Zum Jahresende, wenn die Büros und Kalender leerer werden, die sogenannte staade Zeit anbricht, ist auf der politischen Agenda Platz für Themen, die es sonst nicht drauf schaffen. Die Zuckersteuer, die Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günter jetzt ins Spiel gebracht hat, zum Beispiel. Oder die Forderung nach einem flächendeckenden Böllerverbot – das Dinner-for-One der Gesetzesvorschläge. The same procedure as last year? Verletzungen, Feinstaub, Müll, Lärm, Belastung für Kinder, Tiere und andere vulnerable Gruppen, die Argumente gegen die Böllerei sind wohlbekannt, the same procedure as every year. So wohlbekannt, soviel sei vorweggeschickt, wie valide, inhaltlich ist das alles ziemlich überzeugend. Und trotzdem: Lasst uns doch das Böllern!
Wir leben in krisenhaften Zeiten. Sich heute um die wirtschaftliche Lage zu sorgen, um die eigene Zukunft und die seiner Kinder, um den Zustand von Demokratie und Frieden in Deutschland – von der Klimakatastrophe mal ganz abgesehen – , ist kein Ausdruck von Hysterie und Alarmismus. Dafür gibt es Gründe, gute Gründe, die uns zum verantwortungsvollen und vernünftigen Handeln treiben. Den Job nicht hinzuschmeißen, auch wenn die Chefin nervt, noch eine Zusatzrente abzuschließen, statt zu verreisen, auf Inlandsflüge zu verzichten und auf den ein oder anderen Schweinebraten. Das alles zu tun ist anstrengend, fordert Disziplin.
Eine kindliche Freude, die wir uns gönnen sollten
Das Abbrennen von Feuerwerk und Kanonenschlägen zum Jahreswechsel dagegen ist völlig unvernünftig. Alle rationalen Argumente sprechen dagegen, s.o.. Völlig unvernünftig – und ein reines Vergnügen. Wenn man ein Feuerzeug an eine Zündschnur hält, wenn es kurz darauf Funken regnet, Sterne am Himmel explodieren und Glitzer britzeln lassen, wenn bunte Wolken wabern, wenn es knallt und raucht und nach Schwefel stinkt: Das macht einfach Spaß. Geschenkt, das erleben nicht alle so – aber können wir denen, die diese kindliche Freude empfinden, diese nicht gönnen? Muss man direkt mit einem Verbot ums Eck kommen?
Mehrheit der Deutschen für Böllerverbot
Die Öffentlichkeit ist sonst ja eher skeptisch, was generelle Verbote angeht. Man denke nur an die Debatten ums Verbrenner-Aus, ums Heizungsgesetz, um Veggie-Wurst, die nicht mehr so heißen soll. „Ich lass‘ mir doch meine Ölheizung nicht wegnehmen, meinen Diesel-Kombi, meine Tofu-Wiener!“, heißt es dann empört. Wir sind doch schließlich alle autonome Menschen, die vernünftige Entscheidungen treffen können (aber eben nicht müssen). Beim Feuerwerk soll das plötzlich anders sein? 60 Prozent der Deutschen sprechen sich laut einer aktuellen Umfrage für ein Verbot privater Knallerei aus – und den Mitmenschen gewissermaßen die Kompetenz ab, sich aus den viele guten Gründen selbstständig gegen das Böllern zu entscheiden.
Viele entscheiden sich trotz allem übrigens dafür: Zum letzten Jahreswechsel meldete die Branche mit 197 Millionen Euro einen Rekordumsatz, 2025 wurden schon bis September mehr als 42.000 Tonnen Feuerwerkskörper nach Deutschland importiert – zwei Drittel mehr als im Vorjahr. Die Deutschen befürworten ein Böllerverbot, kaufen aber mehr denn je. Vielleicht, weil sie dieses unvernünftige Vergnügen brauchen, gerade in diesen Zeiten. Gönnen wir’s ihnen.
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