Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

Chinesischer Aktivist flieht mit dem Schlauchboot nach Südkorea

China

Aktivist flieht mit dem Schlauchboot in die Freiheit

  • |
  • |
  • |
  • |
    Seit über zehn Jahren versucht Dong Guangping bereits aus seinem Heimatland zu fliehen. Im spektakulären vierten Anlauf schaffte es der 68-Jährige bis nach Südkorea.
    Seit über zehn Jahren versucht Dong Guangping bereits aus seinem Heimatland zu fliehen. Im spektakulären vierten Anlauf schaffte es der 68-Jährige bis nach Südkorea. Foto: Amnesty International

    Als sich Dong Guangping auf seinem Schlauchboot der südkoreanischen Westküste nähert, hat der 68-Jährige bereits das Bewusstsein verloren. Zu erschöpfend waren die Küstenwinde während der 30-stündigen Überfahrt. Mindestens 400 Kilometer muss der alte Mann zurückgelegt haben, seit er von der ostchinesischen Küstenstadt Weihai in See gestochen war. Sein Transportmittel: ein drei Meter langes Gummiboot, ausgestattet mit einem 10-PS-Motor. Dass der chinesische Aktivist rechtzeitig von lokalen Fischern entdeckt wird, hat ihm vermutlich das Leben gerettet.

    Sein eigentliches Ziel liegt gleichwohl tausende Kilometer weiter westlich: Dong möchte nach Kanada, wo seine Tochter und Ehefrau leben. Beide hat der Chinese seit über zehn Jahren nicht mehr persönlich gesehen. Südkorea ist eine Zwischenstation, hier will er Asyl beantragen.

    Dong Guangping arbeitete in China als Polizist

    Doch nun, drei Tage später, ist die Zukunft des Regierungskritikers aus der Volksrepublik China ungewisser denn je. Er ist zwar sicher an Land gekommen, doch er befindet sich in Gewahrsam der Küstenwache. Immerhin hat er einen wichtigen Schritt in Richtung Freiheit hinter sich gebracht: Einen Haftbefehl wegen illegaler Einreise hat der örtliche Richter am Donnerstagnachmittag abgelehnt. Die Küstenwache dürfte Dong Guangping dennoch vorübergehend an die Einwanderungsbehörde übergeben, die ihn in ein Abschiebezentrum stecken könnte.

    Dongs Biografie mag filmreif erscheinen, doch sie ähnelt vielen chinesischen Dissidenten. Der im zentralchinesischen Zhengzhou während der Kulturrevolution geborene Familienvater entstammt einer Familie hochrangiger Militärs. Selbst schlug er eine Polizistenlaufbahn sein. 1999 jedoch wurde er schlagartig aus seinem Dienst entlassen: Dong Guangping hatte eine öffentliche Petition zum zehnten Gedenktag der blutigen Niederschlagung der Tiananmen-Protestbewegung unterschrieben.

    Proteste auf dem Tiananmen-Platz belasten China bis heute

    Ein Rückblick: Im Frühjahr 1989 zogen hunderttausende Chinesen ins Pekinger Stadtzentrum, um gegen Korruption und für politische Mitbestimmung zu demonstrieren. In der Nacht auf den 4. Juni ließ die Parteiführung ihre Panzer anrollen, um mit einem brutalen Massaker die Proteste ein für alle Mal zu beenden. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben, bis heute ist das Thema Tabu in China: Es taucht weder in Geschichtsbüchern noch Kinofilmen oder Zeitungsartikeln auf.

    Selbst die sogenannten Tiananmen-Mütter, die sich jedes Jahr zum Trauern und Erinnern treffen, um ihre geliebten Angehörigen in Erinnerung zu halten, sind seit jeher im Visier der Sicherheitsbehörden. Die Stellungnahmen, die sie veröffentlichen, werden umgehend zensiert. Und seit einigen Jahren wurden sie wiederholt daran gehindert, sich in einem Pekinger Lokal zu ihrem jährlichen Treffen zu versammeln.

    Aktivist musste in China mehrfach in Haft

    Auch für Dong Guangping war das Tiananmen-Massaker ein zentraler Wendepunkt. Er entwickelt sich in den 2000er Jahren zum Demokratieaktivisten. Mehrfach wird er von jener Polizei, der er selbst einst angehörte, ins Gefängnis gesteckt – zuletzt, als er 2014 eine Erinnerungsveranstaltung über die Tiananmen-Proteste gefordert hatte.

    In den letzten elf Jahren versuchte der Chinese mehrfach seine Heimat zu verlassen, um mit seiner Tochter und Ehefrau in Freiheit zu leben. Doch die chinesischen Behörden belegen Kritiker und Dissidenten grundsätzlich mit Ausreisesperren – so auch im Fall Dong Guangpings.

    Also versuchte er die Flucht auf illegalem Weg. Doch immer wieder wurde er Opfer des langen Arms aus Peking. 2015 kam Dong Guangping bis nach Thailand, wo die kanadische Botschaft bereits ihre Bereitschaft für ein Asylverfahren erklärte. Doch auf Druck der chinesischen Staatsführung wurde Dong schließlich in seine Heimat zurückgebracht. 2022 wurde er nach einem illegalen Grenzübertritt in Vietnam ebenfalls zurück ins Reich der Mitte abgeschoben. Zwischendurch versuchte er, mit bloßer Leibeskraft nach Taiwan zu schwimmen, musste aber zurückkehren.

    China ist wichtiger Handelspartner für Südkorea

    Nun könnte sein Traum im vierten Anlauf gelingen. Südkorea gilt als Demokratie, die Menschenrechte wertschätzt. Doch gleichzeitig steht das Land auch unter zunehmendem Druck aus China, dem seit Jahren wichtigsten Handelspartner Südkoreas.

    Als Dong Guangping am Donnerstag erstmals vor die südkoreanische Presse tritt, wirkt er von seiner Odyssee gezeichnet. Seine Haut ist tiefbraun gegerbt, laut befreundeten Aktivisten habe er bei seiner Flucht fast 50 Stunden nicht geschlafen. Dennoch wirkt der Chinese zuversichtlich, sein Gesicht strahlt geradezu vor Freude. Dabei ist seine Zukunft nach wie vor ungewiss.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren