Deutschland hat einen gewissen Ruf, wenn es um große Bauvorhaben geht. An diesen dürften sich einige erinnern, wenn sie das Reichstagsgebäude besuchen. Bagger und Bauzäune stehen auf der brachliegenden Rasenfläche und stören die Sicht auf eine der wichtigsten Sehenswürdigkeit Deutschlands. Hier soll in den nächsten Jahren ein Besucher- und Informationszentrum entstehen – zu sehen ist davon aber bisher noch nichts. „Ist hier der Strand“, fragt ein Jugendlicher, der mit seiner Schulklasse über den sandigen Boden Richtung Container läuft. Seit Jahren führt der Eingang zum Bundestag für Besucherinnen und Besucher über provisorische Container, die vor dem eigentlich repräsentativen Bau stehen.
Das soll sich mit dem Besucher- und Informationszentrum ändern. Künftig werden die Besucherinnen und Besucher durch einen Tunnel bis vor das Westportal des Reichstagsgebäudes gelangen. In den Tunnel kommen sie durch ein neues Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Großen Tiergarten. Hier sollen die Sicherheitskontrollen stattfinden. In dem neuen Gebäude sind aber auch ein Empfangs- und Informationsbereich, Räume für Seminar- und Diskussionsveranstaltungen sowie Geschäfte und Gastronomie geplant.
Die Kosten könnten weitaus höher sein, als derzeit geplant
2,5 Millionen Menschen besuchen laut offiziellen Angaben jedes Jahr das Reichstagsgebäude. Attraktionen sind vor allem der Plenarsaal und die Glaskuppel, von der aus die Besucherinnen und Besucher einen Blick über ganz Berlin haben. Im Gebäude können sie sich außerdem über die Arbeitsweise und Aufgaben des Parlaments informieren.
Bereits 2014 wurde der Bau des Besucher- und Informationszentrums beschlossen. Damals begrenzten die Parlamentarier die Baukosten auf 150 Millionen Euro. 2021 wurden diese auf 192,5 Millionen Euro nach oben korrigiert. Hinzu kommen 60,3 Millionen Euro für eine unterirdische Kältezentrale, die das Reichstagsgebäude energieeffizient klimatisieren soll. „Kosten für Projektrisiken und Baupreissteigerungen sind darin nicht enthalten“, heißt es von der Bauherrin, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) auf Anfrage. Sie rechne aber weiterhin mit diesen Werten. Nach Recherchen der Berliner Zeitung aus dem Jahr 2023 stünden allerdings Kosten von mindestens 365 Millionen Euro im Raum, wenn die Kostenrisiken einkalkuliert würden.
Auch die Sicherheitsmaßnahmen um das Reichtstagsgebäude werden erhöht
In diesem Jahr sollen die Bauarbeiten für das Besucherzentrum beginnen. Das Projekt befinde sich in fortgeschrittener Planung, teil die Bundesanstalt mit. Exakt dieselben Worte zitiert allerdings auch die Berliner Zeitung in einem Bericht aus dem vergangenen Frühjahr.
Die Bauarbeiten für das Besucherzentrum und den unterirdischen Tunnel werden mit weiteren Maßnahmen verbunden. Neben der Kältezentrale soll die Sicherheit des Reichstagsgebäudes erhöht werden. Dafür ist einerseits ein fester Zaun an der Südseite und andererseits ein sogenannter Aha-Graben vor dem Gebäude geplant. Seinen Namen hat der eigentlich aus dem Gartenbau stammende Graben, weil er aus der Ferne nicht erkennbar ist und erst beim Herantreten sichtbar wird. Der Vorteil ist, dass so die Sicht auf das Reichstagsgebäude nicht versperrt ist. Ein Sturm auf das Reichstagsgebäude, wie ihn 2020 Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretiker versuchten, dürfte mit so einem Graben verhindert werden.
Bima: „Der Gesamtterminplan wird derzeit überprüft“
Im vergangenen Jahr haben bereits bauvorbereitende Maßnahmen an der Trink- und Abwasserversorgung begonnen, die in unmittelbarer Nähe zur Baustelle liegt. Den Bauarbeiten geht eine lange Planungsphase voraus: 2011 beschloss der Ältestenrat des Bundestages, den Bau eines Besucher- und Informationszentrums zu prüfen, 2012 gaben der Bund und das Land Berlin dann eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Nach dem Beschluss 2014 wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, drei Jahre später einigte man sich auf den Entwurf des Züricher Büros Markus Schietsch Architekten. Weil weitere Sicherheitsbedenken laut wurden, wurde der Entwurf nochmals überarbeitet und der Baubeginn von 2020 auf 2025 verschoben. Unter anderem die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen hatten für die Kostensteigerung gesorgt.
Geplantes Ende der Bauarbeiten ist 2030. Allerdings bestünden aufgrund des Umfangs der bauvorbereitenden Maßnahmen und komplexer baulicher Schnittstellen Terminrisiken, wie die Bima mitteilt. Dort heißt es: „Der Gesamtterminplan wird derzeit überprüft.“
Ein anderes Besucherzentrum hat im April immerhin Richtfest gefeiert. Das Gebäude am Bundesrat soll 2028 eröffnen. Kostenpunkt sind 132 Millionen Euro, die Zahlen stammen allerdings aus dem Jahr 2019.
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