„Vergessen Sie alles, was Sie über Deutschland zu wissen glauben“, ätzten die Reporter ausländischer Zeitungen nach Bahn-Fahrten während der Fußball-EM. Der Glaube an die vormals unter deutsche Tugenden abgespeicherten Eigenschaften Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Effizienz wurde durch ungewollte Abenteuerreisen mit dem bundeseigenen Schienenkonzern erschüttert. Das Bild des Landes bekam hässliche Flecken verpasst.
Dabei hatte sich die Bahn intensiv auf das Großereignis vorbereitet und versagte dennoch. Bahnchef Richard Lutz erklärte zwar, dass das Unternehmen mit dem Erreichten nicht zufrieden sei, doch ein ehrliches Eingeständnis eigener Fehler ist von ihm nicht zu hören. Das Chaos während der EM zeigt exemplarisch, dass das Unternehmen in schwacher Verfassung ist. Es taumelt regelrecht.
Deutsche Bahn: Enttäuschende Zahlen im Kerngeschäft
In den ersten sechs Monaten fuhren die Lokomotiven einen Verlust von über einer Milliarde Euro ein. Alle rollenden Abteilungen sind in den roten Zahlen. Dass der Verlust nicht noch größer ausfällt, liegt – Ironie der Sache – an der konzerneigenen Großspedition Schenker mit ihren Lkw. Die Bahn beherrscht ihr Kerngeschäft – den Transport von Passagieren und Gütern auf Gleisen – nicht mehr.
Lutz steht seit sieben Jahren an der Spitze des Vorstands, gehört dem Management seit 2010 an. Unter seiner Ägide hat sich der Zustand der Bahn verschlechtert statt verbessert. Richtig ist, dass der Bund als Eigentümer die Schiene vernachlässigte und über Jahrzehnte zu wenig in Gleise, Loks und Waggons investiert hat. Aber spätestens seit 2019 ist das anders. Die Bahn hat viele Milliarden zusätzlich bekommen. Das Dilemma ist natürlich, dass es dem Fahrplan nicht guttut, wenn im Netz mehr gebaut wird. Um bei der EM im Takt zu bleiben, hatte der Vorstand jedoch extra Baustellen nach vorn gezogen und mehr Züge eingesetzt. Dennoch ging während des Turniers zu viel schief. Der Vorstand hatte seinen Laden nicht im Griff.
Nun soll die Sanierung der am stärksten benutzten Trassen das Ruder herumreißen. Einen Tag nach dem Endspiel begann die Sanierung der maroden Teilstrecke zwischen Frankfurt und Mannheim. Bis Jahresende werden die 70 Kilometer generalüberholt. Wenn das nicht funktioniert und in einem Desaster endet wie der Bahnhof Stuttgart 21, dann ist der Bahnchef nicht mehr zu halten. Dann muss er gehen, es ist seine letzte Chance.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren