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Politik: Der Anti-Sarkozy

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Der Anti-Sarkozy

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    Frankreichs neuer Präsident François Hollande will nach seinem Wahlsieg Präsident aller Franzosen sein.
    Frankreichs neuer Präsident François Hollande will nach seinem Wahlsieg Präsident aller Franzosen sein. Foto: afp

    Als François Hollande endlich, mehr als eine Stunde nach Bekanntgabe seines Wahlsieges am Sonntagabend, vor seine entfesselten Anhänger trat, ihnen „merci“ zurief und versprach, ein Präsident der Gerechtigkeit und der Jugend zu sein, schien er am Ende einer langen Bewährungsprobe: überwältigt, wenn auch gefasst und etwas erschöpft. Tatsächlich aber stand er gerade erst am Anfang der eigentlichen Herausforderung. Jetzt beginnt die Arbeit. Für mindestens fünf Jahre.

    Und während in Paris Zehntausende, die für den Wandel und die Abwahl Nicolas Sarkozys gestimmt hatten, bis zum Morgengrauen auf dem symbol- und geschichtsträchtigen Platz der Bastille feierten, dort, wo einst die Französische Revolution ihren Ausgang nahm, verabschiedete sich Hollande, gegen zwei Uhr, um am nächsten Morgen sogleich anzufangen: erste internationale Beziehungen herstellen, eine Regierungsmannschaft bilden.

    Vor allem die Wahl des Premierministers gilt als richtungsweisendes Signal – in der engen Auswahl sind Parteichefin Martine Aubry, Hollandes Vertrauter Jean-Marc Ayrault, aber auch der Partei-Rechte Manuel Valls. Sarkozy hatte den Posten vor fünf Jahren im Wahlkampf François Fillon angetragen, mit dem er sich demonstrativ beim Joggen ablichten ließ. Der bedächtige Fillon galt insofern als gute Wahl, als er das hitzige Temperament des Staatschefs ausgleichen konnte, zumindest sollte: Viel Handlungsspielraum bekam er ohnehin nie.

    Schon im Wahlkampf stilisierte sich Hollande als „Kandidat des Volkes“

    Das Beispiel seines Vorgängers hat Hollande gezeigt, wie sehr erste, unbedachte Patzer direkt nach der Wahl eine ganze Amtszeit überschatten können. Hochmütig stufte Sarkozy nicht nur Fillon als reinen „Mitarbeiter“ herab, sondern feierte am Wahlabend selbst im luxuriösen Restaurant Fouquet’s auf den Champs-Élysées mit Wirtschaftsbossen. Das Etikett „Bling-Bling“ und den Ruf, Präsident der Reichen zu sein, wurde er nie los. Das hat ihn mit die Wiederwahl gekostet.

    Hollande gibt in jeder Hinsicht den Anti-Sarkozy. An Urlaub ist sowieso nicht zu denken; und schon im Wahlkampf stilisierte er sich bewusst als „Kandidat des Volkes“. Im Städtchen Tulle, dessen Bürgermeister er lange war, seine Stimme abzugeben und die erste Rede zu halten, bevor er nachts nach Paris flog, schien deshalb konsequent. Und geschickt. Ähnlich wie Jacques Chirac startete Hollande einst seine Karriere als Abgeordneter des ländlichen Départements Corrèze, wo er stets verankert blieb. Trotz seiner elitären Ausbildung an renommierten Elitehochschulen strahlt Hollande eine bodenständige Herzlichkeit aus – bloß kein „Bling-Bling“.

    Während sich sein Vorgänger das Gehalt um 170 Prozent erhöhte, hat der Sozialist angekündigt, seine Bezahlung und die der Regierungsmitglieder um 30 Prozent zu senken. Wie schon im Wahlkampf achtet Hollande peinlich genau darauf, Fehler zu vermeiden.

    Lange hat ihn niemand kommen sehen, diesen klein gewachsenen Motorrollerfahrer, der künftig in schweren Limousinen chauffiert wird. Den jovialen „Monsieur Witzchen-Macher“, der sich zuletzt staatstragenden Ernst angewöhnt hat. Hollande schien zu normal für das höchste Staatsamt, bis er diese Normalität in einen Trumpf verwandelte, der ihn vom abgehobenen Sarkozy entfernte, aber den Wählern näher brachte. „Hollande, Präsident? Man glaubt zu träumen!“, spottete sein Parteifreund, der Ex-Premierminister Laurent Fabius. Das ist jetzt ein paar Jahre her. Heute hofft Fabius von Hollande in die Regierung geholt zu werden. Als Außenminister zum Beispiel.

    Dass dieser Mann der zweiten Reihe Frankreichs Präsident werden wollte, seit er ein Junge ist, das war ihm kaum anzusehen in seiner gemütlichen Rundlichkeit und mit seinem ausgeprägten Hang zur Kompromiss-Suche. Hollande galt zwar seit jungen Jahren als ehrgeiziger Parteisoldat, ein Ministeramt allerdings bekam er nie. Und obwohl er die Sozialisten von 1997 bis 2008 führte, steckte er bei der Kandidatur 2007 hinter seiner langjährigen Lebensgefährtin Ségolène Royal zurück, mit der er vier Kinder hat. Die Beziehung zerbrach nach ihrer Niederlage gegen Sarkozy; da war Hollande bereits mit der Journalistin Valérie Trierweiler liiert, die sich nun an die neue Rolle als Première Dame Frankreichs gewöhnen muss. Royal, der ein gespanntes Verhältnis mit ihrem Ex-Partner nachgesagt wird, stellte sich erneut demonstrativ hinter ihn; im Falle eines Sieges der Linken bei den Parlamentswahlen im Juni könnte sie mit dem Posten als Vorsitzende der Nationalversammlung belohnt werden. Zur Ministerin macht Hollande seine eigensinnige Genossin wohl nicht.

    An wichtigen Börsen rutschten die Kurse ab

    Dass Hollandes Wahl in Frankreich wie eine Sensation aufgenommen wurde, obwohl Umfragen seit Monaten darauf einstimmten, liegt auch an dieser Vorgeschichte mit ihrer fast fabelmäßigen Moral: Gewonnen hat der langsame, aber zähe und klug taktierende Igel Hollande gegen den spritzigen, doch überstürzt handelnden Hasen Sarkozy und die „Elefanten“ seiner eigenen Partei.

    Hinzu kommen die nostalgischen Vergleiche mit dem Mai 1981, als mit einem anderen François, nämlich Mitterrand, erstmals seit Gründung der Fünften Republik ein Sozialist an die Macht kam und dort 14 Jahre lang blieb. Hollande hat sich im Wahlkampf bewusst in eine Reihe mit dem verehrten Sozialisten-Vater gestellt und ihn bis zur Wortwahl und Gestik imitiert. Dabei erklärte nun sein Parteifreund Michel Sapin, der als Finanzminister gehandelt wird, dass die Stimmung heute eine andere sei als 1981. Und dass Frankreich gegenwärtig in einer ungleich schwierigeren Lage sei. „Hollande ist sofort gefordert. Er muss Schwierigkeiten begegnen, Entscheidungen treffen.“ Die aber werden nicht wie bei Mitterrand in sozialen Wohltaten bestehen können.

    Während Hollande eine Rücknahme der von Sarkozy beschlossenen Mehrwertsteuer-Erhöhung plant sowie teilweise auch der Rentenreform und zudem eine höhere Besteuerung der Reichen, signalisieren die Finanzmärkte bereits, wie hoch ihr Vertrauen in den Sozialisten ist. Nicht sehr hoch. An wichtigen Börsen rutschen die Kurse am Tag nach Hollandes Triumph ab. Finanzexperten treibt die Sorge um, dass der neue Präsident die vor allem von Deutschland propagierte Sparpolitik massiv infrage stellen könnte. Einige Unternehmen wie Air France dürften zudem nicht mehr lange mit der Ankündigung von Sozialplänen für den bevorstehenden Stellenabbau warten, die sie aus Rücksicht auf die Wahl bislang zurückhielten. Und am heutigen Dienstag werden die Wachstumsaussichten für das kommende Trimester angekündigt.

    Der nötige schnelle Wandel vom Provinzpolitiker zum Staatschef

    Auch das internationale Programm fordert den Neuling heraus: Nach der Amtseinführung am 15. Mai dürfte Hollande zum Antrittsbesuch nach Berlin fliegen; auf die deutsch-französische Freundschaft ging Hollande in seiner ersten Rede ein. Er wiederholte aber die Forderungen nach Wachstums-Impulsen im Fiskalpakt. Es folgen der G-8-Gipfel in Camp David und der Nato-Gipfel in Chicago, wo er den Partnern zu erklären hat, dass er die französischen Truppen bereits bis Jahresende aus Afghanistan abziehen will.

    Schnell muss Hollande also den Wandel vom Provinzpolitiker zum international agierenden Staatschef vollziehen. Vielleicht gibt ihm sein Vorgänger den einen oder anderen Tipp: Sarkozy hat Hollande eingeladen zur offiziellen Feier des heutigen 8. Mai, dem Tag der Befreiung von den Nazis. Eine Geste der Versöhnung zweier Politiker, wie sie gegensätzlicher kaum sein können. Und auch nicht wollen.

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