Herr Özdemir, die Autoindustrie steckt in der Krise. Sind die Grünen eine Gefahr für den Standort?
CEM ÖZDEMIR: Das Gegenteil ist richtig. Wir sorgen dafür, dass dieser Standort eine gute Zukunft hat und sind mit den Akteuren der Autoindustrie seit Langem im guten Dialog. Bereits vor zehn Jahren habe ich als Grünen-Vorsitzender den damaligen Daimler-Chef Dieter Zetsche zum Bundesparteitag eingeladen – und er kam. Im vergangenen Dezember sprach der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Daimler-Truck, Michael Brecht, auf unserem Landesparteitag. Winfried Kretschmann hat mit dem Strategiedialog Automobil früh gemeinsam mit der Autobranche den Weg in die Zukunft beschritten. Der Bund kopiert das inzwischen, und auch die Europäische Union macht es ihm nach.
Die Frage zielte auf Ihre Partei, die Grünen.
ÖZDEMIR: Eben diese Grünen tragen den Kurs von Winfried Kretschmann nicht nur mit, sie unterstützen ihn mit voller Kraft – ansonsten wäre er nicht seit 15 Jahren Ministerpräsident. Eben diese Grünen haben mich mit 97 Prozent zu Ihrem Kandidaten gemacht. Wir machen hier, was andere sträflich vernachlässigt haben. Nämlich nicht nur theoretisch ein Ziel ausrufen, sondern sich praktisch auf den Weg machen – zum Beispiel mit einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur. Die Grünen in Baden-Württemberg haben sich schon immer an den Realitäten orientiert und nicht an Theorievorlagen aus Wolkenkuckucksheim. Anders kann und darf man doch gar nicht regieren. Wir waren immer ein wenig anders, das hat sich bei den Wählerinnen und Wählern doch längst herumgesprochen.
Zu Beginn seiner Regierungszeit sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann noch: „Weniger Autos sind besser als mehr.” Steckt hinter dem Bekenntnis zum Auto nicht ein durchsichtiges Machtkalkül?
ÖZDEMIR: Nein. Wir arbeiten mit Anreizen. Mein Ansatz ist: Die Bürgerinnen und Bürger entscheiden selbst, wie sie sich von A nach B bewegen. Ob mit dem Auto, mit Bus oder Zug, mit dem Fahrrad oder per pedes: das soll jeder selbst bestimmen. Das hängt auch davon ab, wo man lebt. Die Politik kann aber attraktive Alternativen anbieten. Ich weiß, wovon ich rede. Ich komme aus Bad Urach, wo die Stilllegung der Ermstalbahn einst dazu beitrug, dass ich politisch aktiv wurde. Dass sie jetzt wieder fährt – sogar im Halbstundentakt –, ist der Erfolg von einigen wenigen Leuten, die anfangs belächelt wurden.
Den einen geht die Transformation im Verkehrsbereich zu langsam, den anderen zu schnell. Die EU hat das Verbot für die Neuzulassung von Verbrennerautos auf fossiler Basis jetzt erst einmal aufgeweicht.
ÖZDEMIR: Wir brauchen Klarheit in den Zielen, aber mehr Freiheit in den Wegen. Trotzdem muss klar sein: Mit rückwärtsgewandten Debatten und Nostalgie sichern wir nicht den Wirtschaftsstandort. Das Auto der Zukunft fährt elektrisch, denkt digital, kommuniziert vernetzt, steuert autonom. Wer das ignoriert, schadet unserer Autoindustrie und gefährdet Arbeitsplätze. Ich verstehe die CDU, die unter Druck ist durch die AfD. Aber ich warne vor angstgetriebenem Handeln. Wir sind ein Exportland. Wir können keinen Grenzzaun ums Land richten und so tun, als drehe sich die Welt um uns nicht weiter. Für Naivität ist kein Platz mehr.
Ihre Partei hat der Union wegen gemeinsamer Abstimmungen mit Rechtspopulisten früher Grenzüberschreitungen vorgeworfen, jetzt aber im Europaparlament gemeinsam mit Rechtsaußen das Freihandelsabkommen Mercosur gebremst. Wie schädlich ist das für Ihren Wahlkampf?
ÖZDEMIR: Unsere Haltung im Land ist unmissverständlich: Baden-Württemberg lebt von offenen Märkten und verlässlichen Partnerschaften mit Wertepartnern in der Welt. Mehr denn je. Darum hat diese Abstimmung – parteiübergreifend – ein völlig falsches Signal gesendet. Es gibt nur einen Weg, das nun zu korrigieren: Ich erwarte, dass die Abgeordneten eine schnellstmögliche Anwendung von Mercosur ermöglichen.
Woran krankt die Wirtschaft in Baden-Württemberg? Was ist Ihre Analyse?
ÖZDEMIR: Die Welt hat sich grundlegend verändert: Die Trump-Zölle treffen uns ins Mark, vor allem die Unberechenbarkeit. China ist von der verlängerten Werkbank zum harten Konkurrenten geworden, Russland und die USA spielen nach eigenen Spielregeln. Wir haben aber auch ein Problem beim Geschäftsmodell. Baden-Württemberg spielt bei Forschung und Entwicklung ganz vorne mit – sogar im weltweiten Vergleich. Wir sind immer noch das Hirn der Welt, aber der Business Case wird zu selten bei uns ausgerollt. Wir haben die Ideen, die Unternehmen entstehen aber woanders. Wenn eine Idee Flügel bekommt, ein Produkt entsteht, dann kommt ein ausländischer Investor, und das Projekt geht in die USA, nach Kanada, nach Australien oder sonst wohin. Daran müssen wir arbeiten.
Deutschland verliert aber stetig Industrieproduktion.
ÖZDEMIR: Die Standortkosten sind ein wichtiger Punkt. Kanzler Merz hat Reformen versprochen. Nun erfolgt das Gegenteil, die Krankenkassenbeiträge steigen, was die Lohnnebenkosten in die Höhe treibt. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken – aus Baden-Württemberg – steht da in der Verantwortung. Ich habe viel in Berlin gelernt – auch, wie man es nicht machen sollte. Der Kollege Merz hat vor der Bundestagswahl alles versprochen, und nun sammelt er die Versprechen reihenweise wieder ein. Das ist die Methode Merz, das wird es mit mir hier nicht geben. Und das Zweite, was es mit mir nicht geben wird, ist eine Krawallkoalition. Wir lösen Probleme nach der Methode Kretschmann: Wir besprechen das hinter verschlossenen Türen und gehen mit dem Ergebnis raus.
Wenn es mit dem Ministerpräsidentenamt nicht klappt, ziehen Sie dann weiter?
ÖZDEMIR: Ich bewerbe mich ohne Netz und doppelten Boden. Ich finde, es ist jetzt an der Zeit, das, was ich meiner Heimat verdanke, an die Menschen zurückzugeben. Und das heißt, ich will Ministerpräsident dieses schönen Landes werden. Ob das klappt, ob das nicht klappt, das entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Das Ergebnis nehme ich in Demut entgegen
Zur Person
Cem Özdemir (60) ist Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Er war von 2021 bis 2025 Bundeslandwirtschaftsminister. Von seiner Ehefrau, mit der er zwei Kinder hat, lebt er getrennt. Seit 2024 ist Özdemir mit einer kanadischen Juristin liiert. Geboren ist er in Bad Urach.
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