Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

„Angst unter Latinos in Miami: Trumps 'Alligator Alcatraz' und die drohenden Abschiebungen“

USA

„Wo sollen wir denn hin?“: Migranten und die Angst vor Trumps „Alligator Alcatraz“

  • |
  • |
  • |
  • |
    Proteste beim Besuch von US-Präsident Donald Trump in der neuen Haftanstalt „Alligator Alcatraz" in Miami.
    Proteste beim Besuch von US-Präsident Donald Trump in der neuen Haftanstalt „Alligator Alcatraz" in Miami. Foto: ZUMA Press Wire, Imago

    Gut sechs Meilen vor dem „Alligator Alcatraz“ weisen neue grüne Hinweisschilder den Weg auf das neue Abschiebegefängnis in den Everglades. Verfahren kann man sich eigentlich nicht, denn der U.S. Highway 41 führt schnurstracks gerade durch die Everglades in Richtung Westen. Doch derzeit kommen viele LKW und bringen Teile zum Aufbau der Haftanstalt und auch Busse, in denen sich die ersten Migranten befinden sollen. Es geht von Miami kommend vorbei an der indigenen Gemeinde des Miccosukee Tribe, an einem Spielcasino und den vielen Airboat-Anbietern. Das propellergetriebene Wasserfahrzeug wurde berühmt durch die Fernsehserie Miami Vice, als die stets in Designerkleidung ermittelnden Drogenfahnder auch mal im Sumpfboot auf Verbrecherjagd gingen. Heute nutzen es Touristen, um Alligatoren aus der Nähe zu sehen.

    Doch auf einmal biegt eine Seitenstraße nach rechts ab. „Dade Collier“ steht auf dem verrosteten grünen Schild des ehemaligen Flughafens. Dessen neue Bestimmung ist nun auf einem neuen blauen Schild mit weißgrauer Schrift zu lesen: „Alligator Alcatraz“. Wer aussteigt, sollte sich vor allem vor den unerbittlichen Mückenschwärmen schützen, die sofort jedes freie Stückchen Haut entdecken. Hundert Meter weiter stehen Mitglieder der Nationalgarde und erklären sehr höflich, aber bestimmt, dass die Anreise hier zu Ende ist. Auf das Gelände kommen nur Sicherheitskräfte und Migranten, die abgeschoben werden sollen.

    Wer versuche zu fliehen, werde auf Alligatoren treffen, witzelt Trump

    Anfang Juli hat US-Präsident Donald Trump „Alligator Alcatraz“ besucht. Die Haftanstalt gilt als neue Trumpfkarte des Präsidenten im Kampf gegen die illegale Migration und der bevorstehenden „größten Abschiebeaktion in der amerikanischen Geschichte“, wie seine Sicherheitsministerin Kristi Noem nahezu täglich zu Protokoll gibt. Sie gehört wie Floridas Gouverneur Ron DeSantis zu Trumps Begleitkommando an diesem Besuchstag. Vor allem soll es als abschreckendes Beispiel für Migranten gelten. Bereits die Abschiebung von hunderten Venezolanern ins Hochsicherheitsgefängnis Cecot in El Salvador produzierte Bilder, die sich nach dem Willen der Trump-Regierung in den Köpfen der Migranten einbrennen sollen: Irgendwo in einem fremden Land ohne jeglichen Kontakt zu Familien und zu Anwälten weggesperrt zu werden. Nun kommt auch „Alligator Alcatraz“ hinzu.

    Bei seinem Besuch verspottet Trump die Migranten, die bald in das in Windeseile aus dem Boden gestampfte Provisorium aus weißen Containern, Bettgestellen und Gittern eingeliefert werden. Wer von hier zu fliehen versuche, würde auf Alligatoren und Pythons treffen, sagt der Präsident. Und witzelt: Man müsse zickzack laufen, um ihnen zu entkommen. Das erhöhe die Überlebenschance immerhin um ein Prozent. Nun gibt es auch mit KI erzeugte Bilder, die Krokodile als Mitarbeiter der US-Migrationsbehörde ICE zeigen. Der Latino-Bevölkerung in Miami dürfte kaum zum Lachen zumute sein.

    Arbeiter installieren ein Schild mit der Aufschrift „Alligator Alcatraz“ am Eingang einer neuen Haftanstalt für Migranten.
    Arbeiter installieren ein Schild mit der Aufschrift „Alligator Alcatraz“ am Eingang einer neuen Haftanstalt für Migranten. Foto: Rebecca Blackwell/AP, dpa

    Wer das Lokalfernsehen in Miami einschaltet, sieht Kristi Noem in kurzen Spots: Wer illegal im Land sei, werde entweder verhaftet und abgeschoben, sagt die Heimatschutzministerin. „Oder Sie gehen selbst, dann haben Sie das Recht wiederzukommen.“ Zu sehen sind auch Bilder aus dem Cecot-Gefängnis, das Noem vor einigen Wochen in dem mittelamerikanischen Land selbst besuchte und wo sie vor Zellen voller schweigender, tätowierter Migranten warnte. Für die Latinos ist das eine bittere Demütigung.

    Die Flüchtlingsunterkünfte an der mexikanischen Nordgrenze sind leer

    Mit dieser Strategie hat die Trump-Regierung – nüchtern betrachtet – Erfolg. Mittelamerikanische Länder melden eine umgekehrte Migrationsbewegung. Die Flüchtlingsunterkünfte an der mexikanischen Nordgrenze sind leer, die Migranten kehren um. Die meisten sehen derzeit keine Chance, in die USA zu gelangen. Mexikanische Medien berichten, dass Schlepperbanden inzwischen mehr und mehr auf Tunnel unter der US-Grenze setzen oder versuchen, auf dem Seeweg die Küste der Vereinigten Staaten zu erreichen. Inzwischen sollen Schleuser für den „Transport“ 10.000 bis 15.000 US-Dollar aufrufen. Was beim Drogenhandel gilt, gilt auch für das Schlepperwesen: Je schwieriger und herausfordernder der Transport, desto höher die Preise und damit der Gewinn.

    Trump besuchte in Florida eine neue Haftanstalt für Migranten.
    Trump besuchte in Florida eine neue Haftanstalt für Migranten. Foto: Evan Vucci/AP, dpa

    All das geht natürlich nicht spurlos an den Latinos in Miami vorbei. Floridas Millionenmetropole ist republikanisch geprägt. Donald Trump gewann den Bundesstaat und holte in Miami deutlich mehr Stimmen als vor vier Jahren. Das liegt auch daran, dass viele Sozialismus-Flüchtlinge aus Kuba, Venezuela und Nicaragua hier eine neue Heimat gefunden und sich ein neues Leben aufgebaut haben. Zu den Demokraten haben sie ein distanziertes Verhältnis, weil ihnen der linke Parteiflügel um Alexandria Ocasio-Cortez zu tolerant gegenüber den Linksdiktaturen in Havanna, Caracas und Managua ist. Trump aber, so hofften sie, stehe auf ihrer Seite. Doch nun droht Hunderttausenden, die derzeit legal unter dem temporären Schutzstatus TPS in Florida leben, der Entzug dieser Protektion und damit die Abschiebung.

    Wie sehr das die konservativen Latinos bewegt, wird auf dem ersten „CPAC Latino“ deutlich. Es ist der Ableger des konservativen Netzwerks „Conservative Political Action Conference“ in dem seit Jahrzehnten konservative Aktivisten und Politiker organisiert sind. Nur wenige Stunden, bevor Trump das „Alligator Alcatraz“ besucht, sind sie im Hardrock-Hotel im Norden Miamis zusammengekommen. Redner wie Eduardo Bolsonaro, Sohn des rechtspopulistischen brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, sind da. Aber das eigentliche Thema des Wochenendes ist die Migration.

    Diese Luftaufnahme zeig den Bau einer Haftanstalt für Einwanderer mit schweren Zelten, Anhängern und anderen provisorischen Gebäuden auf dem Flugplatz von Miami Dade County.
    Diese Luftaufnahme zeig den Bau einer Haftanstalt für Einwanderer mit schweren Zelten, Anhängern und anderen provisorischen Gebäuden auf dem Flugplatz von Miami Dade County. Foto: Daniel Kozin/AP/dpa

    Es ist mucksmäuschenstill, als Eduardo Verástegui auf das Thema zu sprechen kommt. Der mexikanische Schauspieler und Filmproduzent, der sich Hoffnungen macht, in ein paar Jahren selbst nach dem Präsidentenamt in Mexiko greifen zu können, versucht den politischen Spagat – wie so viele an diesem Tag. Die Kritik an Trumps Migrationskurs so zu verpacken, dass sie nicht Gefahr laufen, dass der US-Präsident sie fallen lässt. Und anderseits die Anliegen der eigenen Klientel im Auge zu haben.

    Miami boomt vor allem dank der Latino-Einwanderer

    „Ich glaube, dass wir zuerst die Sicherheit an den Grenzen gewährleisten müssen, hier und auch in Mexiko und in allen Ländern Lateinamerikas. Niemand will Menschen, die nicht aus seinem Land stammen, illegal leben und schwere Straftaten begehen, niemand, weder hier noch in Mexiko, noch in Guatemala, El Salvador, Costa Rica, Peru, Chile, Argentinien. Niemand will das“, sagt Verástegui und bereitet damit sein mit Spannung erwartetes „Aber“ vor. An den runden Tischen des Ballrooms werden die Handys beiseitegelegt und die Köpfe in Richtung Bühne gehoben. Verástegui sagt, was viele in diesem Saal denken: „Für die Menschen, die schon seit mehr als fünf Jahren hier arbeiten, müssen wir einen klaren Weg finden, einen sicheren, gerechten und großzügigen Weg. Um eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für diejenigen zu erreichen, die arbeiten, die guten Menschen“, sagt Verástegui und fordert die Ursachen der Migration zu bekämpfen: den korrupten Sozialismus in Lateinamerika.

    Kaum eine andere US-Metropole steckt derzeit in einem solch politischen Spannungsfeld wie Miami. Zwar gibt es auch in Los Angeles immer wieder Proteste, aber die Filmmetropole ist eine Hochburg der oppositionellen Demokraten. Miami dagegen ist eine Festung der Republikaner. Und die Stadt boomt – auch dank der Latino-Einwanderer, die zum überwiegenden Teil und ganz ohne Bürgergeld ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Es sind die „Guten, die arbeiten“, wie Verástegui den Großteil dieser lateinamerikanischen Einwanderer nennt. Menschen, die auf dem Bau, bei der Ernte oder als Reinigungskraft in den Hotels arbeiten. Doch unter diesen „Guten“ herrscht derzeit Angst und Schrecken. Wegen der Razzien der Einwanderungsbehörde ICE. Unternehmerverbände aus den Branchen haben bereits im Weißen Haus vorgesprochen, sie befürchten, dass es bald zu wenig Maurer, Erntehelfer und Reinigungskräfte gibt.

    In der Venezolaner-Hochburg Doral westlich von Miami ist das Thema überall präsent. „Wissen Sie, nach Hause können wir nicht. Da erwartet uns eine Diktatur“, erklärt ein Venezolaner beim Friseur. „Hier sollen wir nicht bleiben dürfen. Wo sollen wir dann hin?“ Die Trump-Administration droht auch den Venezolanern den temporären Schutzstatus zu entziehen.

    US-Präsident Donald Trump und Heimatschutzministerin Kristi Noem besichtigen das „Alligator Alcatraz“, eine neue Haftanstalt für Migranten.
    US-Präsident Donald Trump und Heimatschutzministerin Kristi Noem besichtigen das „Alligator Alcatraz“, eine neue Haftanstalt für Migranten. Foto: Evan Vucci/AP/dpa

    In der Lokalzeitung – dem Miami Herald – gibt es fast täglich Nachrichten über das Schicksal der legalen „Guten“. Die Leser erfahren Geschichten wie des kubanischen Gärtners, der seit Jahrzehnten im Land ist, drei Söhne bei der US-Army hat – und trotzdem in Abschiebehaft landete. In dieser Woche starb ein 75-jähriger Kubaner, der seit 60 Jahren in den USA lebte, in Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ICE. Ein anderer Kubaner, nach Berichten seines amerikanischen Arbeitergebers legal im Land, wurde festgenommen und in ICE-Obhut übergeben. Der Mann, der auf einer Erdbeerfarm ackerte, hatte eine Bierdose am Strand geöffnet. Das ist in Florida verboten.

    Die Stimmungslage ist für Trumps Republikaner weitaus gefährlicher, als die obligatorischen Proteste der Nichtregierungsorganisationen. Hier sind Schilder zu lesen wie „FUCK ICE“ oder „No Kings“. Die republikanische Kongressabgeordnete Maria Elvira Salazar, selbst Tochter kubanischer Flüchtlinge und in Miami geboren, spürt den Druck. Ihr Wahlbezirk Miami-Dade umfasst mehr als 535.000 Menschen, die sich als Hispanics identifizieren. Jetzt fürchten nicht nur hier viele republikanischen Politiker bei den Midterms im kommenden Jahr um ihre Wiederwahl in den Senat oder den Kongress.

    „Trump wird für die Einwanderung das sein, was Lincoln für die Sklaverei und Reagan für den Kommunismus war“, sagt Salazar, die vom Erfolg von Trumps Migrationspolitik überzeugt ist. Dann hat auch sie ein „aber“: „Lasst uns die Grenze dichtmachen…Aber sobald das erledigt ist, müssen wir eine nationale Debatte beginnen, um dann den Menschen ohne Vorstrafen, die Teil unserer Gemeinschaften sind und anständige Menschen sind, ein gewisses Maß an Würde geben.“ Nur wie diese Würde aussehen könnte, das weiß derzeit niemand so richtig im Latino-Flügel der konservativen Republikaner.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 9 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren