In Würde abzutreten ist eine Kunst, die nicht jeder Spitzenpolitiker beherrscht. Gerhard Schröder, zum Beispiel, sitzt am Abend der Bundestagswahl 2005 in einem Fernsehstudio und wähnt sich offenbar noch immer auf der Siegerstraße, als er Angela Merkel anraunzt: „Wir müssen die Kirche doch auch mal im Dorf lassen.“ Eine Koalition mit der SPD unter Führung der Union, die die Wahl knapp gewonnen hat? „Machen Sie sich da gar nix vor“, sagt der noch amtierende Kanzler zur Vorsitzenden der CDU. Er werde jetzt Gespräche führen. „Und ich sage Ihnen heute voraus, die werden erfolgreich sein.“
Es kommt bekanntlich anders, und auch Schröder selbst räumt später ein, sein Auftritt in der sogenannten Elefantenrunde sei eher „suboptimal“ gewesen und auch von seiner damaligen Frau als zu krawallig empfunden worden. Unter den acht Kanzlerwechseln, die Nachkriegsdeutschland bisher erlebt hat, ist er allerdings die Ausnahme. Selbst jetzt, da Olaf Scholz und Friedrich Merz sich im Wahlkampf nichts geschenkt haben, auch persönlich nicht, organisieren beide den Übergang in geräuschloser Routine. Bereits am Dienstag war Merz bei Scholz im Kanzleramt, um das Vorgehen für die kommenden Wochen zu besprechen.
Merkel nimmt Scholz mit zum G20-Gipfel
Als Schröder 1998 selbst Kanzler wird, trifft er auf einen Helmut Kohl, der im Spätherbst seiner Karriere zwar schwer mit der Niederlage von CDU und CSU zu kämpfen hat, der sein Amt aber mit seiner Souveränität übergibt, die ihm auch in der eigenen Partei viele nicht zugetraut haben. Kohl spricht von der tiefen Zäsur, die das Land nun erlebe, von der Kontinuität in einer Demokratie, die Ämter nur auf Zeit vergebe und von dem Stift, den die Wähler nun Gerhard Schröder in die Hand gegeben hätten und der so die Chance bekomme, „sein eigenes Bild ins Buch der Geschichte einzutragen..“
Angela Merkel nimmt ihren designierten Nachfolger Olaf Scholz 2021 sogar nach Rom zum Gipfel der 20 großen Industrie- und Schwellenländer mit, um ihn dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden und den anderen Staats- und Regierungschefs schon einmal vorzustellen. Ihre PR-Truppen verkaufen das als Musterbeispiel dafür, wie ein reibungsloser Regierungswechsel ablaufen kann. Tatsächlich aber wäre Scholz auch so nach Rom geflogen - er ist zu diesem Zeitpunkt schließlich noch Finanzminister und deshalb schon kraft Amtes bei den G20. Angela Merkel wiederum hat es leicht, im Abgang Größe zu zeigen oder zumindest das, was sie für Größe hält: Sie wurde nicht abgewählt, sondern hat einfach nicht mehr kandidiert. Das schmerzt dann auch weniger.
Bei Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler, ist das 1963 noch anders. Von der eigenen Partei und dem Koalitionspartner FDP zum Rücktritt gedrängt, hat er den versprochenen Kanzlerwechsel lange hinausgezögert und bis zuletzt versucht, Ludwig Erhard als Nachfolger zu verhindern, dem er fehlende Führungsqualitäten und mangelndes außenpolitisches Geschick vorwirft. Am Ende allerdings muss sich „der Alte“, wie Adenauer oft genannt wird, beugen und seinen Platz für Erhard räumen, dessen Kanzlerschaft allerdings nach drei Jahren schon wieder zu Ende ist, weil die FDP der Union die Gefolgschaft aufkündigt.
Nixon hatte Kiesinger schon gratuliert
Sein Nachfolger Kurt-Georg Kiesinger, bis dahin baden-württembergischer Ministerpräsident, scheidet weitere drei Jahre später um einiges bitterer und verbitterter aus dem Amt. Lange Zeit hat es am Wahlabend so ausgesehen, als könnte die Union die absolute Mehrheit holen. US-Präsident Richard Nixon hat Kiesinger sogar schon telefonisch zur Wiederwahl gratuliert - am Ende aber wird Willy Brandt Kanzler einer sozialliberalen Koalition. Alte Fernsehbilder aus dem Bundestag zeigen einen sichtlich mitgenommenen Kiesinger, der sich nach der Kanzlerwahl nur schwer aus seinem Sitz erhebt, einen Moment zögert und dann zu Brandt schleicht, um ihm zu gratulieren. Ein kurzer Händedruck, ein Nicken - das Minimalprogramm, wenn man so will.
Noch härter trifft es 1982 Helmut Schmidt, als die FDP mitten in der laufenden Wahlperiode in eine Koalition mit Helmut Kohl wechselt. Schmidt aber, durch und durch Hanseat, zügelt seinen Zorn. Gerade hat er noch eine geschliffene Rede gehalten, die in dem Satz an die neuen Koalitionäre gipfelt: „Ihre Handlungsweise ist zwar legal, aber sie hat keine innere moralische Rechtfertigung.“ Zur Glaubwürdigkeit der Politik aber, räumt er dann eben auch ein, gehöre der Wechsel von Regierungen. Als Kohl gewählt ist, steht Schmidt als einer der Ersten auf und gratuliert seinem Nachfolger. Nicht erschöpft und geschlagen wie einst Kiesinger, sondern aufrecht und souverän.
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