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Nur Mut: Deutschland braucht endlich Reformen

Kommentar

Nur Mut! Deutschland muss aus dem Quark kommen

Stephanie Sartor
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    Kanzler Friedrich Merz steht wegen stockender Reformen unter Druck.
    Kanzler Friedrich Merz steht wegen stockender Reformen unter Druck. Foto: Michael Kappeler, dpa

    Früher, als wir Kinder waren und die Sommer lang und die Zeiten gut, früher also, da waren wir durstig nach Neuem. Harmlose Dinge freilich, das Eis so schnell schluzen, dass man Gehirnfrost bekommen hat, ein fettes Bein einer noch fetteren Spinne in der Gartenhütte anfassen, im Freibad vom Fünf-Meter-Turm springen, eintauchen, auftauchen, sich groß fühlen. Man hat es halt ausprobieren wollen, dieses Neue, von dem man nicht so recht wusste, wie es sein würde, und gerade deshalb hat man ihn gebraucht, den Mut.

    Heute ist genau der oft abhandengekommen. Natürlich nicht jedem Einzelnen, aber dem Land. Und denen, die es lenken, die mutige Entscheidungen treffen sollten – und es oft eben nicht tun. Stattdessen: Altbewährtes, sicher ist sicher, bloß kein Risiko. Und bevor wir über die Politik sprechen, wo derlei Mutlosigkeit viele Reformen bremst, zunächst zum Fußball. Weil: Selbst da traut man sich nichts und nun soll also Manuel Neuer, der der Nationalmannschaft schon den Rücken gekehrt hatte, bei der Weltmeisterschaft im Tor stehen. Eine Rückholaktion auf den letzten Metern, die den Jungen irgendwie das Gefühl gibt: Mit euch allein trauen wir uns nicht. Sorry, nehmt's nicht persönlich.

    Schwarz-Rot machte weiter mit dem Weiter-so

    Und dann also die Politik. Dass ausgerechnet der 74-jährige Wolfgang Kubicki – für viele die Verkörperung des alten weißen Mannes – die FDP retten und wieder in den Bundestag hieven soll, geschenkt. Nicht geschenkt indes: Dass Deutschland, dass die Bundesregierung nicht aus dem Quark kommt.

    Nach der müden Amtszeit von Olaf Scholz hatten die Menschen gehofft, dass sich mit Friedrich Merz, der im Wahlkampf und bei Amtsantritt den großen Reformer gab, endlich etwas bewegen würde. Doch das Ampel-Ende war kein Neuanfang. Schwarz-Rot machte weiter mit dem Weiter-so. Die Hoffnung, mit einem 500 Milliarden Euro schweren kreditfinanzierten Investitionspaket die Wende zu schaffen, schwand. Und schwindet.

    Die Menschen wünschen sich Reformen - aber sind nicht bereit, Belastungen mitzutragen

    Freilich, einige Dinge werden angeschoben, derzeit etwa die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung. Wirklich revolutionär ist das alles aber nicht, die Ideen sind nicht neu, ein bisschen drängt sich wieder der Manuel-Neuer-Vergleich auf. Wollte die Regierung mehr wagen, einen, um im Bild zu bleiben, neuen Spieler auf den Platz stellen, müsste sie weiter denken, vielleicht, nur ein Beispiel, die private Krankenversicherung infrage stellen.

    Dass die Politik so zaudert und zögert, hat auch mit den Menschen – den Wählern – zu tun. Denn dem ZDF-„Politbarometer“ zufolge wünschen sich zwar 89 Prozent der Bürger Reformen bei Rente, Arbeitsmarkt und Gesundheit, aber nicht bei ihnen selbst. 75 Prozent gaben an, sie würden in der Bevölkerung keine oder zumindest keine große Bereitschaft sehen, Belastungen, die Reformen mit sich brächten, mitzutragen. Wie soll da eine Regierung, die ohnehin um Zusammenhalt ringt und die AfD im Nacken hat, mutig agieren und gleichzeitig nicht den Eindruck erwecken, leichtsinnig mit dem Wählerwillen umzugehen?

    Ein bisschen mehr Mut würde uns allen guttun

    Als Kind, in diesen langen Sommern und guten Zeiten, konnte man sich Leichtsinn leisten. Nicht an morgen denken. Doch wir sind keine Kinder mehr, wir sehnen uns nach Sicherheit, nicht nach Nervenkitzel. Aber ein bisschen mehr Mut würde dem Land, den Menschen, uns allen trotzdem guttun. Doch leider sind wir an einem Punkt, an dem viele Menschen von der Politik gar nicht mehr viel erwarten. Zumindest keine komplette Neuaufstellung, andere Wege. Viele sind schon zufrieden, wenn ein bisschen was passiert und man Manuel Neuer ins Tor stellt. Für den Titel dürfte das aber nicht reichen.

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