Gegenüber der Tankstelle stehen zwei ausgebrannte Pickups halb im Gebüsch. Die Tankstelle selbst ist eine Ruine. Im Asphalt klafft ein Krater. Über den demolierten Zapfsäulen wölbt sich nur noch ein Stahlgerippe. Darunter schwarz und glaslos der ehemalige Verkaufsraum. Eine Handvoll Soldaten zieht auf der Straße vorbei. Drohnenjäger. Wie moderne Ritter wirken sie mit ihren schusssicheren Westen, schweren Stiefeln, Helmen und Schnellfeuergewehren mit aufgesetztem Zielfernrohr.
Doch für Ritter-Romantik ist hier in der Ukraine schwerlich der richtige Ort. An der Seite der Straße ziehen sich Stacheldrahtrollen entlang. Über den Köpfen ein Geflecht aus Netzen. Immer wieder aufgerissen, wo es einen Einschlag gegeben hat. Die Kämpfer marschieren durch die Todeszone. Die erstreckt sich bis zu 20 Kilometer tief von den Verteidigungslinien entfernt in das Hinterland. Gradraketen schlagen hier ein, Gleitbomben und Artilleriegranaten. In der Luft surren Kamikaze-Drohnen, die Jagd auf alles machen, was sich bewegt.
Fahrzeuge der ukrainischen Armee sind Ziele der Drohnen
Vor allem sind Fahrzeuge der Armee die Ziele. Sie transportieren Soldaten und Material und kündigen sich dröhnend an. Mit aufheulendem Motor rasen sie über den Asphalt, als würden sie auf einer Startbahn abheben wollen. Mit vollem Tempo geht es Richtung Kostjantyniwka in der Oblast Donezk. Geschwindigkeit ist überlebenswichtig. Je schneller, desto schwieriger ist es für den russischen Drohnen-Piloten, sie zu treffen. So donnern die Wagen mit brutaler Beschleunigung in Richtung der Verteidigungslinien. Kostjantyniwka ist eine Geisterstadt, mittlerweile in großen Teilen zerstört. Zusammengebrochene und ausgebrannte Wohnblocks reihen sich dort aneinander. Der Bahnhof ist nur noch Schutt. Selbst die Kirche ist eine Ruine. In den Vororten, Richtung Osten, stehen schon russische Truppen.
„Wenn das mit dem Krieg gegen den Iran so weitergeht, kann es zu Benzin-Rationierungen kommen. Hab ich gehört“, sagt Ruslan, einer der Drohnenjäger. Schon jetzt sind die Soldaten aufgefordert, Benzin und Diesel zu sparen. „Aber wie? Wenn unsere Jungs langsamer fahren, kriegen sie einen Drohnen-Treffer“, wirft ein anderer ein. Dann geht es um die steigenden Spritpreise im ganzen Land. „Schlimm ist das“, meint der 26-jährige Ruslan und dreht nachdenklich an seinem Bart.
So ist der Krieg in einem anderen Erdteil hier im Donbas angekommen. Mitten in der Todeszone. Den Soldaten ist bewusst, dass es nicht nur um Ölpreise geht. Die USA sind kaum noch als Partner zu sehen. Trumps Wankelmut kommt Putin zugute. Der neue Krieg könnte ihn dazu bewegen, die Ukraine endgültig fallen zu lassen. Russland ist der große Verdiener am Krieg im Nahen und Mittleren Osten. Steigende Öl- und Gaspreise füllen die Kriegskasse des Aggressors wieder auf. In den internationalen Medien verschwindet der Krieg in der Ukraine aus den Schlagzeilen. Ruslans Kampf droht weltweit in Vergessenheit zu geraten.
Drei Rentnerinnen starben in einem Evakuierungsfahrzeug
Soldaten in Uniform sind im Dienst keine politischen Aussagen erlaubt. Sein Kamerad Sergej umgeht es geschickt: „Wir werden alles dafür tun, dass niemand die Ukraine vergisst“, sagt der Soldat. Ruslan nickt nachdenklich. Dann erzählt er von einem russischen Drohnenangriff auf einen kleinen Evakuierungstransporter. „Zwei Seniorinnen hat es regelrecht den Kopf abgerissen. Eine weitere hat verletzt überlebt. Wir haben sie aus dem Wagen gerettet“, berichtet Ruslan. Er schüttelt den Kopf. „Die Russen halten sich nicht ans Völkerrecht. An die Genfer Konventionen. Was geht in so einem Drohnen-Piloten vor, dass er Großmütterchen tötet?“, fragt er.
Selbst rund um das orthodoxe Osterfest jetzt am Sonntag ruhen die Geschütze nur kurz. Die Ukraine und Russland werfen sich nach ihrer vereinbarten Waffenruhe anlässlich des Feiertags gegenseitig Tausende Verstöße vor. Der ukrainische Generalstab registrierte seit Samstag 2.299 Verletzungen der Waffenruhe, wie er am Sonntagmorgen bei Facebook mitteilte. Konkret gab es demnach unter anderem 479 Fälle von Beschuss und rund 1.800 Angriffe mit kleineren Drohnen.
Auch die ukrainischen Luftstreitkräfte bestätigen, dass es für sie eine Pause von 18 Stunden gegeben habe. Am Sonntagmorgen habe es allerdings im Gebiet Sumy einen für die Flugabwehr relevanten russischen Drohnenangriff gegeben. Im Gebiet Charkiw im Osten der Ukraine meldeten die Behörden nach einem russischen Drohnenangriff während der Waffenruhe zwei Verletzte in einem Lebensmittelgeschäft.
Das russische Verteidigungsministerium wirft auch der Ukraine gezielte Angriffe vor. „Insgesamt wurden im Zeitraum vom 11. April, 16.00 Uhr, bis zum 12. April, 8.00 Uhr, 1.971 Verstöße gegen den Waffenstillstand durch Einheiten der ukrainischen Streitkräfte registriert“, teilt das Ministerium in Moskau mit. Die ukrainische Armee habe trotz des Osterfriedens russische Stellungen unter anderem im Raum Pokrowsk im Gebiet Donezk sowie im Gebiet Dnipropetrowsk angegriffen.
An dem kleinen Trupp Soldaten rund um Ruslan zischt ein Pick-Up vorbei. Auf der Ladefläche sitzen Kämpfer. Die Schnellfeuergewehre griffbereit, um auf angreifende Drohnen zu schießen. Die soll ihnen der Stoßtrupp auf dem Asphalt vom Hals halten. Und auch die Drohnen eliminieren, die die feindlichen Piloten auf der Fahrbahn absetzen. Meist mit einer Panzerfaust-Granate bestückt, warten sie auf ihr Ziel. Steigen auf, wenn sich ein Fahrzeug nähert.
„Oder ein unvorsichtiger Zivilist“, murmelt einer der Soldaten. In der Ferne schiebt eine Frau ein Fahrrad durch ein halb zerstörtes Dorf. Vor den Ruinen haben sich Soldaten unter Bäumen verschanzt. Ausgerechnet jetzt taucht eine Drohne auf. Die Kämpfer haben einen Scanner dabei, der ortet die Radiowellen des feindlichen Fluggeräts. Treffen die Soldaten die Drohne nicht, werden sie selbst zum Ziel.
„Es ist ein ganz normaler Tag.“
Ruslan, ukrainischer Drohnenjäger
Schnellfeuergewehre beginnen aus verschiedenen Positionen anderer Drohnenjäger, in Richtung Himmel zu schießen, auch ein Maschinengewehr hämmert. Mittlerweile ist die Frau mit ihrem Rad auf rund 20 Meter herangekommen. Die Schüsse hallen ohne Unterbrechung. Sie weiß offensichtlich nicht, was sie tun soll. So bleibt sie stehen. Ein Soldat der Gruppe schießt bereits. Ein anderer lässt sich zurückfallen und nimmt von dort das Feuer auf. Dann ist die Drohne abgeschossen. Die Soldaten marschieren weiter. Vorbei an einer jungen Frau mit versteinertem Gesicht.
Nach einiger Zeit passieren die Drohnenjäger eine ehemalige Fabrik. Die Stimmung ist gut., trotz allem. „Ein ganz normaler Tag“, sagt Ruslan. Vor den Trümmern stecken sie sich eine Zigarette an. Der Monitor zeigt keine Drohnen. Auf der Straße zischt wieder ein Wagen vorbei.
Der Krieg im Iran dezimiert die ukrainische Armee. 200 ukrainische Drohnen-Spezialisten sollen Saudi-Arabien, Jordanien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten bei der Abwehr der iranischen Shahed-Drohnen helfen. Die Luftabwehr-Einheiten fehlen in der Heimat. Die Unterstützung wichtiger US-Verbündeter im Nahen Osten gilt als eine Geste gegenüber Washington. Die ukrainische Regierung erhofft sich wiederum, von den Ländern des Nahen Ostens auch dringend benötigte Patriot-Raketen zu erhalten. Die braucht es, um selbst ballistische Raketen abzufangen. In den ersten Tagen des Krieges am Persischen Golf schossen die angegriffenen Länder mehr als 300 Patriot-Raketen ab. Oft holten sie damit nur billige Shahed-Drohnen vom Himmel. Massenware der Zerstörung. Das ist mehr als die gesamte Menge, die seit Beginn der Vollinvasion an die Ukraine geliefert wurde.
Mit Langstrecken-Drohnen und ballistischen Raketen terrorisiert Russland die ganze Ukraine. Die Flugabwehr schützt auch, was Ruslan am wichtigsten ist: seine Frau und den kleinen Sohn in der Region Schytomyr. Die ukrainischen Verteidiger haben in vier Jahren Vollinvasion gegen einen übermächtigen Gegner durchgehalten. Sie kämpften erfolgreich, trotz des Mangels selbst an Artillerie-Munition. Jetzt kommt vielleicht der Spritmangel als neue Herausforderung. Und wieder werden die Karten neu gemischt. Ruslan möchte darüber am liebsten gar nicht nachdenken. Jeden Tag schießt er mindestens zwei Drohnen ab. Irgendwo zwischen einer zerstörten Tankstelle und einer Fabrik in Trümmern. „Das ist meine Aufgabe und alles, was ich jetzt tun kann“, erklärt er.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren