeitig ein sozialer Rückzug und ein sozialer Ausschluss statt.“
Brigitte M. hat sich aus dem tiefen Loch herausgearbeitet. In einer teuren Stadt wie München schätzt sie sich glücklich, eine Sozialwohnung gefunden zu haben. Sie kennt die unterschiedlichen Stellen, bei denen sie Hilfe beantragen kann. Braucht sie Möbel für die Wohnung, kann sie das über Stiftungen beantragen. Sie bekommt Wohngeld und durch ihr Ehrenamt kann sie sich etwas dazuverdienen. Denn sie engagiert sich als Leihoma und als Schulweghelferin - nicht des Geldes wegen, sondern weil sie hier ein neues soziales Umfeld gefunden hat, das ihr Kraft gibt: „Es ist wichtig, gebraucht zu werden.“
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