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Krieg gegen die Ukraine: „Putin hat uns den Tod geschickt“: Eskalation im Luftkrieg in der Ukraine

Krieg gegen die Ukraine

„Putin hat uns den Tod geschickt“: Eskalation im Luftkrieg in der Ukraine

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    Trauer um die Toten der Luftangriffe der letzten Tage in Kiew: Auch Alexander erweist den Opfern die Ehre. Er befürchtet weitere Angriffe.
    Trauer um die Toten der Luftangriffe der letzten Tage in Kiew: Auch Alexander erweist den Opfern die Ehre. Er befürchtet weitere Angriffe. Foto: Till Mayer

    Yulia hat einen Tintenfisch dabei. Im matten Orange hängen die Tentakel des Stofftiers vom runden Kopfteil herab. Die 41-Jährige legt ihn bedächtig auf das Meer von Blumen, das den wuchtigen Baumstamm ringförmig umschließt. Der Tintenfisch findet auf einem Strauß von roten Nelken Platz. Neben ihm leuchten zwei mächtige Teddybären ganz in strahlendem Weiß. Über ihnen blickt auf einem Foto traurig eine Frau mit Kurzhaarschnitt. Daneben, in Folie eingeschweißt, hängt an einer Schnur das Porträt eines jungen Mannes. Der Wind hebt das Foto immer wieder an. Es schaukelt im Luftzug.

    Yulia gedenkt Dima: Der junge Mann starb bei dem russischen Luftangriff. Er händigte der Geschäftsfrau oft ihre Pakete aus.
    Yulia gedenkt Dima: Der junge Mann starb bei dem russischen Luftangriff. Er händigte der Geschäftsfrau oft ihre Pakete aus. Foto: Till Mayer

    „Das ist Dima“, sagt Julia. Dann schiebt sie ihre Sonnenbrille aus dem Haar über der Stirn auf den Nasenrücken. Yulia schämt sich nicht für ihre Tränen, aber es ist ihre Trauer. Dima hat bei dem privaten Brief- und Paketdienst „Nova Poshta“ gearbeitet. Die „neue Post“ verzichtet auf allen überflüssigen Schnickschnack und liefert dafür günstig und schnell im ganzen Land. Dass im kargen Serviceraum die Menschlichkeit nicht zu kurz kam, dafür sorgte Dima. „Immer fand er nette Worte, wenn ich eine Sendung mit Stofftieren abholte. Höflich und hilfsbereit“, sagt Yulia. Sie besitzt nicht weit entfernt einen Mini-Laden. Dort verkauft sie kleine Geschenkartikel. Wie den Tintenfisch. „Dima war ein Fan von Tintenfischen“, erklärt Yulia. Es ist nicht das erste Mal, dass Yulia zum Baum kommt.

    60 Raketen und 600 Drohnen trafen die Ukraine bei russischen Luftangriffen in der Nacht von Samstag auf Sonntag

    Innerhalb von zehn Tagen terrorisieren die russischen Streitkräfte die Menschen von Kiew mit zwei Großangriffen aus der Luft. In der Nacht von Samstag auf Sonntag schickt Putin laut Angaben der ukrainischen Luftwaffe 60 Raketen und 600 Drohnen hauptsächlich gegen die ukrainische Hauptstadt, aber auch weitere Ziele in der Ukraine. Vier Menschen sterben in Kiew, über 80 werden verwundet. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko sind alle Stadtviertel der Metropole betroffen.

    24 Menschen, darunter drei Kinder, sterben zuvor in Kiew bei einem Luftschlag zwischen dem 13. und 14. Mai. Russland überzog die Ukraine mit einem Angriff von 1.667 Langstreckendrohnen und 56 Raketen. Eine davon schlug in den Wohnblock in der Bratstva Tarasivtsiv Straße ein, der hinter dem Baum aufragt. Ein Eckteil brach zusammen. Die Fertigteil-Wände des Gebäudes klappten zusammen wie ein Kartenhaus. Jetzt schaufeln Bagger die letzten Trümmer weg. Staubfahnen wehen über eine leere Fläche, fast so groß wie ein Fußballplatz.

    Beide Angriffe sind traurige Höhepunkte des Terrors aus der Luft, mit dem Russland seit dem 24. Februar 2022 die ganze Ukraine überzieht. Woche für Woche trifft es Wohnblocks und zivile Einrichtungen im ganzen Land, selbst in der Westukraine. Im Osten und Süden des Landes hat der Krieg ganze Städte und Dörfer in Trümmerwüsten verwandelt.

    Ganze Stadtviertel Kiews waren im Winter ohne Strom

    Ein besonderes Ziel der russischen Aggressoren sind Anlagen der Energieinfrastruktur. Besonders Kiew traf es in diesem bitterkalten Winter hart. Ganze Stadtviertel waren ohne Strom, Wasser und Heizung. 600.000 Menschen mussten bei Temperaturen bis zu -25 °C die Stadt verlassen. Sie drohten in ihren Wohnungen zu erfrieren. Die Bratstva Tarasivtsiv Straße liegt auf dem linken Ufer des Dnipro. Dort zieht sich ein Meer aus Hochhäusern und gigantischen Bettenburgen links und rechts der Straßen. Die Ausfälle trafen hier die Menschen besonders hart.

    Kiew nach russischem Angriff mit einer Oreschnik Rakete. In jedem Stadtviertel kommt es nach den schweren Luftangriffen in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu Zerstörungen.
    Kiew nach russischem Angriff mit einer Oreschnik Rakete. In jedem Stadtviertel kommt es nach den schweren Luftangriffen in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu Zerstörungen. Foto: Till Mayer

    Die Ukraine zeigt sich im russischen Angriffskrieg ungebrochen wehrhaft. Heimische Unternehmen bauen die Kompetenz bei der Drohnenproduktion aus. Mit Erfolg, ukrainische Langstrecken-Drohnen zerstören oder beschädigen mittlerweile Raffinerien tief im feindlichen Hinterland. Von Januar bis Mai 2026 gingen Drohnen auf 16 russische Raffinerien nieder. Seit 2024 sind es 21 von 38 großen russischen Raffinerien, die Treffer erhielten. Satellitenaufnahmen belegen dies. Es sind empfindliche Schläge, die für Russland schwere finanzielle Einbußen bedeuten. Mit dem Verkauf von Öl und Gas finanziert Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. An der Front im Donbas kommt die russische Armee unter gewaltigen Verlusten nur schleppend voran.

    Die Wirtschaft Russlands ist auf Kriegsmodus umgestellt

    Die russische Staatsverschuldung wächst, die Wirtschaft ist weitgehend in den Kriegsmodus umgestellt. Mit 38 Prozent schlagen sich die sogenannte „Verteidigung und Innere Sicherheit“ im russischen Staatshaushalt nieder. Das sind die offiziellen russischen Daten. Der Bundesnachrichtendienst geht davon aus, dass bereits über die Hälfte des Staatshaushalts an das Militär geht.

    Ein angeschlagener Diktator kann besonders grausam reagieren, das ist den Menschen in der Ukraine klar. Droht jetzt eine weitere Eskalation? Den Begriff findet Yulia falsch. „Die Situation eskaliert nicht, weil wir uns wehren. Putin hat uns den Tod geschickt, uns terrorisiert, bevor wir die Möglichkeit hatten, uns erfolgreich mit eigenen Langstrecken-Drohnen zu wehren. Putin will unsere Ukraine, das ist sein Ziel“, erklärt die 41-Jährige. Sie stammt aus dem Donbas und floh schon 2014 vor den Kämpfen nach Kiew. „Damals hat Russland den Krieg begonnen. Ich habe in Kiew bei null angefangen. Doch der Krieg holt mich immer wieder ein“, meint sie. Ein letzter Blick von ihr auf das Foto von Dima. Ein junger Mann mit schlankem Gesicht, Kurzhaarschnitt, hellem Bärtchen und einem lässig aufgeknöpften Hemd ist darauf zu sehen. „Er hatte doch sein ganzes Leben vor sich. Ich werde ihn vermissen“, meint sie zum Abschied.

    Jeden Morgen um 9 Uhr gedenkt die Ukraine der Opfer des russischen Angriffskrieges

    Zwei, drei Meter entfernt steht Alexander. Sein Gesicht ist von Trauer gezeichnet. Der 45-Jährige wohnt einige Kilometer entfernt. „Mein Bruder lebt mit seiner Familie in der Nachbarschaft. Es schmerzt, die Fotos der Opfer zu sehen. Was wir tun können, ist ihnen unseren Respekt zu erweisen“, erklärt er. Respekt erweisen, das ist in der ukrainischen Kriegsgesellschaft tief verankert. Jeden Morgen, Punkt 9 Uhr, steht das ganze Land still. Der Verkehr stoppt, die Menschen halten schweigsam inne. Eine Minute des Gedenkens an die Opfer dieses Krieges. An den Krieg, der das einst gewohnte Leben zum Stillstand brachte. 

    Nach den verheerenden Raketeneinschlägen der vergangenen Wochen räumt Kiew auf.
    Nach den verheerenden Raketeneinschlägen der vergangenen Wochen räumt Kiew auf. Foto: Till Mayer

    „Der Tod kann jederzeit kommen. Ich befürchte, die Vorbereitungen für den nächsten russischen Großangriff laufen. Sehen wir, was sie sich Teuflisches ausdenken“, meint Alexander leise. Seine Befürchtungen bestätigen sich in kürzester Zeit. Der Großangriff am Wochenende erschüttert die ganze Stadt. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Bevölkerung vor dem jüngsten Angriff gewarnt. Auch, dass die russische Mittelstreckenrakete Oreschnik zum Einsatz kommen kann. Mindestens eine eingesetzte Hyperschallwaffe Oreschnik bestätigen ukrainische Quellen. Einer der Haupttreffer des jüngsten Angriffs verwandelt das Umfeld der Metro-Station Lukianivska in ein Trümmerfeld. Die Stände eines angrenzenden Marktes brennen völlig aus. Ein Anwohner hebt ein verbogenes Trümmerteil auf. Er sieht es mit versteinertem Blick an. Hinter ihm qualmt es aus ausgebrannten Läden und Ständen, in denen er noch am Vortag einkaufen ging. Der Angriff trifft Schulen, Museen, Geschäfte und Wohngebäude. Stark beschädigt worden sind auch die Studios der ARD-Korrespondenten und der Deutschen Welle, die im Gebäude des nationalen Kunstmuseums untergebracht sind. „Raus gerissene Fensterrahmen, überall Splitter, zerstörte Technik – den eigenen Arbeitsplatz völlig verwüstet zu sehen ist ein Schock“, sagt Kiews ARD-Studioleiter Vassili Golod. Zum Zeitpunkt der Attacken habe sich niemand in dem Studio aufgehalten. Die Berichterstattung soll nun „mit mobilen technischen Lösungen und Ausweichmöglichkeiten weiter gewährleistet werden“, heißt es bei der ARD.

    Anna aus Kiew: „Wir haben den härtesten Winter unseres Lebens hinter uns“

    Zurück in der Bratstva Tarasivtsiv Straße: Nahe dem Baum führt ein Weg in die Einfahrt zu dem Gebäudekomplex. Gleich dahinter steht ein Bänkchen, auf dem zwei Seniorinnen Platz genommen haben. Die Sonne blinzelt durch die Blätter der Bäume. Doch hinter ihrem Rücken röhrt der Bagger bei den Aufräumarbeiten. „Wir beide haben den härtesten Winter unseres Lebens hinter uns. Gerade einmal fünf Grad im Zimmer, Wasser und Strom nur ab und an. Aber offensichtlich reicht das Putin noch nicht, um uns das Leben schwer zu machen“, meint die 77-jährige Anna ärgerlich.

    „Putin wäre gerne der König des Universums“, schüttelt ihre Freundin Olena den Kopf. Die 74-Jährige stammt selbst aus Russland und kam in Sowjetzeiten in die Ukraine. „Ich hätte nie gedacht, dass Russland eines Tages die Ukraine überfällt. Meine Verwandten in Russland haben sich für diese Verbrechen entschuldigt“, sagt sie. Aber sie weiß nur zu gut, dass dies die Ausnahme ist. Für Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer war es eine bittere Erfahrung, dass Verwandte in Russland es vorziehen, der staatlichen Propaganda statt ihnen zu glauben.

    Anna (77) findet nach über vier Jahren Vollinvasion keine Kraft mehr, um Blumen zu pflanzen.
    Anna (77) findet nach über vier Jahren Vollinvasion keine Kraft mehr, um Blumen zu pflanzen. Foto: Till Mayer

    „Eigentlich pflanzen wir im Frühjahr immer Blumen. Es ist so schön, sie blühen zu sehen. Aber dieses Jahr fehlt uns die Kraft“, meint Anna und versucht für die Kamera ein Lächeln aufzusetzen. Olena will lieber nicht fotografiert werden. Den Verwandten in Russland zu liebe. Sicher ist sicher.

    Einblicke wie in ein Puppenhaus: Im Kühlschrank einer zerstörten Küche liegt im obersten Fach eine Sektflasche.
    Einblicke wie in ein Puppenhaus: Im Kühlschrank einer zerstörten Küche liegt im obersten Fach eine Sektflasche. Foto: Till Mayer

    Hinter den beiden betagten Damen ragt der beschädigte Wohnblock auf. Wie ein Puppenhaus kann man seitlich in zerstörte Wohnungen sehen. Im sechsten Stock steht noch die Wand einer Küche mit ein wenig Fußboden davor. Die Türe des Kühlschranks ist geöffnet. Im obersten Fach liegt eine Sektflasche. Kühl gestellt für einen schönen Moment. Daraus sind die Trümmer eines Lebens geworden.

    Der Autor:
    Till Mayer dokumentiert den Krieg im Osten der Ukraine schon seit 2017. Seit dem Beginn der Full-Scale-Invasion im Februar 2022 bereist er das Land im monatlichen Rhythmus und berichtet regelmäßig für unsere Redaktion über die Folgen des russischen Angriffskriegs. Für seine Fotos und Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im ibidem-Verlag erschienen seine Reportagenbände „Widerstand - Freiheitskampf der Ukraine“ und „Europas Front - Krieg in der Ukraine“. 

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