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Kanzleramtschef Thorsten Frei verteidigt Merz umstrittene Stadtbild-Äußerung

Interview

Kanzleramtschef Frei: „Ich finde es wohltuend, dass Friedrich Merz auch mal Tacheles redet“

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    Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) organisiert für den Bundeskanzler die Regierungsgeschäfte. Für das neue Jahr verspricht er den Wählern die Erneuerung des Landes.
    Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) organisiert für den Bundeskanzler die Regierungsgeschäfte. Für das neue Jahr verspricht er den Wählern die Erneuerung des Landes. Foto: Michael Kappeler, dpa

    Herr Frei, als Chef des Kanzleramts koordinieren Sie die Regierungsgeschäfte und filtern dabei, was Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich erreicht. Wie viele SMS bekommen Sie im Schnitt pro Tag von Menschen, die unbedingt einen Termin bei Ihrem Chef haben wollen? 

    THORSTEN FREI: (lacht) Oh Gott! Soll ich die große Menge von SMS, die ich erhalte, zählen? Nein, im Ernst: Wir haben ein gutes Verfahren, wie die Regierungsgeschäfte zu organisieren sind. Spontan per Zuruf geschieht das in der Regel nicht. Dafür ist die Terminlage zu eng.

    Und was antworten Sie auf die SMS?

    FREI: Keine Sorge, die Koordination der Termine läuft über das Büro des Bundeskanzlers. Und die ständigen Abstimmungen zwischen den Ministerien und dem Kanzleramt laufen ja nicht per SMS. So einfach ist das leider nicht.

    Muss der Chef des Kanzleramts eigentlich am Morgen vor dem Kanzler den Dienst beginnen, damit noch Wichtiges vor der ersten Besprechung geklärt werden kann?

    FREI: Wir sind beide früh auf den Beinen. Wenn wir uns zur sogenannten Kanzlerlage treffen, ist schon einiges angeschoben.

    Stimmen sich täglich ab: Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Kanzleramtsminister Thorsten Frei stehen im engen Austausch.
    Stimmen sich täglich ab: Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Kanzleramtsminister Thorsten Frei stehen im engen Austausch. Foto: Kay Nietfeld, dpa

    Sprechen Sie jeden Tag mit dem Kanzler, sofern er in Berlin ist?

    FREI: Selbstverständlich halten wir einen engen Draht, ganz gleich, wo sich der Bundeskanzler aufhält. Die Lage ist oft so dynamisch, dass der regelmäßige Austausch unerlässlich ist.

    Wie viel Mühe macht es Ihnen, die Feuer auszutreten, die Ihr Chef mit manch unbedachter Äußerung – Stichwort Stadtbild – entfacht?

    FREI: Um es klar zu sagen: Ich stehe voll und ganz hinter den Aussagen des Bundeskanzlers. Jeder Politiker hat seine eigene Sprache und seinen eigenen Stil. Ich finde es wohltuend, dass Friedrich Merz auch mal Tacheles redet und Themen, die den Menschen auf der Seele liegen, klar benennt.

    Sie sind für die Abstimmung der 16 Ministerien der Bundesregierung verantwortlich, in Ihrem Haus gibt es ein Spiegelreferat für jedes einzelne Ressort – von Agrarministerium bis internationale Zusammenarbeit. Wie behält man bei all den Themen der Überblick?

    FREI: Das ist eine enorme Herausforderung, aber eben auch der besondere Reiz dieses Amtes. Mir persönlich kommen dabei meine Ausbildung und mein bisheriger beruflicher Werdegang zugute. Als Oberbürgermeister habe ich bereits in jungen Jahren Erfahrungen als Generalist gesammelt, später im Deutschen Bundestag habe ich mich in den ersten Jahren außenpolitischen und anschließend als stellvertretender Fraktionsvorsitzender innenpolitischen Themen gewidmet. Und dann folgten spannende Jahre als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer.

    Was ist spannender – mit Selenskyj über Krieg und Frieden zu reden oder über Bürokratieabbau mit Ministerkollegen?

    FREI: Vorweggesagt - ein Gespräch über Krieg und Frieden würde ich sicherlich nicht als spannend empfinden. Es wäre eine schwere Bürde. Wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass dieser schreckliche Krieg direkt vor der Haustür der Europäischen Union stattfindet. Jeden Tag und jede Nacht. In die Frage, wie sich dieser Schrecken beenden lässt, ist vor allem der Bundeskanzler eingebunden. Und um auch auf Ihren Vergleich einzugehen: Bürokratieabbau ist für unser Land ein enorm wichtiges Thema. Die Vielzahl an Berichtspflichten und die unzähligen Verordnungen bedrohen unsere Wettbewerbsfähigkeit. Hier wieder für Maß und Mitte zu sorgen, ist eine Aufgabe, die dieser Bundesregierung unter den Nägeln brennt.

    Sie sind ein Fan von Pommes Frites und Hamburgern von McDonalds. Gerade am späten Abend bekommt man dort immer noch etwas zu essen. Hat Ihr Burgerkonsum stark zugenommen, seit Sie aus der Opposition in die Regierung gewechselt sind?

    FREI: Jetzt machen Sie mir aber ein schlechtes Gewissen! Ich gehe gern und regelmäßig joggen, und ich gestehe, dass ich hin und wieder auch mal zu „Fast Food“ greife. Mir ist aber bewusst, dass das eine Ausnahme bleiben sollte. Bisher bekomme ich diese Balance einigermaßen hin.

    Thorsten Frei während der schwarz-roten Koalitionsverhandlungen - der Vertraute von Friedrich Merz hat den Koalitionsvertrag mitgeprägt.
    Thorsten Frei während der schwarz-roten Koalitionsverhandlungen - der Vertraute von Friedrich Merz hat den Koalitionsvertrag mitgeprägt. Foto: Christophe Gateau, dpa

    Alt-Kanzlerin Angela Merkel meinte einst, das Interessante an ihrem Job sei, dass man morgens manchmal nicht wisse, was der Tag am Abend gebracht haben wird. Ist das so?

    FREI: Der Politikbetrieb erinnert mich manchmal an einen Bienenstock. Da redet ständig jeder mit jedem, und die Entwicklungen können schnell eine Dynamik entwickeln. Aber letztlich zeichnen sich viele Entwicklungen längerfristig ab. Gott sei Dank sind ‚eruptive Momente‘ eher selten.

    Bereuen Sie es eigentlich, die Ampel-Koalition im Wahlkampf so hart angegangen zu haben mit Sätzen wie „Sie können es nicht“ und jetzt Mühe zu haben, die geweckten Erwartungen zu füllen?

    FREI: Der Regierungswechsel hat unserem Land gutgetan. Wir haben in der Kürze der Zeit 430 Vorhaben beschlossen - davon 139 Gesetzentwürfe. Die Kurskorrektur hat vom ersten Tag an begonnen, denken Sie nur an die Migrationswende. Die Zahl der Asylgesuche haben wir quasi halbiert. Mit der Grundsicherung haben wir wichtige Weichen gestellt, um Sozialleistungen fairer auszugestalten und Missbrauch zu verhindern. Die Unternehmenssteuerreform und das jüngst vom Kabinett verabschiedete Infrastruktur-Zukunftsgesetz tragen dazu bei, dem Wirtschaftsstandort Deutschland neuen Auftrieb zu geben. Sie müssen aber auch berücksichtigen: Ein großer Tanker wie Deutschland vollzieht so eine Kurskorrektur nicht in dem gleichen Tempo wie ein kleines Schnellboot. Ein bisschen Geduld ist nötig. Ich bin mir aber sicher, dass die Menschen im neuen Jahr die positiven Folgen unserer Entscheidungen spüren werden.

    Unter den Abgeordneten von CDU und CSU fällt offen Ihr Name, wenn es um einen möglichen Wechsel an der Fraktionsspitze geht. Jens Spahn hat keinen leichten Stand. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

    FREI: Die Besetzung, so wie wir sie haben, ist sehr gut. Die Fraktion hat einen starken Vorsitzenden, und ich sehe mich als Kanzleramtschef an der richtigen Stelle

    Das alte Jahr war hart für die schwarz-rote Regierung, das neue Jahr wird noch härter, weil die Sozialkassen finanziell unter enormen Druck geraten sind. Worauf müssen sich die Deutschen einstellen?

    FREI: In der Geschichte der Bundesrepublik standen wir schon oft vor großen Herausforderungen. Es gibt keinen Grund für Verzagtheit. Natürlich stellt uns der demographische Wandel vor eine schwere Aufgabe. Aber wir haben alle Möglichkeiten, seriöse Antworten zu finden. Unsere Gesellschaft lebt von einer hohen Leistungsbereitschaft und einer großen Innovationskraft. Das hilft uns, auch über diesen Berg zu kommen.

    Was macht Ihnen Hoffnung für 2026?

    Ich gehe sehr hoffnungsvoll ins neue Jahr. Unsere Regierungskonstellation ist unter den gegebenen Umständen die beste aller Möglichkeiten. Es herrscht unter den Verantwortlichen die Einsicht vor, dass der Zeitpunkt für eine Erneuerung gekommen ist. Ich spüre nicht nur in der Politik, sondern auch bei den Menschen eine Bereitschaft zu Veränderungen. Jetzt kommt es darauf an, diesen Prozess fair zu gestalten und die Lasten gleichmäßig zu verteilen. Wir sind und bleiben eine Gesellschaft, die aufeinander achtgibt.

    Das Interview wurde schriftlich geführt.

    Zur Person

    Thorsten Frei (52) macht seit Ende der 90er Jahre Politik, begann seine Karriere als Gemeinderat seiner Heimatstadt Bad Säckingen, die am südlichen Rand des Schwarzwaldes liegt. Später war er Bürgermeister in Donaueschingen. Dem Bundestag gehört der studierte Jurist seit 3013 an. Seit dem Regierungswechsel im letzten Jahr koordiniert er als Chef des Kanzleramtes die Arbeit der Bundesregierung.

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