In diesem Winter erleben Patienten, Ärzte und Apotheker ein bitteres Déjà-vu, das zum Leidwesen aller Beteiligten mittlerweile zum Alltag in Europa gehört: Ob Fiebersäfte für Kinder, Tabletten für psychisch Kranke, Antibiotika oder Schmerzmittel – immer wieder herrscht Alarm wegen Engpässen selbst bei teils lebensnotwendigen Medikamenten. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte waren im Jahr 2025 zeitweise mehr als 500 Arzneimittel als „nicht lieferbar“ gelistet. Der Hauptgrund für die Schwierigkeiten liegt im System.
Künftig reicht ein Produzent bei Ausschriebungen nicht mehr
So ist der EU-Kommission zufolge die Hälfte der gemeldeten Engpässe auf Produktionsprobleme zurückzuführen. Denn die meisten Hersteller von günstigen Nachahmerprodukten mit dem gleichen Wirkstoff wie die Originale, sogenannten Generika, sitzen in Asien. „Wenn dann im Suezkanal ein Schiff quersteht oder eine der wenigen Produktionsstätten ein technisches Problem hat, bekommen wir keine Medikamente“, sagt der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese.
Dabei ist das Problem hausgemacht. Jahrzehntelang habe laut Liese auch in Deutschland die Devise immer nur gelautet: „Billig, billig, billig.“ Dementsprechend hätten die Regierungen bei der Beschaffung von Arzneimitteln nur auf den Preis geachtet. „Die Lieferfähigkeit oder Versorgungssicherheit haben keine Rolle gespielt“, sagt Liese. In der Folge ist die Produktion von Generika fast vollständig nach China oder Indien abgewandert.
Subventionen für Generika-Produktion in Europa geplant
Um „gefährliche“ Abhängigkeiten zu reduzieren und zur Bekämpfung der Arzneimittelknappheit beizutragen, präsentierte die EU-Kommission im März vergangenen Jahres ein entsprechendes Gesetz, das kommende Woche Thema im EU-Parlament ist. Demnach soll die Produktion von Arzneimitteln künftig nicht nur von schnelleren Genehmigungsverfahren profitieren, sondern auch einfacher mit öffentlichen Geldern unterstützt werden.
Bei den Ausschreibungen dürfte es in Zukunft auch heißen: Europe first, Europa zuerst. Das heißt, wenn die Herstellung innerhalb der Gemeinschaft stattfindet, sollen die Unternehmen einen Bonus erhalten. Über allem steht: Die EU will dafür sorgen, dass die Lieferkette diversifiziert wird, das heißt, es sollen stets mehrere Firmen den Zuschlag für ein Arzneimittel bekommen. Damit soll das Medikament auch dann noch zur Verfügung stehen, wenn ein Unternehmen ausfällt, etwa weil es in einer Fabrik gebrannt hat.
Dass die EU den Mitgliedstaaten nicht nur empfehlen, sondern vorschreiben will, mehrere Produzenten bei den Ausschreibungen zu berücksichtigen, sei zwar politisch „ein Hammer“, sagt Liese, „aber auch die Lösung für ein Hammer-Problem“. Deshalb sei dieser Punkt auch „die entscheidende Vorschrift“, die nur auf europäischer Ebene umgesetzt werden könne. Die EU will dabei ihre Marktmacht von 450 Millionen Menschen nutzen, damit Unternehmen auf dem alten Kontinent investieren und ihre Medikamente häufiger hier statt im günstigeren Ausland fertigen.
Billige Medikamente könnten durch EU-Vorgaben bald teurer werden
Wenn künftig nicht mehr der Preis das Hauptkriterium darstellt, werden die Kosten für Verbraucher oder die Krankenversicherungen steigen. Aus der EU-Kommission hieß es, die Widerstandsfähigkeit der Beschaffungs- und Lieferkette habe ihren Preis. Es gehe aber um Generika, also billige Medikamente, rechnet Liese vor: Würde beispielsweise ein Antibiotikasaft für Kinder komplett in der EU hergestellt, stiege der Preis um 40 Prozent. Kostet er also jetzt zwei Euro, würde er künftig mit 2,80 Euro zu Buche schlagen. Landeten Kinder aber im Krankenhaus, weil etwa ein Antibiotikum nicht verfügbar war, explodierten die Kosten. Ein Tag stationärer Aufenthalt in der Klinik gehe laut Liese in Richtung 1000 Euro.
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