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Corona-Pandemie
18.01.2022

Gehen uns wegen Omikron bald die PCR-Tests aus?

Blick in ein Coronatest-Labor in Heidelberg.
Foto: Uwe Anspach, dpa

Omikron breitet sich rasend schnell aus. Das bringt die Corona-Testlabore an ihre Grenzen. Brauchen wir überhaupt so viele Tests?

Sie sind eines der wichtigsten Instrumente, nicht nur um eine Corona-Infektion zu erkennen, sondern auch für Betroffene und Kontaktpersonen, sich nach wenigen Tagen aus der Quarantäne freizutesten. Doch je schneller die Zahl der täglichen Ansteckungen mit der Omikron-Variante steigt, umso knapper werden die PCR-Tests. Die Labore in Deutschland kommen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. „Die Lage ist tatsächlich ernst, die Labore sind an den Kapazitätsgrenzen und darüber hinaus“, sagt Michael Müller, Vorsitzender des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM). Vor allem im Norden Deutschlands geraten viele Labore in Schwierigkeiten. Das führt unter anderem dazu, dass Test-Ergebnisse immer länger auf sich warten lassen, die angestrebte Dauer von 24 Stunden zwischen Test und Ergebnis nicht mehr eingehalten werden kann. Problematisch wird das vor allem dann, wenn Menschen in Isolation oder Quarantäne müssten.

Allein in der vergangenen Woche wurden deutschlandweit fast zwei Millionen PCR-Tests durchgeführt – das ist so viel wie noch nie in dieser Pandemie. Auch die Zahl der positiven Befunde wächst: Inzwischen sind 24,9 Prozent der PCR-Tests positiv. Die Rekordzahlen könnten schon bald übertroffen werden. Nicht nur, weil die Zahl der Infektionen zunimmt, sondern auch, weil die Ministerpräsidenten die PCR-Tests in ihrer jüngsten Sitzung als Weg in die Freiheit ermöglicht haben. Aus diesem Grund haben die ALM-Labore ihre Kapazitäten noch einmal aufgestockt, seit Oktober um 25 Prozent auf nun mögliche 2,5 Millionen Tests pro Woche. Doch selbst das könnte in den kommenden Wochen knapp werden.

Laborärzte fordern klare Priorisierung bei PCR-Tests

ALM-Chef Müller fordert deshalb die Politik auf, endlich das umzusetzen, was eigentlich längst beschlossen war, nämlich eine Priorisierung. Ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankung müssten genauso bevorzugt werden wie Angestellte etwa im Gesundheitswesen. Aktuell kann jeder einen PCR-Test vornehmen. Dabei, so Müller, könnten auch Antigentests einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie von Fachpersonal durchgeführt werden.

Wer etwa eindeutige Covid-Symptome habe und einen positiven Antigentest, der braucht nach Ansicht der Laborärzte nicht zwingend einen anschließenden PCR-Test, der dies bestätigt – aktuell ist dieses Vorgehen Standard. Wichtig sei, dass der Antigentest professionell durchgeführt wird, Schnelltests zum Selbstgebrauch hingegen sind weniger genau. „Wir können uns aus der Pandemie nicht heraustesten“, betont Michael Müller. Wichtig sei, dass die Menschen ihre Kontakte reduzieren und sich impfen lassen.

Die Gesundheitsminister der Bundesländer gehen zumindest einen Schritt auf die ächzenden Labore zu: Eine Freitestung aus der Quarantäne oder Isolation soll grundsätzlich mit einem Schnelltest statt einem PCR-Test durchgeführt werden. Lediglich bei Beschäftigten der kritischen Infrastruktur wie in Pflegeheimen und Krankenhäusern soll in diesen Fällen noch ein PCR-Test erfolgen. Wer in Quarantäne muss, hat jedoch weiterhin Anspruch auf einen PCR-Test.

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Auch in Israel werden die Testkapazitäten knapp

Deutschland ist nicht das einzige Land, das an seine Test-Kapazitätsgrenzen gerät. Israel, das im Moment mit besonders hohen Infektionszahlen kämpft, hat die PCR-Testpflichten massiv zurückgefahren. Weite Teile der Bevölkerung müssen seither nur noch Antigen-Tests machen, wenn sie mit einem Corona-Infizierten in Kontakt gekommen sind. Die Regierung will deshalb bis zu 30 Millionen kostenlose Corona-Schnelltests an seine Bürger verteilen. In Großbritannien müssen sich Menschen ab sofort auch nach einem positiven Schnelltest in Selbstisolation begeben, ein PCR-Test ist nicht mehr nötig.

PCR-Tests waren von Beginn der Pandemie an eines der wichtigsten Instrumente – sowohl politisch als auch wissenschaftlich. Denn zum einen soll durch ein sicheres Testergebnis erreicht werden, dass Infektionen erkannt und Patienten entsprechend isoliert werden. Zum anderen sind es die Ergebnisse der PCR-Tests, die den Inzidenzwert bilden. Der Inzidenzwert war lange Zeit einziger Maßstab für Maßnahmen wie Lockdowns oder Kontaktbeschränkungen. Das Ergebnis von Antigentests fließt in die Zahlen nicht ein. Weniger PCR-Tests würden also auch ein weniger genaues Bild der Lage zeichnen.

Das sagen Experten zum Problem

Können wir das riskieren? Ja, sagen einige Experten. „Wir gehen allmählich in eine endemische Situation über“, betont etwa Claudia Denkinger, Forscherin für Infektionskrankheiten am Universitätsklinikum Heidelberg. „Omikron ist der Beweis dafür, dass wir keinen Infektionsschutz mit Impfung erreichen, sondern nur einen Schutz vor schwerer Erkrankung. Deshalb sollten wir unsere Teststrategien anpassen. Es kommt nicht mehr auf jeden Test an.“

Da glaubt auch Hajo Steeb. „Auf längere Sicht – insbesondere, wenn wir in eine endemische Lage mit vergleichsweise geringen Häufigkeiten schwerer Erkrankungen kommen – wird sicher seltener getestet werden, insbesondere anlassloses Testen wird dann vermutlich nicht mehr erfolgen“, sagt der Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut.

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18.01.2022

Schade, im Beitrag fehlt ein Satz zu den Kosten unseres "Testregimes", welches - nimmt man PCR und Bürgertests zusammen - sicherlich schon einen mehrstelligen Milliardenbetrag ausmacht, z.B. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/bund-zahlt-fuer-gratis-corona-tests-knapp-3-7-milliarden-euro-17470763.html (aktuelle Zahlen habe ich nicht gefunden).

Hätte man einen Teil nicht z.B. in bessere Arbeitsbedingungen für Gesundheitspersonal investieren sollen...

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