Es ist ein Satz, der Geschichte geschrieben hat, der zum politischen Symbol geworden ist – für Anhänger wie Kritiker gleichermaßen. Und ausgerechnet Friedrich Merz holte ihn nun aus der Versenkung hervor: „Wir schaffen das.“ Drei Worte nur, doch sie reichten, um den Puls der politischen Beobachter zu beschleunigen. „Wir können das schaffen, wenn wir alle zusammenstehen und wenn wir wieder ein bisschen mehr an uns selbst auch glauben“, ergänzte der CDU-Vorsitzende. Ausgesprochen wurden die Worte beim CDU-Landesparteitag in Linstow in Mecklenburg-Vorpommern. Mut sollten sie machen für die kommenden Reformen. In erster Linie. In zweiter Linie aber führt der Satz zwei Menschen zusammen, die sich seit Jahren in inniger Abneigung verbunden sind. Und die sich zuletzt erstaunlich häufig begegnen, wenngleich manchmal nur indirekt.
Wie Merkel im Jahr 2015 steht auch Merz an einem entscheidenden Punkt seiner Kanzlerschaft. Die Flüchtlingskrise stellte die damalige Kanzlerin damals vor ungekannte Herausforderungen. Der Zustrom hunderttausender Asylsuchender, aber auch Merkels Umgang damit gelten bis heute als maßgeblich für den Aufstieg der rechten AfD. Die Ex-Kanzlerin will zwar nicht die alleinige Verantwortung für den politischen Siegeszug der Rechten übernehmen. „Aber natürlich hat meine Entscheidung mit dazu geführt, dass die Umfragewerte für die AfD wieder gestiegen sind“, sagte sie nun in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
AfD wird in Mecklenburg-Vorpommern wohl stärkste Kraft
Und gestiegen sind sie auch unter Merz unaufhaltsam: In Mecklenburg-Vorpommern könnte die Partei mit der Landtagswahl zu neuer politischer Macht aufsteigen. In Umfragen liegt die AfD dort gewaltige 26 Prozent vor der CDU – die Kanzlerpartei kommt auf gerade einmal 10 Prozent. Aus Sachsen-Anhalt, wo die Menschen im Herbst ebenfalls einen neuen Landtag wählen, wurde in der vergangenen Woche bekannt, dass die dortige CDU eine geplante Präsidiumsklausur abgesagt hat – was zumindest als indirekte Ausladung des Kanzlers gelesen werden kann.
Merz weiß um die Gefahr dieses Moments. Er beschwört nicht nur seine Parteifreunde, dass die Wahlen Bedeutung weit über Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin hinaus haben werden. Es stehe dort mehr auf dem Spiel als nur die Zukunft einer Region. „Es geht um die Frage, ob wir aus der politischen Mitte unseres Landes heraus noch die Kraft haben, noch den Willen haben und auch die Durchsetzungskraft haben, die politischen Probleme anzupacken und zu lösen, die uns heute gestellt sind.“
Merkel nimmt die Merz-Regierung in Schutz
Unterstützung erhält er – zumindest ein bisschen – von: Merkel. „Diese Regierung ist vor gut einem Jahr ins Amt gekommen“, sagte sie. „Sie hat Haushalte beschlossen, fundamentale Entscheidungen getroffen, was die Verteidigungsausgaben und was die Infrastruktur anbelangt. Sie hat interessante Elemente, auch im Rentenbereich, eingeführt, etwa die Frühstartrente.“ Es sei einfach nicht richtig, dass nichts passiert sei.
Einen Tipp hat sie für Merz dann aber doch parat: „Schon zu meiner Zeit ist die gesamte politische Debatte vor allem durch die sozialen Medien hektischer geworden“, erklärte sie. „Gerade in einer solchen Stimmung ist es ein Fehler, Erwartungen zu wecken, die sich nicht erfüllen. Diesen Fehler habe ich selbst auch schon gemacht.“
Angela Merkel ist zurück in der Öffentlichkeit
Merkel ist in diesen Tagen erstaunlich viel unterwegs im Land. Sie besucht Messen, gibt Interviews, stellt Bücher vor, spricht mit Podcastern. Und sie äußert sich erstaunlich offen. Nach ihrem Auszug aus dem Bundeskanzleramt war die 71-Jährige regelrecht abgetaucht, Paparazzi lauerten ihr im Supermarkt auf. Doch inzwischen arbeitet die Ex-Kanzlerin erkennbar daran, ihr Bild in den Geschichtsbüchern zurechtzurücken. „Sie ist wieder da“, begrüßte sie jüngst der ARD-Journalist Markus Preis beim WDR-Europaforum. Und wo immer sie hinkommt, stehen die Menschen Schlange, sind die Tickets ausverkauft. Man tut ihr und ihren Anhängern sicher nicht unrecht, wenn man eine Sehnsucht nach einer Welt, die zumindest im Rückblick weniger komplex erscheint, darin ausmacht. Anders als Merz steht Merkel nicht mehr unter politischem Dauerdruck, sondern kann ihre Überzeugungen ausbreiten – ohne dass ein Koalitionspartner oder Interessenverbände dazwischengrätschen.
Merkel selbst drückt es so aus: „Ich bin keine aktive Politikerin mehr. Das bedeutet aber nicht, dass ich ein unpolitischer Mensch geworden wäre. Und natürlich habe ich mit meiner Berufserfahrung hier und da etwas mitzuteilen.“
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