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Hingerichtet: Der dramatische Tod der Influencerin Mariam Cissé

Mali

Die malische Influencerin Mariam Cissé tanzte auf TikTok, bis die Terroristen kamen

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    So kannten Sie ihre Follower: Influencerin Mariam Cissé.
    So kannten Sie ihre Follower: Influencerin Mariam Cissé. Foto: screenshot

    Sie streamte vom Markt, als die Männer kamen. Stunden später, sagen Zeugen, zwangen die Terroristen die junge Influencerin Mariam Cissé auf den Unabhängigkeitsplatz ihrer Heimatstadt Tonka, erschossen sie vor den Augen der Menge, unter der auch ihr Bruder war. Die junge TikTokerin hatte meist Belangloses für ihre rund 100.000 Follower aufgenommen, Albereien mit Freunden, Tänze, Gesang – aber bisweilen auch Unterstützung für die Armee, die seit Jahren besonders den Vormarsch der al-Qaida-nahen Gruppe JNIM aufzuhalten versucht.

    Mal trug Cissé, die wohl Anfang 20 war, demonstrativ eine Uniform, mal lobte sie die Soldaten. Im Norden Malis kann das bisweilen einem Todesurteil gleichkommen. Der Mord hat ein Land erschüttert, das von Dschihadisten stranguliert wird, während der von Russland angeblich so großzügig unterstützte Staat mit seiner Armee auf dem Rückzug ist. „Das war ein bewusst gesetztes Signal“, sagt Ulf Laessing, Leiter des Sahel-Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Islamisten demonstrieren, dass sichtbare Unterstützung für den Staat gefährlich werden kann. „Die Dschihadisten zielen inzwischen auch auf Einschüchterung im digitalen Raum“, so Laessing. TikTok habe sich in Mali zur wichtigsten Informationsquelle entwickelt, und regierungsfreundliche Influencer würden dadurch zu logischen Zielen.

    Angespannte Situation in Mali. Ein Soldat der regulären Streitkräfte bewacht   einen neuralgischen Punkt. In ländlichen Regionen sind islamistische Milizen auf dem Vormarsch.
    Angespannte Situation in Mali. Ein Soldat der regulären Streitkräfte bewacht einen neuralgischen Punkt. In ländlichen Regionen sind islamistische Milizen auf dem Vormarsch. Foto: Michele Cattani, afp

    Parallel dazu verschärft sich die Versorgungskrise im Land. Seit Wochen blockiert die dschihadistische JNIM die Treibstoffrouten aus Senegal und der Elfenbeinküste – die beiden Lebensadern des Binnenstaats. Die Straßen sind lang, schlecht gesichert und damit leicht zu unterbrechen. Russische Söldner eskortieren die Konvois zusammen mit der malischen Armee, doch auch das ändert wenig. In Bamako ist Benzin oft nur noch auf improvisierten Schwarzmärkten gegen hohe Preise erhältlich, der Strom fällt häufig aus. Mehrere westliche Botschaften haben nicht unbedingt notwendiges Personal abgezogen und raten zur Ausreise.

    Im ländlichen Raum nutzen die Dschihadisten derweil die Schwäche des Staates, um Parallelstrukturen aufzubauen. Sie treten als Schiedsrichter in lokalen Konflikten auf, erheben Steuern und etablieren eigene Ordnungssysteme. „Die Dschihadisten wollen nicht nur militärisch auftreten, sondern gesellschaftlich verankert sein“, sagt Laessing. Großen Widerstand erleben sie nicht. Die Regierung konzentriert sich zunehmend auf die Hauptstadt; außerhalb Bamakos zerfällt staatliche Autorität vielerorts. Ein Teil der Bevölkerung in den von Dschihadisten kontrollierten ländlichen Gegenden arrangiert sich aus Pragmatismus oder Angst mit den Islamisten. Laut Laessing sympathisiert aber auch eine signifikante Minderheit mit ihnen – den Dschihadisten spielen die seit Jahrzehnten zunehmenden salafistischen Einflüsse in der Sahelzone in die Karten.

    Die Afrikanische Union fordert internationale Reaktionen

    Am Wochenende ließ die Afrikanische Union aufhorchen, als sie eine „entschlossene, koordinierte und kohärente internationale Reaktion“ im Kampf gegen den Extremismus in der Sahelzone forderte. Es bedürfe „einer verstärkten Zusammenarbeit, einem Austausch von Geheimdienstinformationen“. Das war wohl vor allem an die USA gerichtet, die ihre Kontakte mit Mali in den vergangenen Monaten verstärkt haben. Sinnvoll wäre aktuell vor allem eine Überwachung der Konvois durch Luftaufklärung.

    Alioune Tine von der Denkfabrik „Afrikajom Center“ hält eine neue Zuwendung Malis zu westlichen Ländern für alternativlos. „Russische Vertreter haben selbst gesagt: Wir können dieses Problem nicht allein lösen“, so Tine. Ein Eingreifen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, deren Truppen im Jahr 2022 nicht mehr willkommen waren, komme aus seiner Sicht allerdings nicht infrage. „Jetzt sind eher Länder wie China und die USA gefragt, ebenso die Europäische Union insgesamt“, sagt der senegalesische Analyst. Vor allem bedürfe es einer Führungsrolle der Afrikanischen Union, die viel zu wenig tue.

    Die Sahelzone hat sich zum Epizentrum des globalen Terrorismus entwickelt

    Tine beobachtet seit vielen Jahren, wie sich die Sahelzone zum Epizentrum des globalen Terrorismus entwickelt hat. Im vergangenen Jahr wurden dort knapp 4000 Menschen getötet – die Region verzeichnete damit erstmals mehr als die Hälfte aller Terrortoten weltweit. Entsprechend hat der Analyst eine gewisse Routine bei der täglichen Registrierung der Anschläge entwickelt.

    Doch der Tod der Influencerin Cissé hat auch ihn tief erschüttert. „Das war eine barbarische Tat, eine nationale Tragödie“, sagt er. Die junge Frau habe ein wenig Geld verdient und ihre Familie unterstützt, indem sie auf TikTok Inhalte über ihr Leben veröffentlichte. „Der Mord an ihr zeigt deutlich, welche Kräfte heute versuchen, Mali zu unterwerfen“, so Tine, „und vielleicht ganz Westafrika.“

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