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In Russland wird die Kritik am Krieg lauter

Krieg in der Ukraine

Nur Putin glaubt noch an den Sieg

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    Der russische Präsident Wladimir Putin muss erleben, wie die Stimmung in seinem Land kippt.
    Der russische Präsident Wladimir Putin muss erleben, wie die Stimmung in seinem Land kippt. Foto: Sputnik Kremlin/dpa

    Immerhin die Kriegsblogger bemühen sich weiter um die von ihnen erwarteten Erfolgsmeldungen. „Unsere Truppen rückten im Zentrum von Rodinskoje vor und nahmen einen Schweinestall ein“, berichtete der Telegram-Kanal Dwa Majora in der vergangenen Woche. Aufmerksame Beobachter stutzten: Hatten die russischen Besatzungsbehörden im Donbass die Eroberung der Kleinstadt Rodinskoje (in Friedenszeiten 10.000 Einwohner) nicht schon im vergangenen Oktober verkündet? Von einem Borstenviehstall war vor sieben Monaten jedoch keine Rede. Die Szene ist beispielhaft. Wie die Zeitung The Economist Mitte Mai vorrechnete, eroberte Russland dieses Jahr insgesamt 220 Quadratkilometer in der Ostukraine – bei dem Tempo würde es mehr als 400 Jahre dauern, die gesamte Ukraine zu besetzen.

    Seit spätestens 2023 erwartet die Weltöffentlichkeit den Kollaps der ukrainischen Front in der Zermürbungsschlacht gegen Russlands Übermacht. Aber immer dichtere Schwärme ukrainischer Gefechtsdrohnen haben diese Front in eine 15 Kilometer breite Todeszone verwandelt; Soldaten, die sich dort offen bewegen, überleben kaum fünf Minuten. „Es läuft darauf hinaus, dass die ukrainische ,Drohnenwand’ fähig sein wird, jede feindliche Truppenstärke zu zermalmen“, schreibt der russische Exilpolitologe Ilja Rogow. Sein linientreuer Moskauer Kollege Wassilij Kaschin bestätigt: „Wir haben keinen Grund, in absehbarer Zukunft eine Überwindung der operativen Sackgasse im Ukraine-Krieg zu erwarten.“ Die ukrainischen Gefechtsdrohnen jagen inzwischen auch russische Lkw 120 Kilometer hinter der Front.

    Im russischen Haushalt klafft ein Loch

    Und von Ferndrohnen in Brand geschossene russische Raffinerien beleuchten die Sackgasse fast allnächtlich. Laut dem Portal Agenstwo traf die Ukraine im März 22, im April 26 und im Mai 39 industrielle und militärische Ziele in Russland. Steuerverschärfungen sowie hausgemachte Internetblockaden haben dort inzwischen auch die Wirtschaft aus dem Tritt gebracht. Deshalb müsse man den Krieg möglichst schnell beenden, forderte im Mai der erste Abgeordnete der notorisch hurrapatriotischen Staatsduma, der Kommunist Renat Sulejmanow. Der Staatshaushalt zeigte mit einem Loch von umgerechnet 70,6 Milliarden Euro schon Ende April deutliche Schlagseite. „Einer meiner Kunden ist Fahrer bei einem hohen Rüstungsmanager“, erzählt ein Moskauer Masseur. „In letzter Zeit hat er miserable Laune, er schimpft, der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen.“

    Die Blogger-Gemeinschaft sucht die Schuld bei verknöcherten oder korrupten Generälen, Star-Militaristin Anastassija Kaschewarowa klagt hingegen über die „jungen Hirne des Feindes“, die mit chinesischen Ersatzteilen effektive und billige Massendrohnen entwickelt hätten. Noch stellt sich die Öffentlichkeit nicht die Frage, warum so viele junge, intelligente Ukrainer fieberhaft für ihre Front arbeiten, während ein Großteil des eigenen IT-Nachwuchses sein Heil im Ausland sucht.

    Zivile russische Opfer sorgen für Unmut

    Die russischen Schlussfolgerungen sind eher wütend als nachdenklich, man zählt lautstark eigene Zivilverluste. Im Januar meldete Alexander Bastrykin, Chef des Ermittlungskomitees Russlands, 1074 russische Opfer ukrainischer Schläge, im April waren es laut Sonderbotschafter Rodion Miroschnik sogar 8012. Die laut UN mindestens 15.850 toten ukrainischen Zivilisten erwähnt man nicht.

    Und wieder verlangt die russische Propaganda, „endlich Ernst zu machen“ und noch einmal 300.000 Mann zu mobilisieren. Aber es mangelt an Offizieren, um sie zu befehlen. Und Experten warnen, neue Massenangriffe könnten ähnlich verderbliche Folgen haben wie die Brussilow-Offensive im Sommer 1916; sechs Monate nach ihrem Ende kollabierte das Zarenreich.

    Putins Optionen in der Ukraine schwinden

    Die Blogger fordern auch, Kiew „gründlicher“ zu bombardieren. Wieder will man Überschallraketen auf Wolodymyr Selenskyj persönlich oder auf Westeuropa abfeuern, mit oder ohne taktische Nuklearsprengköpfen. Aber auch diese Droh-Narrative sind seit 2022 ausgeleiert, nicht einmal die Botschaft Chinas reagierte im Mai auf die Warnung des russischen Außenministeriums, alle ausländischen Diplomaten sollten Kiew verlassen.

    Putins Optionen schwinden, wenn er kein militärisches Husarenstück im östlichen Baltikum riskieren will. Ein Verhandlungsausstieg ist zurzeit so wenig in Sicht wie Russlands Minimalziel – die Einnahme des gesamten Donbass. Wladimir Putin aber erklärte am Freitag vor Journalisten erneut, der Konflikt gehe bald zu Ende - siegreich. „Unsere Truppen greifen an allen Abschnitten an, Sie sehen es ja, jeden göttlichen Tag.“ Moskaus Journalisten trauen sich längst nicht mehr, Putin zu widersprechen.

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