Die Zahl der antisemitischen Straftaten hat in Deutschland stark zugenommen - nach ersten, noch vorläufigen Zahlen waren es 2025 mehr als 5000. Was die Statistik nicht zeigt: Fälle, in denen Menschen mit jüdischem oder israelischem Hintergrund oder wegen ihrer Haltung zu Israel Benachteiligungen ausgesetzt sind. Fünf Beispiele aus den vergangenen Monaten:
Der Fall Sander
Die Schauspielerin und Journalistin Sarah Maria Sander hat am Drehbuch für den Film „Die Todessehnsucht der Maria Ohm“ mitgearbeitet und sich nach eigener Aussage dafür die Hauptrolle zusichern lassen. Erhalten hat sie die Rolle nicht, was die Produktionsfirma mit organisatorischen Zwängen begründet. Sander selbst glaubt, dass ihre pro-israelische Haltung und ihre scharfe Kritik an einer Aktion von Filmschaffenden, die einen Stopp der deutschen Waffenlieferungen an Israel gefordert hatten, der wahre Grund für die Absage ist. Mehrere Schauspieler sollen deshalb die Zusammenarbeit mit ihr abgelehnt haben. Die juristische Auseinandersetzung läuft noch. In einem ersten Urteil hat das Landgericht Berlin der Produktionsfirma das Umschreiben von Rolle und Drehbuch per einstweiliger Verfügung untersagt.
Der Fall DJ Phonetic
Der Berliner Künstler, der mit bürgerlichem Namen Thorsten Sommer heißt, sollte im März in der Bar „Ciao Ciao“ im Szenebezirk Kreuzberg auftreten. Nach seiner Darstellung wurde der Auftritt von den Betreibern kurzfristig wieder abgesagt, weil Aktivisten ihn als „Zionisten“ bezeichnet hätten. Der DJ sieht den Vorfall als Teil einer größeren Entwicklung innerhalb der Szene. „Die Angriffe und Diffamierungen, die darauf abzielen, meinen Ruf als DJ und meine ökonomische Grundlage zu schädigen, haben deutlich zugenommen - eine direkte Folge meiner öffentlichen Positionierung gegen das zunehmend israelfeindliche und antisemitische Klima, das immer größere Teile der Berliner Clubkultur durchdringt.“ Am nächsten Tag habe an seiner Stelle ein DJ mit deutlich sichtbarer pro-palästinensischer Gesinnung gespielt. Die Betreiber der Bar bestätigten die Absage. Nach Bekanntgabe des Auftritts von DJ Phonetic hätten sie „viele kritische Nachrichten“ erhalten.
Der Fall Cohen-Fantl
Die israelische Journalistin und Autorin sollte in der Flensburger Stadtbücherei aus ihrem Buch „Wie alles begann und sich jetzt wiederholt“ lesen, bis die Stadt Sicherheitsbedenken anmeldete und die Veranstaltung absagen ließ. Die Lesung in der im Obergeschoss eines Einkaufszentrums liegenden Bücherei hätte Polizeischutz erfordert, argumentierte ein Sprecher der Stadt gegenüber den Flensburger Nachrichten. Die Managerin der Galerie allerdings nannte diese Argumentation „nicht nachvollziehbar.“ Sarah Cohen-Fantl sieht die Absage als „weiteren Beweis, dass Juden und Jüdinnen immer weiter aus der Gesellschaft herausgedrängt werden“. Nach heftigen Protesten in Flensburg will die Stadt die Autorin nun allerdings zu einer Lesung ins Rathaus einladen.
Der Fall Büttner
Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Brandenburg, Andreas Büttner, war elf Jahre Mitglied der Linkspartei. „Gerade eine linke Partei muss sich sehr klar und deutlich gegen Antisemitismus aussprechen und sich auch klar an die Seite des einzigen jüdischen Staates stellen“, sagt er. Erlebt allerdings hat er das Gegenteil: Ein Parteiausschlussverfahren wegen seiner pro-israelischen Haltung, ständige Anfeindungen und einen Parteitagsbeschluss aus dem Landesverband Niedersachsen, der sich in seiner ursprünglichen Fassung den Zionismus ablehnte und Israel damit faktisch sein Existenzrecht absprach. Auf heftigem Druck der Parteispitze hin wurde der Beschluss zwar etwas entschärft, für Büttner aber war das Maß voll. „All das ist nicht mehr meine politische Heimat“, schreibt er in seinem Austrittsbrief. Seine israelfreundliche Haltung dürfte auch der Anlass für eine Brandstiftung auf seinem Privatgrundstück und einen Anschlag auf sein Auto gewesen sein, in das Unbekannte mehrere Hakenkreuze geritzt hatten.
Der Fall Weissman
Den Medizincheck beim Zweitligisten Fortuna Düsseldorf hatte der israelische Nationalspieler Shon Weissman schon bestanden, als der Verein doch noch Abstand von einer Verpflichtung des Stürmers nahm. Der Grund: heftige Fanproteste, weil Weissman nach den Angriffen der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 in seinem Zorn im Internet geschrieben hatte, er wünsche sich „200 Tonnen Bomben auf Gaza.“ Dass er den Beitrag kurz nach seiner Veröffentlichung wieder löschte und sich entschuldigte, spielte keine Rolle. Weissmans Äußerungen und die sich daraus ergebende Polarisierung, argumentierte der Verein, „sehen wir als keine guten Wegbegleiter für eine erfolgreiche Saison.“ Weissman spielt heute im österreichischen Linz.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren