Eine lange Tafel mit schwarzer Tischdecke, dazu eine Reihe leerer Stühle, an denen Fotos hängen. Es sind Bilder der Menschen, die fehlen, jeden Tag, seit fast zwei Jahren – Bilder der Menschen, die die Hamas am 7. Oktober nach Gaza verschleppte und die noch immer dort sind, tot oder lebendig. Angehörige stellten die Tafel in Tel Aviv auf, auf dem einstigen Platz der Kunst, den alle hier nur noch „Platz der Geiseln“ nennen. Mehr als 350.000 Israelis folgten allein in der Küstenmetropole am Dienstagabend dem Aufruf von Aktivisten, bei landesweiten Protesten einen Deal zur Befreiung der letzten Entführten zu fordern.
Angehörige der Geiseln drängen auf Abkommen mit Hamas
Im ganzen Land gab es Demonstrationen, Straßenblockaden, Mahnwachen und andere Aktionen – alles mit dem Ziel, die rechts-religiöse Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu einer Einigung mit den Palästinensern zu drängen. Letzte Woche hatte die Hamas den jüngsten Vorschlag der Vermittlerstaaten Ägypten und Katar angenommen. Danach würde die Hamas im Rahmen einer 60 Tage langen Kampfpause zehn lebende Geiseln freilassen und die Leichen von 18 weiteren Geiseln übergeben. Im Gegenzug müsste Israel mehrere Hundert palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen entlassen, mehr humanitäre Lieferungen für Gaza ermöglichen und sich auf Gespräche über eine langfristige Waffenruhe einlassen.
Familien von Geiseln drängen derweil darauf, den Deal anzunehmen. „Es liegt ein Angebot auf dem Tisch!“, rief Hagit Chen, die Mutter der Geisel Itay Chen, bei einer Kundgebung auf dem Platz der Geiseln. „Wir fordern unsere Politiker auf, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und nicht aufzustehen, bis es eine Vereinbarung gibt, die festlegt, wann die letzte Geisel zurückkehren wird!“
Netanjahu will angeblich nur Waffenruhe bei Freilassung aller Geiseln
Trotz aller Bemühungen der Aktivisten erscheinen die Aussichten auf einen baldigen Deal jedoch trüb. Israelischen Medienberichten zufolge, die sich auf Regierungsinsider berufen, will Netanjahu sich auf keine zeitlich begrenzte Waffenruhe einlassen. Stattdessen soll er eine langfristige Einigung anstreben, deren Details wohl noch nicht feststehen. Eine Waffenruhe, während der nur ein Teil der Geiseln freikäme, soll Netanjahu – auch unter dem Druck seiner ultrarechten Koalitionspartner – nicht mehr anstreben.
Diese Position habe der Regierungschef auch bei der neuen Sitzung des Sicherheitsrats deutlich gemacht, hieß es in den Berichten. Er treibe die Pläne zur Einnahme der Stadt Gaza voran. Anfang August hatte die Regierung beschlossen, die Kämpfe in dem Küstenstreifen auf die Stadt auszuweiten – entgegen Warnungen des Armeechefs Eyal Zamir, der um das Schicksal der letzten geschätzt 20 überlebenden Geiseln fürchtet. Mehrere von ihnen werden in den Tunneln unter Gaza-Stadt vermutet – und die Hamas hat bereits bewiesen, dass sie Entführte eher ermordet, als diese in die Hände israelischer Soldaten fallen zu lassen. Insgesamt haben die Terroristen israelischen Informationen zufolge bisher 42 lebend verschleppte Geiseln in Gaza ermordet.
Ist die Planung der Gaza-City-Offensive nur eine taktische Finte?
Manche israelische Analysten gehen davon aus, dass Netanjahu die Einnahme der Stadt Gaza nicht ernsthaft anstrebe, sondern lediglich den Druck auf die Hamas in den Verhandlungen erhöhen wolle. Die Beschlüsse zu der geplanten Einnahme dienten vor allem dazu, „zu sehen, wie die Hamas reagiert“, sagte am Suleiman Maswadeh, diplomatischer Korrespondent des öffentlich-rechtlichen Radiosenders Kan. Der Hamas-Experte Guy Aviad dagegen glaubt, dass Netanyahu es ernst meint. „Gerade sieht es danach aus, dass sich alles auf die Eroberung der Stadt Gaza zubewegt“, sagte er unserer Redaktion. „Es gibt eine bindende Entscheidung des Sicherheitskabinetts. Die Armee hat detaillierte Pläne vorbereitet. Und es gehört nicht zur Agenda dieser Regierung, den Krieg zu beenden.“
Massive internationale Kritik löste Anfang der Woche ein Doppelangriff im südlichen Gazastreifen auf das Nasser-Krankenhaus aus. Unter den 19 Toten waren fünf Journalisten, darunter eine Fotografin und ein Fotograf der internationalen Nachrichtenagenturen AP und Reuters, sowie Sanitäter und Zivilschutzhelfer.
Laut Augenzeugen sei zuerst der vierte Stock der Kliniken mit Panzergranaten beschossen worden; als Helfer und Journalisten vor Ort waren, habe es einen gezielten zweiten Angriff gegeben. Während Ministerpräsident Netanjahu in einer Erklärung von einem „tragischen Unglück“ sprach, warf die Organisation Ärzte ohne Grenzen Israel vor, gezielt Zeugen völkerrechtswidriger Angriffe auf Krankenhäuser auszuschalten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte den Angriff scharf. Was die israelische Armee hier tue, sei „nicht akzeptabel“, sagte Merz. Er glaube jedoch im Augenblick nicht, dass Israel die Journalisten absichtlich angegriffen habe. (mit dpa)
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