Herr Söder, das neue Jahr hat sich wenig Mühe mit einem sanften Start gegeben. Die jahrzehntelange Weltordnung scheint sich in einem atemberaubenden Tempo aufzulösen. Was heißt das für Deutschland?
MARKUS SÖDER: Die Welt verändert sich grundlegend. Die großen Säulen, auf denen Deutschland so stabil gestanden hat, sind brüchig. Wir sind von den USA beschützt worden, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Unsere Firmen konnten nach China so viel exportieren, wie sie wollten. Und wir hatten billige Energie aus Kernkraft und russischem Gas. Heute ist alles anders. Und deshalb müssen auch wir uns ändern. Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber zwei Bereiche müssen wir so schnell wie möglich stärken: die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes.
Müssen wir uns damit arrangieren, dass es mit China, Russland und den USA drei große Machtzentren gibt, die sich die Welt recht ungeniert untereinander aufteilen wollen?
SÖDER: Nein. Aber wenn wir nicht nur Zaungäste der Weltpolitik bleiben wollen, muss Europa stärker werden. Gemeinsam wären wir eine Großmacht. Moralisch ist die EU immer stark, aber politisch und praktisch ist sie schwach. Ohne die Amerikaner wären wir beispielsweise militärisch momentan völlig schutzlos. Aber wir haben einen Trumpf bei Trump - und das ist Friedrich Merz. Dass der Bundeskanzler einen Zugang zum amerikanischen Präsidenten gefunden hat, ist eine enorme Chance.
Sind wir immer noch zu blauäugig? Deutsche Goldreserven lagern zum Beispiel in den USA und wer garantiert, dass Trump nicht auf die Idee kommt, sie als Druckmittel einzusetzen?
SÖDER: Wir dürfen nicht naiv sein. Aber es hilft auch nichts, jetzt hysterisch zu werden. Natürlich wirkt manches in den USA bisweilen irritierend. Aber wir müssen pragmatisch damit umgehen, ohne uns zu sehr anzudienen.
Abgesehen von den weltpolitischen Beben machen sich viele Menschen ganz konkrete Sorgen um ihre eigene Zukunft, haben Abstiegsängste. Wie wollen Sie den Leuten diese Ängste nehmen?
SÖDER: Wir müssen jetzt klare Entscheidungen treffen und dürfen keine Zeit mehr verschwenden. Das kann auch mal wehtun, aber ich bin nicht bereit, einfach hinzunehmen, dass wir absteigen.
Die AfD hat sich inzwischen zur Stimme des Frusts aller Art gemacht. Nun kommen weitere Zumutungen auf die Menschen zu. Was macht Sie zuversichtlich, den Aufstieg der Rechtsradikalen bremsen zu können?
SÖDER: Indem wir uns der Verantwortung stellen und ehrlich kommunizieren, dass manches nicht mehr geht. Wir haben uns in Bayern bewusst dafür entschieden, keine neuen Schulden zu machen - in dem Wissen, dass sich Kürzungen oder der Wegfall von Leistungen wie dem Familiengeld für die Betroffenen zunächst nicht gut anfühlen. Ich verstehe das, mir tut das persönlich auch leid. Aber es ist notwendig, dass wir dieses Geld komplett in den Betrieb von Kitas stecken, die sonst hätten schließen müssen. Damit stärken wir die Kinderbetreuung, die Wirtschaft und entlasten unsere Kommunen. Generell gilt: Der Staat muss seine Finanzen in Ordnung halten und die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Ist es zum Beispiel wirklich unzumutbar, pro Woche eine Stunde mehr zu arbeiten, wenn dadurch die Konjunktur in Gang kommt?
Wie wollen Sie die AfD inhaltlich stellen?
SÖDER: Unser Anspruch muss sein, Deutschland so aufzustellen, dass es eine gute Zukunft hat. Wir dürfen nicht Entscheidungen, von denen wir überzeugt sind, aus Angst aufschieben. Hätte Gerhard Schröder so gehandelt, hätte es die Agenda 2010 nie gegeben. Und was die AfD angeht: Alles, was die AfD will, wäre ein Desaster für unsere Wirtschaft. Zum Beispiel der Austritt aus der EU. Das werden wir den Menschen klarmachen. Und dass die Begeisterung der AfD für Wladimir Putin zu einer Art Warschauer Pakt 2.0 führen würde.
Sie selbst haben zuletzt moderatere Töne angeschlagen, sagten beim Parteitag, Demokraten müssten bei allen Streitigkeiten zusammenhalten. Erleben wir gerade die neue Ernsthaftigkeit des Markus Söder?
SÖDER: Die Lage ist ja auch viel ernster geworden im vergangenen Jahr. Ich spüre die Sorgen, die viele Menschen in Bayern umtreiben. Wir dürfen sie damit nicht alleine lassen.
Beim Parteitag haben Sie deutlich weniger Rückhalt von den eigenen Leuten bekommen als früher. Kennen Sie so etwas wie Selbstzweifel, Herr Söder?
SÖDER: Wer sich nicht immer wieder überprüft, kommt nicht voran. Ich diskutiere viel mit Vertrauten, hole andere Meinungen ein und versuche, daraus ein Bild zu formen. Ich lese sogar jeden Zeitungsartikel und überprüfe, ob darin ein Körnchen Wahrheit steckt oder ob es nicht doch eine kleine Bosheit ist, was Sie oder Ihre Kollegen da geschrieben haben … (lacht)
Mir kommen die Tränen …
SÖDER: Im Ernst: Ich bin ein sehr reflektierter Mensch. Aber ich habe keine Angst, Entscheidungen zu treffen und dann auch entschlossen zu handeln. Das ist wie im Fußball: Wenn man zum Elfmeter antritt und nur darüber nachdenkt, dass man verschießen könnte, dann wird das nichts.
Sie haben sich nach Ihrer Operation an der Hüfte wenig Pause gegönnt. Wie schwer fällt es Ihnen, Schwäche zu zeigen?
SÖDER: Mir fällt es vor allem schwer, Ruhe zu geben. Ich habe die erzwungene Pause genutzt, um nachzudenken. Es war wie im Urlaub: Ab dem dritten Tag fallen mir tausend Dinge ein, die man machen könnte.
Klingt so, als wären Sie ein eher anstrengender Patient.
SÖDER: Es gibt wahrscheinlich einfachere Patienten als mich. Mir geht es da wohl wie vielen Menschen: Ich habe „Dr. House“ und andere Arzt-Serien gesehen und stelle auf Basis dieses Halbwissens immer wieder Nachfragen. Aber ich höre auf die Ärzte und Physiotherapeuten. Eine medizinische Therapie ist so ähnlich wie Reformen in der Politik: Die Therapie tut weh und mittendrin zweifelt man auch mal. Aber wer es durchzieht, wird erfolgreich sein.
Immerhin haben Sie jetzt mehr Zeit für Social Media. Sie bieten dort viel Unterhaltung. Zu viel, wie manche finden. Nehmen Sie sich die Kritik zu Herzen?
SÖDER: Der Zeitaufwand dafür ist in Wahrheit sehr gering. Ich bin viel unterwegs und mache dann eben schnell mal ein Essensfoto oder ein spontanes Video. Gerade in diesen schweren Zeiten darf man nicht alle Leichtigkeit aufgeben. Das erreicht sehr viele Menschen – gerade auch Jüngere, die sonst nur schwer für politische Inhalte zu gewinnen wären. Wer behauptet, Klicks spielen keine Rolle, der täuscht sich. Man sagt ja auch nicht, eine Fernsehsendung braucht keine Einschaltquote, eine Zeitung keine Auflage, eine Partei keine Stimmen, ein Unternehmen keinen Umsatz. Natürlich darf man nicht übertreiben. Wichtig ist die Mischung aus der Authentizität eines Menschen und der Vermittlung von Inhalten. Übrigens: Wenn ich sehe, wer heute im Internet alles kocht, isst, singt oder Weihnachtspullover trägt, dann lässt sich über die Kritik zumindest streiten.
Friedrich Merz tut sich eher schwer, die Menschen zu erreichen. Seine Popularität ist im Keller. Sie haben sich zuletzt immer wieder über ein vermeintliches Merz-Bashing beschwert. Erinnern Sie sich noch an den Namen Robert Habeck?
SÖDER: Dunkel, ja.
War nicht das, was Sie mit ihm gemacht haben, Bashing?
SÖDER: Wir haben uns mit Robert Habeck am Anfang sehr viel Mühe gegeben und haben ihn sogar ins bayerische Kabinett eingeladen. Aber er hat uns sehr schnell gezeigt, dass er kein Herz für den Süden hat. Er wollte Bayern hängen lassen, als es in der Energiekrise um die Verstaatlichung von Gasspeichern ging, und er hat Milliarden an Fördermitteln gezielt an uns vorbei in den Norden gelenkt. Ich habe das als verstörend empfunden.
Jetzt, da die Grünen nicht mehr regieren, haben Sie ihre Obsession überwunden?
SÖDER: Die Grünen haben in der Bundesregierung viele falsche Entscheidungen für unser Land getroffen. Aber jetzt regieren sie nicht mehr und sind damit einfach nicht mehr so relevant. Die frühere Grünen-Chefin Ricarda Lang hat neulich in einer Fernsehsendung sogar ein Geschenk mitgebracht …
Das war aber nicht für Sie, sondern ein Spielzeug für ihre Hündin Molly.
SÖDER: Richtig. Und es gefällt Molly sogar.
Noch mal zurück zum Kanzler. Angela Merkel wurde in der ersten Trump-Ära als Anführerin der freien Welt bezeichnet. Was fehlt Merz für diese Rolle?
SÖDER: Friedrich Merz ist definitiv ein Anführer in Europa. Die Amerikaner rufen nicht in Brüssel an, aber sie wollen wissen, was der deutsche Kanzler denkt. Seinen Besuch im Weißen Haus, wo andere gestrauchelt sind, hat er souverän bewältigt. Ich halte auch den Vorwurf für falsch, er sei zu viel als „Außenkanzler“ unterwegs. Genau das brauchen wir doch in dieser instabilen weltpolitischen Lage.
Innenpolitisch verzettelt sich die Regierung Merz aber immer wieder. Woran liegt das?
SÖDER: Wir haben mit unserem Koalitionsvertrag einen Bauplan als Masterplan aufgestellt. Jetzt geht es darum, den Bau voranzutreiben. Leider wurden erste Erfolge von internen Streitigkeiten in der Koalition überlagert. Das müssen wir reduzieren, damit mehr Raum für die positiven Nachrichten bleibt.
Welche Schlagzeilen würden Sie gerne am Ende dieses Jahres über Deutschland, über Bayern, über Markus Söder lesen?
SÖDER: Nachdem Journalisten naturgemäß immer das Haar in der Suppe suchen, habe ich da keine allzu hohen Erwartungen. Für das Land hoffe ich, dass wir sagen können: Wir sind vorangekommen und haben „Made in Germany“ wieder zu einer starken Marke gemacht. Eines sollten wir nicht vergessen: Das ist nicht die erste Krise - und wir haben uns immer wieder rausgekämpft. Das wird uns auch diesmal gelingen.
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