Die USA und Russland ringen knapp ein Jahr nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad um Einfluss auf das neue Syrien. Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa will an diesem Montag Donald Trump treffen – ein historischer Besuch, noch nie ein war syrischer Präsident im Weißen Haus. Wladimir Putin hatte Scharaa bereits im Oktober im Kreml empfangen. Auch er will mit Syrien ins Geschäft kommen.
Noch vor einem Jahr war Scharaa ein islamistischer Rebellenkommandant in der syrischen Provinz – heute ist er ein gefragter Gesprächspartner in den Hauptstädten der Welt. Kurz vor seiner Ankunft in Washington hatten die USA die noch bestehenden Sanktionen gegen ihn aufgehoben. Auch eine Einladung nach Deutschland hat Scharaa erhalten. Bundeskanzler Friedrich Merz will mit ihm über die Rückkehr syrischer Flüchtlinge sprechen.
Vor einem Jahr stürzte seine Miliz das Assad-Regime
Rückblick: Der 43-Jährige hatte seine radikal-islamistische Miliz HTS im Dezember 2024 gegen Assads Truppen ins Feld geführt – und stieß überraschenderweise auf so wenig Widerstand, dass seine Kämpfer in kürzester Zeit die Hauptstadt Damaskus überrannten. Assad war gestürzt und floh nach Moskau. Seitdem hat sich Scharaa vom islamischen Extremismus distanziert und damit erreicht, dass die meisten Sanktionen gegen sein Land aufgehoben wurden. Viele Staaten haben heute ein Interesse an einem stabilen Syrien. Der Bürgerkrieg in dem Land, das an die Türkei, Libanon, Israel, Jordanien und den Irak grenzt, trieb mehr als fünf Millionen Menschen in die Nachbarländer und bis nach Europa und nährte den Islamischen Staat (IS). Das Assad-Regime überzog arabische Staaten mit billigen Drogen.
Trump traf Scharaa bereits während einer Nahost-Reise im Mai und zeigte sich beeindruckt von dem syrischen Präsidenten, der noch vor 20 Jahren als Dschihadist ein Todfeind amerikanischer Truppen im Irak war. Nun empfängt man ihn als Staatsgast im Weißen Haus. Bei der Begegnung wird Scharaa nach den Worten von Trumps Syrien-Beauftragtem Tom Barrack offiziell die Teilnahme Syriens an der US-geführten Allianz gegen den IS unterzeichnen. Das soll den US-Einfluss in Syrien stärken, den Druck auf den IS erhöhen, der in jüngster Zeit wieder erstarkt ist, und die Eingliederung syrisch-kurdischer Milizionäre in die neue syrische Armee vorantreiben.
Donald Trump will Syrien zum Verbündeten machen
Trump will Syrien zum Verbündeten machen, um die amerikanischen Interessen in der Region zu sichern. In Washington will er mit Scharaa auch über das syrisch-israelische Verhältnis sprechen. Die beiden Länder sind offiziell im Krieg, und Israel nutzte das Machtvakuum in Syrien nach Assads Sturz, um syrische Militärstützpunkte aus der Luft zu zerstören und Truppen auf der syrischen Seite der Grenze zu stationieren.
Trump fordert einen Friedensvertrag zwischen Syrien und Israel, doch das wäre wegen der anti-israelischen Stimmung in seinem Land für Scharaa derzeit ein großes Risiko. Syrien will wohl zunächst ein Sicherheitsabkommen mit Israel, damit die israelischen Luftangriffe aufhören.
Scharaa braucht gute Beziehungen zur westlichen Führungsmacht USA, doch er hält auch die Gesprächskanäle mit Russland offen, dem wichtigsten Partner Syriens während der mehr als 50-jährigen Herrschaft des Assad-Clans. Moskau hatte Assad im Bürgerkrieg unterstützt, nach dem Sturz des Diktators aber die meisten Truppen aus Syrien abgezogen. Jetzt will Russland ans Mittelmeer zurückkehren.
Putin sprach bei seinem Treffen mit Scharaa in Moskau von einem „speziellen Verhältnis“ zwischen beiden Ländern. Nach Assads Sturz gebe es „interessante und nützliche“ Perspektiven. Militärs beider Länder verhandeln über eine Modernisierung der syrischen Armee, die traditionell mit russischen Waffen ausgestattet ist.
Moskau braucht die Stützpunkte in Syrien
Moskau unterhält einen Marinestützpunkt in Tartus an der syrischen Küste und die Luftwaffenbasis Hmeimim bei Latakia. Die beiden Stützpunkte sind für den russischen Einfluss im östlichen Mittelmeerraum und in Nordafrika unverzichtbar. Scharaa gab sein Einverständnis, dass die russischen Militärs die Stützpunkte weiter benutzen dürfen. Kurz darauf landeten nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg erstmals seit Monaten wieder russische Transportflugzeuge in Hmeimim.
Bisher hat Scharaa den Spagat zwischen den USA und Russland geschafft, ohne eine der beiden Großmächte zu verärgern. Langfristig könnte es jedoch Spannungen geben. Es liege im Interesse der USA, dass Putin seinen strategischen Brückenkopf in Syrien nicht wieder aufbauen könne, sagt die Russland-Expertin Anna Borshchevskaya von der Denkfabrik Washington-Institut für Nahost-Studien. Scharaa könnte in die Zwickmühle geraten.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren