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Interview mit Gerlinde Kretschmann: „Muss mich wieder daran gewöhnen, dass er da ist“

Interview

Gerlinde Kretschmann: „Muss mich wieder ein bisschen daran gewöhnen, dass er da ist“

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    „Es gab keine Rollenbeschreibung“: Gerlinde Kretschmann mit ihrem Mann Winfried in einer Festkutsche. Als Fotograf im Einsatz: Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir.
    „Es gab keine Rollenbeschreibung“: Gerlinde Kretschmann mit ihrem Mann Winfried in einer Festkutsche. Als Fotograf im Einsatz: Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir. Foto:  Stefan Puchner, dpa

    Frau Kretschmann, in diesen Tagen machen Sie vieles zum letzten Mal in Ihrer Funktion als Ehefrau des Ministerpräsidenten. Welches letzte Mal schmerzt Sie besonders?

    GERLINDE KRETSCHMANN: Etwa der Sternsinger-Empfang im Staatsministerium. Überhaupt hat mir die Begegnung mit den Menschen schon immer sehr gut gefallen. Ich habe mich dadurch immer beschenkt gefühlt, dass die Menschen in der Regel sehr offen auf mich zugegangen sind. Das werde ich schon vermissen.

    Was wird Ihnen überhaupt nicht fehlen?

    KRETSCHMANN: Also wir wohnen ja in Laiz. Und Stuttgart ist einfach ein Stückchen weg. Die lange Fahrerei, die werde ich nicht vermissen. Bei uns ist man ja eher nach Süden gerichtet, also Richtung Bodensee, nicht so nach Stuttgart.

    Hatten Sie 2011 eine Vorstellung, was auf Sie als First Lady, als Landesmutter zukommen würde?

    KRETSCHMANN: Überhaupt nicht. Es gab keine Rollenbeschreibung.

    Womit hätten Sie nicht gerechnet? 

    KRETSCHMANN: Ich habe nicht darüber nachgedacht, wem ich alles begegnen würde. Vom holländischen Königspaar angefangen bis zum Fürsten von Monaco mit seiner Frau. Oder dass ich zwei Päpste persönlich erleben darf.

    Gibt es Begegnungen, die aus all diesen herausragen?

    KRETSCHMANN: Der frühere Bundespräsident Gauck ist mir besonders ans Herz gewachsen. Die Begegnung mit ihm und seiner Frau empfand ich als besonders bereichernd. Aber auch Begegnungen mit anderen Politikern, zum Beispiel mit Rainer Haseloff. Das ist jemand, der für sein Land wirklich brennt. Es war für mich immer wichtig, dass Politiker für ihre Stadt oder ihr Land brennen. Das hat mir bei Michael Kretschmer auch gut gefallen, aber auch bei anderen.

    Wie groß war in all den Jahren die Belastung für Sie persönlich?

    KRETSCHMANN: Ich merke jetzt, dass es mich mehr anstrengt, immer auf die Leute zuzugehen, stundenlang Konversation zu machen und mich auf die Leute einzustellen. Aber es ist für mich keine Belastung in dem Sinn, dass ich gedacht habe, ich schüttele mich jetzt und schmeiß‘ die Last von mir ab.

    Winfried Kretschmann war ja auch einmal als Bundespräsident im Gespräch. Hätten Sie das unterstützt und gut gefunden?

    KRETSCHMANN: Ich hätte da sicher mitgemacht. Im Nachhinein denke ich aber oft, dass die Distanz zu den Menschen in diesem Amt schon noch größer ist. Aber er hätte das sicher gut ausfüllen können.

    Und für Sie als First Lady der Bundesrepublik hätte das noch ganz andere Begegnungen mit sich gebracht.

    KRETSCHMANN: Ja, aber es ist schon so, dass die allermeisten Begegnungen doch sehr im Bereich des Smalltalks ablaufen. Das sind, mit Ausnahmen, meist keine wirklichen Begegnungen. Und man muss da gute Figur machen. Ob ich jetzt da die Richtige gewesen wäre, weiß ich nicht. Ich habe es jedenfalls von dem her nicht bedauert.

    Haben Sie je gedacht, dass der Preis zu hoch ist, den Sie bezahlen müssen?

    KRETSCHMANN: Nein. Welchen Preis musste ich denn zahlen?

    Sie hatten wenig Privatleben, kaum Urlaub, standen in der Öffentlichkeit, es gab Demonstrationen vor ihrem Privathaus, Sie haben Ihren Ehemann wenig gesehen.

    KRETSCHMANN: Der war vorher auch sowieso schon viel weg. Es war eigentlich schon immer so, dass ich auch meinen eigenen Interessen nachgegangen bin, meinem Beruf, meinen politischen Ämtern.

    Sie mussten auf nichts verzichten?

    KRETSCHMANN: Ich habe weiter mit meinen Wanderfreunden und meinen Kunstfreunden Reisen gemacht. Und dass mein Mann viel unterwegs war, hatten wir schon immer. Als wir noch in Echterdingen gewohnt haben, da waren die Kinder wirklich noch klein, hat mich einmal ein Bekannter angesprochen und gesagt, also Gerlinde, wenn ich es nicht anders wüsste, dann würde ich sagen, du bist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. So extrem war es natürlich nicht. Aber ich habe beim Einkaufen schon mal gedacht, mein Gott, andere Frauen haben ihren Packesel dabei. Künftig muss ich mich also eher wieder ein bisschen daran gewöhnen, dass er da ist. Aber ich merke inzwischen, dass ich nicht mehr so gerne allein bin in unserem Haus.

    Gewinnen Sie künftig ein Stück Freiheit zurück?

    KRETSCHMANN: Das hieße ja, dass alles andere für mich Unfreiheit gewesen wäre oder ein unfreiwilliges Gebundensein. So habe ich das nicht gesehen. Eher positiv. Es war ja so, dass ich kurz nachdem mein Mann Ministerpräsident wurde, in Pension ging. In dieser Zeit dann solche Möglichkeiten zu haben, fand ich wirklich spannend.

    Für wen wird die Umstellung nach dem Ende der Amtszeit größer, für Sie oder für Ihren Mann? 

    KRETSCHMANN: Auf jeden Fall für ihn. Gott sei Dank haben wir ein großes Haus. Mein Mann hat sein eigenes Zimmer, und jetzt richten wir auch noch ein anderes Zimmer für ihn ein, wo er dann auch aufs Sofa liegen oder abends mal etwas anderes im Fernsehen gucken kann als ich. Aber es wird auch eine Umstellung für mich: Ich muss dann jeden Tag kochen.

    Frau Kretschmann, welches Gefühl bleibt Ihnen nach diesen 15 Jahren und wie schauen Sie nach vorn?

    KRETSCHMANN: Es ist vor allem Dankbarkeit, dass ich so viel erleben und auch machen durfte. Und hoffentlich auch etwas bewirken durfte. Es war schon eine beeindruckende Reise. Ich schaue mit großer Freude und Dankbarkeit darauf. Und wenn ich meinen Mann anschaue und den Vergleich mit Altersgenossen ziehe, denke ich immer und sag ihm das auch, dass er doch noch echt flott daherkommt.

    … er gibt das hoffentlich zurück, oder?

    KRETSCHMANN: Also… (Gerlinde Kretschmann schweigt und lächelt). Und ich hoffe, dass uns noch ein paar Jahre in Gesundheit vergönnt sind, zusammen mit unseren Kindern und Kindeskindern.

    Wie schauen Sie dem Wahltag am 8. März entgegen?

    KRETSCHMANN: Ich hoffe und wünsche mir von Herzen, dass die Leute den besten Ministerpräsidenten wählen, den es nach meinem Mann gibt.

    Zur Person

    Gerlinde Kretschmann (Jahrgang 1947) war bis 2011 Grundschullehrerin und engagierte sich kommunalpolitisch lange Jahre für die Grünen. Seit 1975 ist sie mit Winfried Kretschmann verheiratet. Gemeinsam haben sie drei Kinder und zwei Enkel. Mit ihrem Mann teilt sie die Leidenschaft fürs Wandern, das Interesse an Kultur und Geschichte und die Freude an der Natur.

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