In der Unterwelt kennen sie ihn als „Piwi“. Der Belgier sammelt Rolex-Uhren und trägt gerne teure Designer-Turnschuhe. Piwi liebt die luxuriösen Seiten des Lebens. Und die genießt er derzeit angeblich in Dubai, und das, obwohl er 2022 wegen Drogenschmuggels zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Zakaria El Kasmioui, wie Piwi wirklich heißt, ist untergetaucht. Der 29-Jährige steht deshalb auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher Belgiens. Und er steht für vieles, was in dem kleinen Land schiefläuft.
Piwis Aufstieg zum Drogenbaron hat er auch dem gescheiterten System zu verdanken. Die Kriminalität eskaliert in einem Maß, das seinesgleichen sucht in Europa. Es droht der Kollaps der öffentlichen Ordnung. Schießereien zwischen verfeindeten Banden, die am helllichten Tag mit Kalaschnikows um sich feuern, gehören in Brüssel mittlerweile zum Alltag.
Entwickelt sich Belgien zum „Narco-Staat“
Entwickelt sich das Land zu einem „Narco-Staat“, einem Drogenmafia-Staat nach südamerikanischem Vorbild? Davor warnte gerade eindringlich eine Antwerpener Untersuchungsrichterin. Wegen Morddrohungen musste die Richterin vier Monate in einer Schutzunterkunft verbringen und formulierte ihre Sorgen deshalb in einem anonym veröffentlichten Brief.
Man habe es nicht mehr mit einem „klassischen Kriminalitätsproblem“ zu tun, schrieb sie. „Wir stehen einer organisierten Bedrohung gegenüber, die unsere Institutionen untergräbt.“ Der Rechtsstaat sei in Gefahr. Ein Narco-Staat sei vom Fluss von Drogengeld in die legale Wirtschaft, von Korruption und Gewalt geprägt - Bedingungen, die in Belgien ihrer Ansicht nach erfüllt seien. So trieben Geldwäsche-Netzwerke die Immobilienpreise in die Höhe, Korruption dringe in staatliche Institutionen vor, und Entführungen könnten über Snapchat beauftragt werden. „Ein Anschlag mit einer Bombe oder mit Kriegswaffen, ein Überfall oder eine Entführung - all das lässt sich heute problemlos online bestellen“, warnte die Richterin. Ihre Worte sorgten im Land für Empörung. Nur: Überraschend ist der Inhalt des Briefes nicht.
Minderjähriger gefoltert und verstümmelt
Ein Auszug aus der Liste der Nachrichten, die nach Mafiaserien à la Hollywood klingen und in Belgien Realität sind: 2022 wurde ein 17-Jähriger in einer „Folterfarm“ verstümmelt, weil er angeblich einer verfeindeten Bande Hinweise zum Ort von 340 Kilogramm Kokain gegeben hatte. Die Folge: Das linke Ohrläppchen abgeschnitten, die Sehnen an der Hand durchtrennt, ein Stück Zeh war auch weg. 2023 erschütterte der Mord an einem elfjährigen Mädchen in Antwerpen die Belgier. Das Kind wurde zu Hause von Kugeln konkurrierender Gangs getroffen.
Im Zentrum der Probleme steht Antwerpen. In Europas zweitgrößtem Hafen türmen sich nicht nur Container wie bunte Bausteine, der Port ist auch das zentrale Einfallstor für Kokain, das auf Schiffen - gerne in Obstkisten versteckt, - aus Südamerika nach Europa geschmuggelt wird. Im Rekordjahr 2023 wurden 116 Tonnen Kokain in Antwerpen beschlagnahmt.
Korruption ist in Belgien weit verbreitet
Das schmutzige Geschäft gilt als so gutes Geschäft, dass es auch regelmäßig jene verführt, die eigentlich für Recht und Ordnung sorgen sollen. Bis zu 100.000 Euro könnten korrupte Beamte schon mal nebenbei verdienen, wenn sie einen Container durchwinken, so die Untersuchungsrichterin. Die Fälle, die die Juristin in den vergangenen Jahren geleitet habe, hätten zu Festnahmen von Hafenangestellten, Zöllnern, Polizeibeamten und „leider auch von Mitarbeitern des Justizsystems geführt“. Sie flehe um „eine Regierung, die Verantwortung übernimmt und ihre eigenen Fundamente schützt“.
Im föderalistisch zersplitterten Belgien aber läuft das übliche Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Kommunen sehen die Verantwortung bei der jeweiligen Region, die Region aber verweist auf die nationale Regierung. Das Land mit knapp zwölf Millionen Einwohnern zählt sieben Parlamente, dazu herrschen politische, kulturelle und wirtschaftliche Rivalitäten zwischen dem französischsprachigen Süden und dem niederländischsprachigen Norden.
Dabei bleibt der größte Streit jener ums Geld. Der belgische Zoll kritisiert seit Jahren, er sei unterfinanziert und unterbesetzt. Die Behörden klagen über überfüllte Gefängnisse, mangelndes Personal und Ausrüstung. Bart de Wever, seit Februar Premierminister, war mehr als ein Jahrzehnt lang Bürgermeister von Antwerpen. Damals forderte er mehr Bundesmittel für die Bekämpfung von Drogenkriminalität. Seit seinem Amtsantritt als Regierungschef aber hält sich der flämische Nationalist auffallend zurück. Maßnahmen hat er jedenfalls noch keine ergriffen.
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