Im Februar, zweieinhalb Wochen nach seiner Rückkehr aus den Tunneln unter Gaza, gab die frühere Geisel Eli Sharabi dem israelischen Fernsehsender Kanal Zwölf ein Interview. „Ilana“, fragt Sharabi die Interviewerin Ilana Dayan, „weißt du, was es bedeutet, einen Kühlschrank zu öffnen?“ Sein Gesicht ist schmal, die Wangen hohl. „Das bedeutet die ganze Welt.“ Am Ende des Satzes bricht seine Stimme. Ob er das Gefühl des Hungers beschreiben könne, fragt die Journalistin. Seine Antwort kommt schnell: „Unmöglich.“
Wohl kein Außenstehender kann erfassen, was es bedeutet, monatelang in engen Tunneln auszuharren, die Beine in Ketten, umgeben von Schmutz und Würmern, wie Sharabi und andere Rückkehrer es beschrieben haben. Von Hamas-Männern geschlagen zu werden, bespuckt und verspottet, um jedes Pitabrot, jeden Schluck Wasser, jeden Toilettengang betteln zu müssen.
Mit der Freilassung beginnt ein langer Prozess
In den kommenden Tagen, vielleicht schon am Montag, soll die Hamas die letzten zwanzig noch lebenden Geiseln aus ihrer Gewalt entlassen. So sieht es der Plan des US-Präsidenten Donald Trump vor, auf dessen erste Phase die Kriegsparteien, Israel und Hamas, sich geeinigt haben. Das ganze Land fiebert auf diesen Tag hin. Doch die Rückkehr, das Wiedersehen mit ihren Familien, sind für die Geiseln nur die ersten Schritte auf einem langen Weg.
„Die Leute denken: In dem Moment, da der Entführte zurückkommt – da ist alles vorbei“, sagt Michael Levy im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aber für ihn und die Familien fängt der Prozess damit erst an.“ Levy ist der Bruder der früheren Geisel Or Levy, der 491 Tage in der Gewalt der Hamas ausharren musste. Anfang Februar kam er frei, zusammen mit Eli Sharabi und einem weiteren Mann, Ohad Ben Ami.
Die Psyche bleibt vielleicht ein Leben lang belastet
Wie Sharabi hatten die Terroristen auch Levy in Gaza hungern lassen. Sein bleiches, eingefallenes Gesicht erinnerte viele Menschen in Israel an Bilder von Holocaust-Überlebenden. In einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender Kanal 13 erzählte Or Levy später, Hamas-Terroristen hätten ihn und seine Mitgefangenen mit Eisenketten gefesselt. „Es war eine schwere Kette mit einem Schloss. Ich konnte mein Bein nicht heben“, erzählte er. „So habe ich viele Wochen verbracht.“
Inzwischen hat Or Levy an Gewicht zugelegt und Farbe gewonnen. Auch Eli Sharabi und andere Rückkehrer haben sich deutlich erholt. Doch schwerer als die körperlichen Folgen der Geiselhaft sind die seelischen Wunden. „Würdest du Or heute auf der Straße sehen, würde er dir völlig normal vorkommen“, sagt sein Bruder Michael Levy. „Aber die schlimmsten Momente sind die, in denen man allein ist.“
Der Staat bietet viele Hilfen
Experten bestätigen, dass der seelische Heilungsprozess viele Jahre dauern dürfte. „Zwei Jahre in extremer Gefangenschaft hinterlassen tiefe Spuren in der menschlichen Psyche“, erklärt die Psychologin Vered Atzmon Meshulam, Resilienz-Expertin der Hilfs- und Rettungsorganisation Zaka. „Das ist eine anhaltende Erfahrung völliger Kontrolllosigkeit, Isolation, täglicher Angst und oft auch Erniedrigung.“
Der israelische Staat bietet jedem der Rückkehrer umfangreiche Hilfen an: langfristige psychologische Betreuung, Sozialarbeiter als feste Ansprechpartner, Geld, Unterstützung bei dem Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Doch all das kann die Traumata einer solchen Extremerfahrung nicht ungeschehen machen.
Atzmon Meshulam geht davon aus, dass manche mentalen Leiden die Rückkehrer noch viele Jahre begleiten könnten – womöglich für den Rest ihres Lebens. Die Rückkehrer sind zudem nicht die Einzigen, die Hilfe benötigen. Auch ihre Angehörigen hat die extreme Erfahrung unwiderruflich verändert.
Beispiel anderer befreiter Geiseln kann Mut machen
Levy, früher hochrangiger Manager, hat während der Geiselhaft seines Bruders nicht arbeiten können. Seine gesamte Energie und Zeit widmete er dem Kampf für die Befreiung seines Bruders. „Ich bin von Interview zu Interview gerannt und durch die Welt geflogen und habe nie innehalten und mich gefragt, wie ich mich fühle“, erzählt er. „Ich habe in dem Gefühl gelebt: Ich bin nicht Michael, ich bin der Bruder von Or, und ich habe nur eine einzige Aufgabe: ihn zurückzubringen. Und als er zurück war, wusste ich plötzlich nicht mehr, wer ich bin.“
Doch die Psychologin macht auch Hoffnung: „Wir wissen, dass sich Menschen auch nach schweren Traumata erholen und weiterentwickeln können.“ Mut machen können auch die Beispiele bereits zurückgekehrter Geiseln. Bei ihrem Angriff am 7. Oktober ermordeten die Hamas-Terroristen Or Levys Frau Eynav. Doch der Gedanke an seinen heute vierjährigen Sohn habe ihn in den Tunneln unter Gaza am Leben gehalten, erzählte Levy in einem Interview: „Ich wollte nicht, dass er ohne Mama und Papa aufwächst.“
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