Die Münder der acht Frauen sind mit schwarzen Balken verdeckt. Eine Anspielung auf die geschwärzten Passagen in den 3,5 Millionen Dokumenten, Fotos und Videos, die das Justizministerium unter Druck des US-Kongresses Ende Januar öffentlich zugänglich gemacht hat. Die Frauen halten in dem während des Super-Bowl-Finales ausgestrahlten, 40 Sekunden langen TV-Spot Fotos von sich aus der Zeit ihres Missbrauchs in der Hand.
Sie sprechen über ihren Schmerz und wie sie nun zusammenstehen gegen ein System, das sie während fünf Präsidentschaften im Stich gelassen hat. Die visuelle Anklage endet mit dem Appell an das vielleicht größte Fernsehpublikum des Jahres, Justizministerin Pam Bondi Druck zu machen. „Es ist Zeit für die Wahrheit.“
Bill Gates‘ Ex-Frau stellt sich klar auf die Seite der Opfer
Das findet auch Melinda French Gates. Die geschiedene Ehefrau des Microsoft-Gründers verlangte in einem Interview öffentlich Rechenschaft von ihrem Ex-Mann. Dieser bestreitet zwar jedes kriminelle Fehlverhalten, taucht aber in den Akten prominent auf. Sie sei froh, „diesem Dreck entkommen zu sein”, sagte Gates. Und verlangt Aufklärung von ihrem ehemaligen Mann und den vielen anderen Promis und Politikern, die mitgemacht haben. „Sie müssen Antworten auf diese Fragen geben.“
Donald Trump taucht 38.000 Mal in den Akten auf
Doch danach sieht bisher wenig aus, jedenfalls nicht freiwillig. US-Präsident Donald Trump, der selbst über Jahrzehnte mit Epstein befreundet war und 38.000 Mal direkt oder indirekt in den Akten auftaucht, möchte, dass sich die Amerikaner lieber mit anderen Themen beschäftigen.
Sein ehemaliger Strafverteidiger Todd Blanche, den er zum stellvertretenden Justizminister machte, erklärte nach der um Wochen verspäteten Veröffentlichung von rund der Hälfte des Materials, der Rest bleibe unter Verschluss. Es seien keine weiteren Strafverfahren geplant. Akte geschlossen.
Dem weltumspannenden Netz reicher und einflussreicher Männer, die Epsteins Nähe und sexuelle Dienstleistungen suchten, dürfte das recht sein. Sie konnten sich schon seit den ersten Ermittlungen gegen den New Yorker Investor, der vom Mathematiklehrer zum Magneten der globalen Eliten aufgestiegen war, sicher fühlen.
Die ersten Ermittlungen gegen Epstein gab es an Trumps Wohnort
Erstmals hatte es ausgerechnet an Trumps Wohnort Palm Beach 2005 Ermittlungen gegen Epstein gegeben. Die Eltern eines 14-jährigen Mädchens warfen ihm vor, ihre Tochter in seinem Haus sexuell missbraucht zu haben. Die Behörden identifizierten mindestens 35 Mädchen im Highschool-Alter mit ähnlichen Geschichten.
Statt den Fall zur Anklage zu bringen, handelte der damals für Südflorida zuständige Bundesanwalt Alex Acosta einen sogenannten „Sweetheart-Deal” aus. Gegen ein Schuldeingeständnis kam Epstein mit einer Gefängnisstrafe von 18 Monaten davon. Die wenigste Zeit seiner Strafe verbrachte er im Gefängnis.
Clinton und Trump suchten trotz Verurteilung Epsteins Nähe
Trotz des nachgewiesenen Missbrauchs an einer Minderjährigen fühlten sich auch nach seiner Entlassung so unterschiedliche Männer wie Bill Clinton, Donald Trump oder Altlinken-Ikone Noam Chomsky wie magisch von Epstein angezogen. Während seine Opfer eine klare Botschaft erhielten: Wer den Mund aufmacht, muss mit Konsequenzen rechnen.
Als wollte das Justizministerium Trumps diese Warnung verstärken, blieben bei der Veröffentlichung der Akten die Namen Dutzender Opfer ungeschwärzt. Auch gerieten Nacktbilder ins Netz, die Betroffene noch einmal verletzten. Mit umso größerer Sorgfalt schwärzten die 500 Zensoren der Behörde die Namen mächtiger Männer in den Dokumenten.
Opfervertreter warfen dem Justizministerium vor, die Namen von 31 Epstein-Opfern leichtfertig veröffentlicht zu haben, die zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Übergriffs minderjährig gewesen sein sollen. „Es ist eine so große Verletzung, einer der schrecklichsten Momente ihres Lebens“, klagt das Epstein-Opfer Ashley Rubright gegenüber der BBC über die laxe Handhabung mit dem Schutzbedürfnis der Opfer.
Die Präsidentin der Frauenrechtsorganisation NOW, Kim Villanueva, akzeptiert nicht, dass es sich bloß um ein Versehen handelte. Überlebende sexueller Gewalt sähen, dass nichts mit den Tätern geschehe. „Es schafft das Gefühl, dass man nicht geschützt wird”, sagt Villanueva. Frauen fragten sich zurecht, was ihnen passiere, wenn sie eine Straftat anzeigen.
Bis auf Epstein, der 2019 unter fragwürdigen Umständen in Untersuchungshaft ums Leben kam, verbüßt lediglich seine Geliebte und Gehilfin Ghislaine Maxwell eine 20-jährige Gefängnisstrafe. Eine Frau, übrigens, wie Kritiker hervorheben. Gegen keinen einzigen Mann hat die US-Justiz genügend Anlass gefunden, strafrechtlich vorzugehen.
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