An dem Tag, der in Israel alles verändert, verlässt Ran Gvili seinen Schutzraum, schlüpft in seine Uniform und sagt: „Eine Pistole kann ich auch mit gebrochener Schulter halten.“ Anstatt auf seinen Operationstermin zu warten, verteidigt der junge Polizist aus dem Kibbuz Alumni sein Dorf, ehe er im Kampf mit den Terroristen der Hamas stirbt. Nun ist auch seine Leiche, die wie Dutzende andere von der Hamas am 7. Oktober 2023 in den Gazastreifen verschleppt wurde, geborgen und zurück nach Israel gebracht worden – als letzte von insgesamt 28. Damit kann die zweite, ungleich schwierigere Phase des Friedensplans in Kraft treten.
Welche Vereinbarungen sind bereits umgesetzt?
Am 10. Oktober ist eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas in Kraft getreten. Seitdem kommt auch mehr humanitäre Hilfe in den Gazastreifen. Als Gegenleistung für die Freilassung der letzten 20 lebenden Geiseln, darunter mehrere mit deutschem Pass, hat Israel fast 2000 palästinensische Häftlinge aus seinen Gefängnissen entlassen. Die letzten Leichen hat die Hamas nur sehr schleppend herausgegeben. Israel wiederum hat für jede tote israelische Geisel die sterblichen Überreste von 15 Bewohnern Gazas übergeben. Außerdem öffnet Israel den Grenzübergang in Rafah zwischen Gaza und Ägypten wieder. Er ist seit fast einem Jahr geschlossen und gilt als Gazas Tor zur Welt.
Wie sieht Phase zwei des Abkommens nun aus?
Sie sieht vor allem die Entwaffnung der Hamas vor, was diese bisher strikt ablehnt. Der geplanten Übergangsregierung sollen 14 Palästinenser angehören, die keine Verbindung zur Hamas haben. Sie würde von zwei „Aufsichtsräten“ kontrolliert, denen unter anderem der frühere britische Premier Tony Blair, der amerikanische Sondergesandte Steve Witkoff, der türkische Außenminister Hakan Fidan und der katarische Diplomat Ali Thawadi angehören. Gegen die Nominierung der beiden Letztgenannten regt sich in Israel jedoch Widerstand: Die Türkei und Katar gelten als Unterstützer der Hamas. Alle Gremien sind einem „Friedensrat“ mit Spitzenpolitikern aus aller Welt unterstellt, der von US-Präsident Donald Trump geleitet wird.
Wer entwaffnet die Hamas, wenn sie es nicht freiwillig tut?
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sagt: „Es wird auf die leichte oder die harte Weise geschehen. Aber es wird geschehen.“ Noch ist allerdings unklar, wer das übernimmt – die israelische Armee oder die geplante internationale Stabilisierungstruppe, die die Waffenruhe in Gaza absichern soll und der unter anderem Soldaten aus Indonesien und Pakistan angehören werden. Dass Donald Trump amerikanische Bodentruppen nach Gaza schickt, gilt als unwahrscheinlich. Die israelischen Geheimdienste schätzen, dass die Hamas unter anderem noch 60.000 Maschinengewehre vom Typ Kalaschnikow bunkert. Nach einer Umfrage palästinensischer Meinungsforscher lehnen 70 Prozent der Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland die Entwaffnung der Hamas ab. Mehr als die Hälfte der Befragten steht auch noch immer hinter den Massakern vom 7. Oktober.
Wann beginnt der Wiederaufbau in Gaza?
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat Trumps Schwiegersohn Jared Kushner einen Plan für die Zukunft des Küstenstreifens vorgestellt. Zunächst soll danach die Stadt Rafah wieder aufgebaut werden, anschließend nach und nach weiter nördlich gelegene Orte. In „Neu-Rafah“ sollen 100.000 Wohneinheiten und mindestens 75 medizinische Einrichtungen entstehen. Voraussetzung für den in Etappen geplanten Wiederaufbau, so Kushner, sei aber die Entwaffnung der Hamas.
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